Bundesliga

Baumann und Kohfeldt: Die schonungslose Aufarbeitung bei Werder Bremen

Werders Verantwortliche üben viel Selbstkritik

Baumann und Kohfeldt: Die schonungslose Aufarbeitung

Führungsriege von Werder Bremen

Marco Bode, Florian Kohfeldt, Klaus Filbry und Frank Baumann bei der Saisonanalyse. picture alliance

Es folgte in der Tat eine harte, offene und glaubwürdige Aufarbeitung der eigenen Fehler und Versäumnisse. Verbunden mit einem realitätsbewussten Blick in die Zukunft. Bodes treffende Zusammenfassung: "Wer glaubt, dass Köpfe rollen müssen, den werden wir enttäuschen. Aber es ist vollkommen klar, dass wir uns verändern müssen." Der kicker fasst die wichtigsten Inhalte der Pressekonferenz zusammen.

Die Selbstkritik: Allen voran Baumann sprach schonungslos Klartext. "Es war eine historisch schlechte Saison. Für die Rahmenbedingungen und sportlichen Entscheidungen übernehme ich intern wie extern die Verantwortung." Dabei blieb der Manager keineswegs im Ungefähren, sondern sprach ganz konkrete Versäumnisse an, die er während der vergangenen Monate noch abgestritten hatte. Zum Beispiel: "In der Rückschau hätten wir früher über eine Veränderung der Zielsetzung sprechen müssen. Die Warnungen, die wir nach innen abgegeben haben, auch öffentlich machen, um die Sinne zu schärfen." Sprich: Bereits im Herbst den Abstiegskampf ausrufen, was intern - wie Baumann und Kohfeldt versichern - angeblich bereits nach dem 2:2 gegen Freiburg in der Hinrunde geschehen sei. Freilich ohne den gewünschten Effekt aufs Team. Wurzel allen Übels laut Baumann: Der "Überehrgeiz" bei der Trainingssteuerung im Sommer, letztlich Ausgangspunkt für die Verletztenmisere, mangelnde Fitness und in der Folge fehlendes Selbstvertrauen. Ein Teufelskreis, der erst dank der Corona-Pause unterbrochen wurde und für den zu Recht Kohfeldt die Verantwortung übernimmt: "Dieser Fehler liegt bei mir, das wird mir so nicht mehr passieren." Hinzu kommt Baumanns Geständnis: "Wir haben nicht immer schnell und konsequent genug gehandelt." Die Absetzung von Athletik-Chef Axel Dörrfuß im Februar erfolgte demnach zu spät. Die eigene Kaderzusammenstellung kritisierte Baumann ebenfalls: "Wir hatten viele Führungsspieler, aber kaum dominante Typen." Generell zieht der Manager auch die Spieler richtigerweise zur Verantwortung: "Wir haben sie oft in Schutz genommen, aber auch sie haben Anteil an der schlechten Saison. Wichtigstes Beispiel: Die Standardsituationen waren in keiner Weise ein Trainer- oder Co-Trainer-Problem. Wir wurden kein einziges Mal überrascht, waren immer vorbereitet, aber die Spieler waren einfach zu nachlässig."

Wir müssen davon ausgehen, dass Milot kommende Saison nicht mehr bei uns spielt.

Frank Baumann

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Die Finanzen: Durch die Auswirkungen der Corona-Krise ergeben sich für die abgelaufene und die kommende Saison insgesamt 30 Millionen Euro Mindereinnahmen, rechnete Filbry vor. Die Liquidität sei u.a. dank des beantragten KfW-Kredits gesichert, "wir sind relativ lange durchfinanziert", so Filbry. Aber: Abgesehen von den Kaufverpflichtungen für Leo Bittencourt und Ömer Toprak, die für insgesamt elf Millionen Euro greifen, kann Werder höchstens Transfers tätigen, wenn vorab Spieler verkauft würden. Außer für Milot Rashica gebe es bislang aber keine konkreten Anfragen, so Baumann. Dass es sich bei dem Interessenten um RB Leipzig handelt, ist ein offenes Geheimnis. "Wir müssen davon ausgehen, dass Milot kommende Saison nicht mehr bei uns spielt", erklärt Baumann - und betont zugleich: "Wir müssen keinen Spieler unter Wert verkaufen und werden das auch bei Milot nicht tun." Dass die festgeschriebene Ablöse von 35 Millionen Euro nicht zu erzielen sein wird, dürfte ebenfalls allen klar sein. Ein längerer Poker steht also bevor. Generell sagt Baumann: "In unserer Situation ist kein Spieler unverkäuflich."

Ich habe nie daran gedacht, hinzuwerfen, und habe mit keinem anderen Verein gesprochen als mit Werder.

Florian Kohfeldt

Die Zukunft: "Ein Stück demütig" will Baumann die kommende Saison angehen, "ohne es uns nehmen zu lassen, auch ambitioniert zu agieren." Über konkrete Saisonziele wird logischerweise erst kurz vor dem Start gesprochen. Kohfeldt verspürt "große Lust und Energie, den herausfordernden Weg weiter mitzugehen". Weshalb er auch "anders als teilweise zu lesen war, keine Forderungen gestellt habe". Vielmehr bedankte sich Kohfeldt nachdrücklich bei seinen Vorgesetzten, den Klubmitarbeitern, Fans und seinen Profis für Rückendeckung und Vertrauen. "Das war nicht selbstverständlich." Zugleich sei auch er weiterhin überzeugt vom Potenzial des Kaders: "Dass viele Spieler, die ich haben wollte, nicht das abgerufen haben, was sie können, ändert nichts an meiner grundsätzlichen Einschätzung." Warum er seine Zukunft nach der Rettung dann dennoch zunächst offenließ? "Es gab einfach eine veränderte Situation für den Klub, über die es zu reden galt. Ich habe nie daran gedacht, hinzuwerfen, und habe mit keinem anderen Verein gesprochen als mit Werder. Das beantwortet alles." Noch nicht beantwortet wurden Fragen zu möglichen personellen Veränderungen um die Mannschaft. Der vor einem Jahr verpflichtete Co-Trainer Ilia Gruev gilt als Abschiedskandidat. Zudem wird über die Installierung eines Sportdirektors, möglicherweise Clemens Fritz, nachgedacht. Solche Entscheidungen sollen bis zum Trainingsstart Anfang August fallen.

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