2. Bundesliga

Relegation: Warum Heidenheim den Aufstieg verdient hat

Vor dem Relegationsspiel gegen Werder Bremen

Warum Heidenheim den Aufstieg verdient hat

1. FC Heidenheim

Geht das Märchen in die nächste Runde? Der 1. FC Heidenheim steht vor dem Aufstieg. picture alliance

Wenn mal wieder einer der großen Traditionsvereine vor dem Abstieg steht, wird seit Jahren das immer gleiche Bedrohungsszenario aufgemacht: Dann müsst ihr nächste Saison in Heidenheim und Sandhausen spielen. Nicht mal das Navigationsgerät bringt einen sicher in die richtige Stadt, denn wer nicht aufpasst, landet im mittelfränkischen Heidenheim. Das "richtige" Heidenheim (der Zusatz "an der Brenz" hilft weiter) liegt auf der Ostalb, wegen der rauen und kalten Winter auch gerne mal "schwäbisch Sibirien" genannt. Das Stadion auf dem Schlossberg, das mittlerweile übrigens dem Verein gehört, liegt gut 550 Meter über NN und ist damit das höchstgelegene im deutschen Profifußball. Provinz halt. Viel weniger sexy geht kaum - zumindest auf den ersten Blick. Allerdings lohnt es sich, genauer hinzusehen, denn Fußballromantiker kommen beim FCH durchaus auf ihre Kosten.

"Was soll daran langweilig sein?"

Vorstandsvorsitzender Holger Sanwald, der genau wie Trainer Frank Schmidt und Kapitän Marc Schnatterer zum Inventar des Vereins zählt, ärgert dieses Image. Man habe sich den Status durch einen einzigartigen Weg erarbeitet, sagte er einst im Interview mit dem kicker. "Was daran langweilig sein soll, wenn man mit ehrlicher Arbeit und Kontinuität nach oben kommt, erschließt sich mir nicht."

Werder Bremen - Vereinsdaten
Werder Bremen

Gründungsdatum

04.02.1899

Vereinsfarben

Grün-Weiß

1. FC Heidenheim - Vereinsdaten
1. FC Heidenheim

Gründungsdatum

01.01.2007

Vereinsfarben

Rot-Blau-Weiß

Spielersteckbrief Schnatterer
Schnatterer

Schnatterer Marc

Trainersteckbrief Schmidt
Schmidt

Schmidt Frank

Doch selbst auf der Ostalb führte der Fußball lange Zeit nur ein Schattendasein, die bekanntesten Heidenheimer Sportler waren die Fechter. Arnd Schmitt oder Imke Duplitzer sammelten Titel bei Europa- und Weltmeisterschaften und sogar olympische Medaillen. Die Heidenheimer Heideköpfe feierten 2009 die deutsche Meisterschaft im Baseball. Der FCH hatte es immerhin schon in die 3. Liga geschafft.

2007 - Eine folgenschwere Entscheidung

Trainer Frank Schmidt und Marc Schnatterer

Die Köpfe des Erfolgs: Trainer Frank Schmidt und Marc Schnatterer. picture alliance

Doch die wundersame Geschichte startete bekanntlich schon zwei Jahre früher, denn 2007 kam es zu einer folgenschweren Entscheidung. Frank Schmidt, gerade hatte er seine aktive Karriere beendet, sollte dem Verein nach der Entlassung von Dieter Märkle für zwei Spiele aushelfen. Er hilft immer noch aus. Damals schon im Verein: Holger Sanwald. Der heutige Vorstandvorsitzende war da, als sich keiner für den Klub interessierte, kaum Zuschauer kamen und die Verbandsliga das höchste der Gefühle war.

2008, als der Aufstieg in die Regionalliga glückte, war das Trio Schmidt, Sanwald und Schnatterer schließlich komplett - alle drei sind bis jetzt dabei. Die Eckdaten bis heute: 2009 - Aufstieg in die 3. Liga, 2014 - Meister in der 3. Liga, 2016 - erstmaliges Erreichen des Viertelfinals im DFB-Pokal, 2020 - 3. Platz in der 2. Bundesliga. Seit dem Aufstieg 2014 wackelten die Schwaben nur in der Saison 2017/18 ernsthaft, als bis zum letzten Spieltag gezittert werden musste. Trainer Schmidt überstand auch diese kritische Spielzeit. Nur außerhalb des Klubs wurde leise "gebruddelt" - Sanwald stellte seinen Coach nie in Frage.

Kontinuität und Identifikation

Mit viel Akribie und großer Ausdauer haben sich Schmidt und Co. ein stabiles Umfeld aufgebaut. Kontinuität und Identifikation mit dem Verein, was viele kritische Fußballfans in der Branche zunehmend vermissen und anprangern, wird von den führenden Köpfen nicht nur eingefordert, sondern eben selbst vorgelebt. Schmidt hat alle Abwerbeversuche aus der Bundesliga bisher abgelehnt. "Wenn man dort trainiert, wo man 200 Meter Luftlinie geboren ist, dann ist die Identifikation natürlich potenziert", sagt er im Interview mit DAZN. Das hält viele dennoch nicht davon ab, auf Reisen zu gehen, wenn das große Geld lockt und dem Heimatverein den Rücken zuzukehren. Doch Schmidt - wie auch Schnatterer - halten dem Klub die Treue.

Tradition alleine reicht schon lange nicht mehr

Beim großen Bruder in Stuttgart wird man sehnsüchtig auf die Ostalb schauen, hat man doch unzählige Trainer in dieser Zeit verbraucht und sehnt sich genau nach dieser Kontinuität. Tradition alleine reicht eben schon lange nicht mehr. Doch ein Vergleich mit RB Leipzig, dem VfL Wolfsburg oder der TSG Hoffenheim wird Heidenheim nicht gerecht. Im Gegenteil. Der kleine Verein aus der 50.000-Einwohnerstadt ist gerade nicht von einem mächtigen Geldgeber abhängig. Neben den Hauptsponsoren Voith und Hartmann, die beide aus der Stadt kommen, gibt es hunderte kleine Sponsoren. Kleinvieh macht eben auch genug Mist, um ein bisschen bei den Großen mitzuspielen.

Getreu dem schwäbischen Motto: Schaffe, schaffe Häusle baue, wurde auf dem Schlossberg ein kleines Fußballmärchen Stein auf Stein gebaut. Doch die Kluft ist immer noch enorm. Während etwa Relegationsgegner Werder zuletzt einen Umsatz von 157,1 Millionen Euro vermeldete, hatte der FCH bescheidene 32,5 Millionen Euro. Noch ein Beispiel gefällig? Die Bremer Personalkosten beliefen sich auf 71,9 Millionen Euro, im Ländle wurden gerade mal 15,8 Millionen bezahlt.

"Wir können nicht mit den gleichen Waffen dagegenhalten"

"Wir beschränken uns nicht und können nicht mit den gleichen Möglichkeiten auftreten", weiß Schmidt denn auch. "Wir können nicht mit den gleichen Waffen dagegenhalten. Wir müssen bei anderen Dingen besser sein. Die Entschlossenheit, Widerstandsfähigkeit, die wird sehr, sehr wichtig sein." Wer würde es am Montagabend Frank Schmidt und Kapitän Marc Schnatterer aus rein sportlichen Gesichtspunkten nicht gönnen, dass sie mit einem Jahr Bundesliga belohnt werden? Und wer weiß, vielleicht werden ja doch wieder ein paar Jahre mehr draus...

Tobias Rudolf

Umsatz, Mitglieder, Ablösen: Das Duell der krassen Gegensätze