Bundesliga

Was Kohfeldt jetzt bei Werder beweisen muss

Für Baumann ist klar: Der Trainer bleibt

Was Kohfeldt jetzt bei Werder beweisen muss

Florian Kohfeldt und Frank Baumann

Lagen sich nach Schlusspfiff in den Armen: Florian Kohfeldt und Frank Baumann. imago images

Florian Kohfeldt wusste nach dem geschafften Klassenerhalt die richtigen Prioritäten zu setzen. Natürlich dürfe jetzt gefeiert werden, erklärte der Bremer Trainer - und zwar sogar "sowas von". Auch wenn Werders Rettung nicht zuletzt eine von Coronas Gnaden ist.

Vor der Saisonunterbrechung, gibt Kohfeldt zu, war man "nicht wettbewerbsfähig". Den momentanen Erfolg sollten die Beteiligten wertschätzen. Selbstverständlich ohne sich davon auch nur ansatzweise blenden zu lassen. Auch das machte Kohfeldt unmittelbar deutlich: "Der analytische Teil wird in den nächsten Tagen folgen. Und der wird unheimlich wichtig sein für die Zukunft von Werder."

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Nachfragen nach der eigenen Zukunft ließ der Fußballlehrer dabei zunächst unbeantwortet. Für Geschäftsführer Frank Baumann ist unterdessen klar: Es geht weiter mit Kohfeldt.

"Es ist keine Frage, dass wir weiterhin absolut von ihm überzeugt sind"

"Wir alle haben unser Vertrauen in Florian immer wieder dokumentiert", sagt Baumann, "und er hat bewiesen, dass er sich mit der Mannschaft selbst aus einer so schwierigen Situation herauskämpfen kann. Es ist keine Frage, dass wir weiterhin absolut von ihm überzeugt sind. Und ich gehe fest davon aus, dass er Lust, Kraft und Power hat, den Weg hier weiter mitzugehen."

Alles andere wäre in der Tat eine faustdicke Überraschung, nicht nur wegen Kohfeldts bis 2023 laufenden Vertrags, den Baumann am Rande auch noch erwähnte. Sondern vor allem deshalb, weil es für Kohfeldt gar keinen besseren Gradmesser geben könnte als eine Fortsetzung seines Engagements in Bremen. Gerade damit kann und muss er seine Weiterentwicklung als Chefcoach beweisen.

Kohfeldts Schlüsse aus dem Lehrjahr

Nach rund anderthalbjährigem Erfolgskurs war die zurückliegende Saison ein Lehrjahr für den 37-Jährigen, der am Montag noch einmal klarstellte: "Ich habe immer betont, dass ich ein junger Trainer bin und nie gesagt, dass ich alles weiß. Deshalb versuche ich immer, mich mit erfahrenen Kollegen auszutauschen. Die haben mir alle versichert: Aus dieser Saison werde ich sehr viel lernen. Das glaube ich auch, ohne dass ich schon genau weiß, was es ist."

Ansatzpunkte gibt es genügend. Kohfeldt muss, ebenso wie Baumann, künftig stringenter führen. Eine sensible, in Teilen naive Mannschaft wurde von beiden Chefs speziell im Verlauf der Hinrunde verbal viel zu lange in Watte gepackt. Dass die Trainingssteuerung im Sommer aus dem Ruder lief, erklärter Ausgangspunkt der fatalen Verletztenmisere, mag unmittelbar aufs Konto des im Februar abgesetzten Athletikchefs Axel Dörrfuß gehen. Doch dass dieser ein offenkundig unkontrolliertes Eigenleben entwickeln durfte, fällt logischer Weise ebenfalls in Kohfeldts und Baumanns Verantwortungsbereich.

Das Versäumnis nach Delaneys Abschied

Genau wie die Kaderplanung. Dabei war die Trennung von Max Kruse sogar richtig unter der Voraussetzung, dass der Ex-Kapitän einen noch besseren Vertrag herausschlagen wollte als er ohnehin schon hatte. Das grundlegende Versäumnis reicht vielmehr in den Sommer 2018 zurück: Nach dem Abschied von Thomas Delaney verzichtete man sehendes Auges auf die Verpflichtung eines zweikampfstarken Sechsers.

Auch ein Jahr später wurde nichts unternommen, dieses Manko zu beheben, obwohl alle wussten, dass es dem Kader neben Schnelligkeit vor allem an physischer Präsenz fehlte. Diese wollte man immerhin auf anderen Positionen erhöhen, etwa durch Mittelstürmer Niclas Füllkrug und Innenverteidiger Ömer Toprak. Beide hätten theoretisch durchaus die Klasse, das Team auf ein anderes Niveau zu heben. Freilich eilte dem Duo auch der Ruf der Verletzungsanfälligkeit voraus, der sich bitter bestätigte. In Einzelfällen kam gewiss einfach Pech hinzu. Aber Baumann und der in Personalfragen stark involvierte Kohfeldt müssen sich ankreiden lassen, mit zu vielen körperlich vorbelasteten Profis insgesamt zu hoch gepokert zu haben.

Wunschspieler werden zu Altlasten

Geld für Verstärkungen wird trotz des sich anbahnenden Verkaufs von Milot Rashica in diesem Sommer kaum vorhanden sein. Stattdessen wirkt so mancher einstige Wunschspieler momentan wie eine teure Altlast. Sei es Toprak, Leo Bittencourt oder insbesondere Davie Selke, der bislang ganz krass enttäuschte.

Kohfeldt kann und muss nun daran arbeiten, aus solchen Akteuren deutlich mehr herauszuholen als diese bisher zeigten. Auch das hoch gehandelte (und ebenso bezahlte) Eigengewächs Johannes Eggestein, in der Endphase der Saison komplett ausgebootet, sollte wieder weiterentwickelt werden. Genau wie eine Reihe weiterer vielversprechender Talente wie Ilia Gruev, Romano Schmid oder Felix Agu. Die Herausforderung bei seinem Herzensverein Werder dürfte für Kohfeldt also nach menschlichem Ermessen groß genug bleiben.

Thiemo Müller

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