2. Bundesliga

Ein Weiter-So verbietet sich - und dies in vieler Hinsicht

Ein Kommentar von kicker-Redakteur Christian Biechele

Ein Weiter-So verbietet sich - und dies in vieler Hinsicht

Ende gut, alles gut? In Nürnberg war die Freude über den Last-Minute-Klassenerhalt riesig, dennoch braucht der FCN jetzt einen schonungslose Analyse.

Ende gut, alles gut? In Nürnberg war die Freude über den Last-Minute-Klassenerhalt riesig, dennoch braucht der FCN jetzt einen schonungslose Analyse. imago images

Alles hinterfragen, alles auf den Prüfstand, muss nun die Devise lauten. Und Sportvorstand Robert Palikuca hat unlängst nach dem 0:1 im Derby gegen Fürth ja selbst gesagt, dass es ein Weiter-So nicht geben kann. Recht hat er, und dies beginnt gleich mit seiner Person. Wenn er zugleich betont, dass er die Verantwortung für diese Spielzeit übernimmt, dann ist dies nicht ehrenwert, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wenn nicht er als Sportvorstand, wer denn dann?

Und seine Bilanz ist so desaströs ausgefallen, dass es für ein Weiter mit Ihm kaum Argumente gibt. Dass bei einem Totalumbau, wie der FCN ihn unter Palikucas Regie im vergangenen Sommer betrieben hat, nicht alles passen kann, versteht sich von selbst. Und selbst so eine Saison, wie sie der FCN durchleben musste, könnte man angesichts des nun vermiedenen GAU ein Stück weit wegdrücken.

Beim FCN sind Konsequenzen ein Muss

Der Club hat jedoch nicht nur eine miserable Runde gespielt, sondern ist derart meilenweit hinter seinen selbst gesteckten Zielen geblieben, dass Konsequenzen ein Muss sind. Nur zu Erinnerung: Der FCN warf vor gut einem Jahr nicht nur das Ziel an die Wand, spätestens in zwei Jahren wieder in der Bundesliga zu spielen - auch die dann dauerhafte Zugehörigkeit zur Eliteliga wurde im gleichen Atemzug aufgeführt. Und garantieren sollte es jener Kader, der nach dem Abstieg für viel Geld von links nach rechts gedreht wurde. Einspielen, sich finden, dann noch die eine oder andere Ergänzung dazu, und schon gehört man auf Jahre hinweg dauerhaft zum erlauchten Kreis der Bundesliga - so stand es auf der Agenda.

Bilanz fällt ernüchternd aus

Robert Palikuca

Er muss sich kritische Fragen stellen: Robert Palikuca. imago images

Ein Plan, dem die Kaderzusammenstellung ungeachtet eines Robin Hacks oder eines Konstantin Mavropanos Hohn spottet. Zu groß, zu unausgewogen, zu viele ähnliche Spielertypen, zu viele nicht auf ihrer eigentlichen Position eingesetzten Spieler, in Anbetracht der eingesetzten finanziellen Mittel dann auch zu wenig Qualität sowie Perspektive und dann noch zweimal bei der Wahl der Cheftrainer danebengelegen - die Bestandsaufnahme fällt für den Sportvorstand sehr geschönt ausgedrückt äußerst ernüchternd aus. Bezeichnend, dass es nun in der Relegation in erster Linie die "alten" Akteure richteten, während die millionen-teuren Neuzugänge zuschauten oder gar nicht im Aufgebot standen.

Corona sorgt für zusätzliche Probleme

Bitter wiegt mit Blick auf die neue Spielzeit auch der Umstand, dass der Kader mit derzeit über 27 bestehenden Verträgen eigentlich schon dicht ist. Nun könnte man einwenden, dass so etwas gerade im Profibereich nicht in Stein gemeißelt und leicht veränderbar ist. In normalen Zeiten mag dies ein Stück weit zutreffen, nicht aber für die jetzige Transferperiode, die Corona-Krise lässt grüßen.

Die Ablösen werden, die Ausnahmekönner ausgeklammert, drastisch sinken, das Durchschnittsgehalt bei den neu geschlossenen Verträgen in der 2. Liga vermutlich ebenso. Kurzum: Es wird sehr schwer sein, einen Spieler mit einem "alten" Vertrag einen Wechsel schmackhaft zu machen. Zumal die Gehälter beim FCN im oberen Zweitliga-Niveau angesiedelt sind.

Gut, auch dies lässt sich mit einer Abfindung regeln, doch die vor einem Jahr gerade erst finanziell einigermaßen genesenen Franken werden nach jenem Umbau und dieser Saison wieder jeden Euro ganz genau umdrehen müssen. So gesehen kommt es für den FCN sehr unpassend, dass er, den neuen Chefcoach eingerechnet, für die kommende Spielzeit drei Cheftrainer und vier, wenn nicht gar fünf Assistenztrainer auf seinem Lohnzettel stehen haben wird.

Sportliche Strategie wird gebraucht - losgelöst von Personen

Was diese Saison auch gezeigt hat: Der Club muss endlich für seinen Profi-Bereich eine lang angelegt sportliche Philosophie entwickeln. Es reicht eben nicht zu sagen, wir gehören in die Bundesliga, er muss sich auf ein generelles Wie verständigen, das er völlig losgelöst vom Namen eines Sportvorstandes oder eines Trainers zum Leitfaden seines Handelns machen muss. Das beginnt ganz simpel damit, dass er eine Kadergröße von rund 20 Feldspielern vorgeben muss, damit aus der U 19 und der U 21 beständig drei, vier Talente bei den Profis mittrainieren können.

In puncto Wahrnehmung des FCN in der Region wie in der Stadt fährt der Verein ja seit Längerem eine klare Strategie - im Kerngeschäft, der Profi-Mannschaft, ist indes keine zu erkennen.

Peinliche Außendarstellung

Apropos Wahrnehmung. Dass Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Thomas Grethlein das Relegationshinspiel mit Zigarre und Bierflasche verfolgte und sich zudem noch ein Wortgefecht mit Gäste-Coach Tomas Oral lieferte, passt nicht zu dem Bild des großen Traditionsvereins, das der Club zu Recht von sich hat und auch nach außen transportieren will. Deswegen gibt er im NLZ seinen Trainern, Spielern und deren Eltern übrigens auch einen Verhaltenskodex vor. Wenn sich nun einer der höchsten Repräsentanten des neunmaligen deutschen Meisters in offizieller Funktion so präsentiert, muss man kein sauertöpfischer Moralapostel sein, um dies peinlich zu finden. Andererseits: Passt irgendwie zur abgelaufenen Saison.

Bilder zur Partie FC Ingolstadt 04 - 1. FC Nürnberg