2. Bundesliga

1.FC Nürnberg: Michael Wiesinger "läuft es kalt den Rücken runter"

Vorübergehender FCN-Cheftrainer brennt auf die Relegation

Wiesinger "läuft es kalt den Rücken runter" - Trainingslager als Option

Michael Wiesinger

Er soll den FCN vor dem Sturz in die 3. Liga bewahren: Michael Wiesinger. imago images

Es passte ein wenig ins Bild, das sich in den letzten Wochen rund um den Valznerweiher zeichnet: Der erste Versuch der Video-Pressekonferenz scheiterte, weswegen ein zweiter Anlauf gebraucht wurde. Einen solchen braucht der FCN auch in Sachen Kampf gegen den Abstieg. Vor den Relegationsspielen wurde Jens Keller von seinen Aufgaben entbunden, Michael Wiesinger und Marek Mintal sollen stattdessen das Ruder gegen den noch zu suchenden Drittligisten herumreißen. Nach dem enttäuschenden 1:1 in Kiel habe sich Sportvorstand Robert Palikuca mit den Gremien beim Club ausgetauscht und sei zu dem Entschluss gekommen, dass die Mannschaft dringend einen "neuen Impuls" brauche.

Mit Keller habe Palikuca am Montag, wie auch in den vergangenen Wochen, einen "sehr guten, ehrlichen Austausch" gehabt. Der Club sei zuletzt "oft in die gleichen Muster verfallen", habe kein Spiel "über 90 Minuten durchgebracht". Hintenraus seien zu viele Punkte auf der Strecke geblieben. Keller habe die Entscheidung "mit Fassung getragen", von der neuen Lösung sind sie in Nürnberg vollends überzeugt.

Wiesinger und Mintal hätten nicht nur alle Spiele der Profis, die im NLZ "ohnehin ständig besprochen werden", verfolgt, sondern stünden laut Palikuca exemplarisch für "Herzblut und hohe Identifikation". Dass sein eigener Stuhl auf wackligen Beinen steht, weiß Palikuca indes. "Das ist im Fußball nichts Unytpisches."

Misidjan keine Option - Rhein ein potenzieller Gegner

Explizit angesprochen wurde Palikuca zudem zu den Personalien Virgil Misidjan (im Aufbautraining nach langer Pause), Ondrej Petrak (im Winter nach Dresden verliehen) und Simon Rhein (im vergangenen Sommer an Drittligist Würzburg verliehen). Rhein wäre im brisanten Fall eines direkten Aufeinandertreffens spielberechtigt. Für dieses Szenario sei keine Klausel vereinbart worden. Bei Misidjan sei es derweil "fahrlässig, irgendwelche Hoffnungen zu hegen, dass er der Mannschaft helfen kann". Nach elf Monaten ohne Training und Spiel dürfe der Niederländer keineswegs als Hoffnungsträger gesehen werden. "Er stößt zur neuen Saison zur Mannschaft", fügte Palikuca noch an.

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Wiesinger sucht für die Relegation Spieler, "die durchs Feuer gehen"

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Anschließend gehörten allerdings alle Augen und Ohren dem vorübergehenden Cheftrainer des FCN. "Ich habe beide Corona-Tests hinter mir - alles erledigt", begann Wiesinger. Nun liege der volle Fokus des bisherigen NLZ-Leiters auf der Profimannschaft und der Relegation, für ihn sei es "selbstverständlich" gewesen, auf die Schnelle einzuspringen. Aber: "Es ist auch so, dass ich danach gerne wieder in meine Position zurück will." Mit Mintal habe er jemanden zur Seite, der "überragende emotionale Fähigkeiten" mitbringe. "Meine Stärke ist die Sachlichkeit und strukturiert zu denken", stellte Wiesinger klar: "Ich lebe diesen Verein. Mein Plan steht."

Gesucht: Profis, die für den Club "durchs Feuer gehen"

Für diesen sei die Zeit "gar nicht so knapp", für den Gegner aus der 3. Liga sei die "Ausgangssituation schon schwieriger". Nach einem ersten Kennenlernen steht vor allem "Belastungssteuerung, Spritzigkeit und Aggressivität" auf dem Plan. Wiesinger will "ganz schnell auf ein gemeinsames Level kommen". "Ich habe solche Situationen selber als Spieler erlebt", so der Ex-Profi, der 116 Bundesligaspiele vorweisen kann und nun die Profis herausfiltern will, die für den Club "durchs Feuer gehen". Das sei für Wiesinger gleichzeitig "die oberste Maxime".

Ab sofort will Wiesinger alles der Relegation unterordnen. Dass er die 3. Liga kennt, sei für Palikuca definitiv ein Beweggrund gewesen, Wiesinger als vorübergehenden Chef zu installieren. Schon jetzt beschäftige man sich am Valznerweiher ausführlich mit allen potenziellen Gegnern. Wiesinger sprach von einer "sehr intensiven Liga", nannte seinen Ex-Klub Ingolstadt und deren "guten Knipser" exemplarisch dafür. Stefan Kutschke (13 Tore und sechs Vorlagen) hätte im Fall der Fälle auch Club-Vergangenheit - er machte zwischen Juli und Dezember 2015 sechs Pflichtspiele für den FCN (kein Tor).

Wie guckt er dir in die Augen? Wie kommt er in die Kabine?

Michael Wiesinger

Die Relegation beinhalte eine "ganz spezielle Ausgangslage. Da muss man auch taktisch sehr sorgsam sein." Wiesinger will in Nürnberg wieder "Konstanz" reinbringen, "resolut verteidigen" und "im Heimspiel die Basis legen". Mental sei es die Aufgabe des neuen Trainerteams, den Spielern "die Stärke zurückzugeben". "Wie guckt er dir in die Augen? Wie kommt er in die Kabine?", sind dabei wichtige Fragen, die sich Wiesinger stellt.

Da die Relegation aus seiner Erfahrung heraus "von verschiedenen Phasen" geprägt sei, werde man "Anker" brauchen - "Spieler, die für eine Identität stehen". Eine Möglichkeit sei es in der kurzen gemeinsamen Zeit sicherlich, "ein eigenes Gefühl" und "neue Rituale" zu entwickeln.

"Wer kann seinen Kindern sowas erzählen?"

Mit Blick auf die zwei Entscheidungsspiele um den 18. Startplatz in der 2. Liga und deren besondere Bedeutung sagte Wiesinger noch: "Mir läuft es jetzt schon kalt den Rücken runter. Wer kann seinen Kindern schon erzählen, dass er bei so einem eminent wichtigen Punkt in der Geschichte eines Vereins dabei war?"

Am Dienstag kommt der Staff erstmals zusammen, wobei auch die Option eines Mini-Trainingslagers nicht ausgeschlossen wird. Für Wiesinger sei das die Möglichkeit, "vielleicht nochmal einen Impuls zu setzen". Dafür benötige es aber noch eines von zig Gesprächen in den nächsten Tagen.

msc

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