Bundesliga

Friedrich: "Auf dem Papier passt es richtig gut"

Herthas Sportdirektor über Inhalte, Ziele und das neue Konstrukt

Friedrich: "Auf dem Papier passt es richtig gut"

Arne Friedrich

"Wir wollen natürlich nach oben zurück": Arne Friedrich. picture alliance

Am späten Sonntagnachmittag hatte der Klub die schon Tage zuvor ausverhandelte Personalie publik gemacht, am Montagmittag stellt sich Arne Friedrich in einer Skype-Runde in aufgeräumter Stimmung den Fragen der Journalisten. Der Mann, der zwischen 2002 und 2010 als Profi das Hertha-Trikot trug und den der damalige Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann im November 2019 als Performance Manager in seinen Staff holte, firmiert künftig als Sportdirektor. "Ich hatte als Spieler hier viele tolle Jahre", sagt Friedrich. "Hertha hat mich zum Nationalspieler gemacht. Jetzt schließt sich gewissermaßen der Kreis." Unter Jürgen Klinsmann "war meine Aufgabe, dass ich schaue, wo Potenziale sind, die man ausschöpfen kann - nicht nur im sportlichen Bereich". Zwischendurch sah man den ehemaligen Top-Abwehrspieler Friedrich (82 Länderspiele, WM-Dritter 2006 und 2010, Vize-Europameister 2008) mit Herthas Innenverteidigern auf dem Platz arbeiten - das fällt künftig weg: "Als Sportdirektor bin ich in erster Linie Bindeglied und Schnittstelle zwischen der Geschäftsführung und dem Trainer-Team und auch der Mannschaft. Ich bin in Absprache mit dem Geschäftsführer mitverantwortlich für die sportliche Planung und Kaderplanung, für strategische Themenfelder, die aufkommen, und auch für Personal-Management. Das ist eine tolle Aufgabe. Und ich bringe einiges an Input mit, den ich dem Verein zurückgeben kann."

Entmachtung von Preetz? Friedrich widerspricht

Dass sich Hertha im sportlichen Bereich breiter aufstellt, war ein seit Jahren überfälliger Schritt. Jetzt ist Sport-Geschäftsführer Michael Preetz, der seit dem Abgang von Dieter Hoeneß 2009 in der ersten Reihe des Klub-Managements steht, diesen Schritt gegangen. Dass manche aus dem neuen Organigramm den Beginn einer Entmachtung von Preetz herauslesen, diesem Eindruck widerspricht Friedrich vehement. "Das ist überhaupt keine Entmachtung. Es gibt eine erste Ebene, das ist Michael Preetz als Geschäftsführer Sport. Er ist mein Vorgesetzter, das ist absolut klar", konstatiert der Sportdirektor. "Michael wollte noch eine Ebene einfügen, die ihn unterstützt. Ich sehe das als Stärke an, nicht als Schwäche. Michael hat für sich festgestellt, dass weitere sportliche Kompetenz im Verein gut wäre. Ich bin in der Kabine, habe kein Büro in der Geschäftsstelle. Das ist etwas, was Michael aufgrund seiner Aufgabenfülle gar nicht leisten kann. Falls jetzt Stimmen aufkommen, dass ich der Neue bin, der herangeführt werden soll - das ist völliger Quatsch. Es gibt eine klare Rollenverteilung." 2009/2010, Preetz' erster Saison als Verantwortlicher, an deren Ende Herthas Abstieg und Friedrichs Wechsel zum VfL Wolfsburg standen, hatte sich das Verhältnis beider deutlich abgekühlt. Später - lange vor Klinsmanns Ruf - näherten sich beide wieder an und haben mittlerweile eine verlässliche Arbeitsgrundlage. Die Zusammenarbeit mit Preetz nennt Friedrich auf der Basis der vergangenen Monate "sehr gut - es geht nicht darum, zu allem Ja zu sagen, sondern so etwas lebt auch davon, mal unterschiedlicher Meinung zu sein". Michael Preetz als Geschäftsführer, Arne Friedrich als Sportdirektor, Bruno Labbadia als Cheftrainer - das, findet Friedrich, "passt auf dem Papier richtig gut. Jetzt müssen wir in der nächsten Saison zeigen, dass es absolut sinnvoll war." Über seinen neuen Titel sei erst ganz am Ende der Verhandlungen gesprochen worden, beteuert Friedrich, "wichtig sind die Aufgabenfelder und die Arbeit, die ich verrichte".

Bundesliga - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
Bayern Bayern München
82
2
Dortmund Borussia Dortmund
69
3
Leipzig RB Leipzig
66
Hertha BSC - Vereinsdaten
Hertha BSC

Gründungsdatum

25.07.1892

Vereinsfarben

Blau-Weiß

Friedrich über Labbadia: "Er ist ein Arbeitstier"

Labbadia und Friedrich kennen und schätzen sich, seit sie 2000/01 - Labbadia im letzten seiner drei Bielefeld-Jahre, Friedrich in seiner ersten Zweitliga-Saison - Seite an Seite für die Arminia spielten. "Wir sind schon als Spieler sehr, sehr gut miteinander ausgekommen", sagt Friedrich. "Es war damals schon total beachtlich zu sehen, wie erfolgsbesessen Bruno ist und wie er sich selbst nach dem Training immer noch Flanken schlagen ließ. Er wollte immer weiterkommen." Seit Labbadias Amtsantritt an Ostern hat sich Friedrichs hohe Meinung von seinem früheren Mitspieler gefestigt: "Er ist ein Arbeitstier, sehr strukturiert, hat einen klaren Plan und ein tolles Trainer-Team." Labbadia und seinen Zuarbeitern Eddy Sözer, Olaf Janßen und Günter Kern bescheinigt Herthas neuer Sportdirektor "eine klare Handschrift auf dem Feld und in der Kabine, sie leisten sehr starke Arbeit". Friedrich nennt Klinsmann und Labbadia "zwei grundsätzlich unterschiedliche Trainer-Typen". Klinsmann habe "zwei Co-Trainer mitgebracht, die am Ende die Arbeit auf dem Platz verrichtet haben, und Jürgen Klinsmann war derjenige, der das große Ganze im Blick hatte und versuchte, den Horizont zu erweitern". Und derjenige - das sagt Friedrich nicht -, der mitten im Abstiegskampf fortwährend derart hochtrabende Ziele verkündete, dass sich mancher fragte, ob Klinsmann die Tabelle womöglich falsch herum liest.

Nachtreten gegen Klinsmann, der sich mit den Klub-Verantwortlichen im Zuge seines Blitz-Abgangs im Februar komplett überworfen hatte, mag Friedrich nicht. Er sagt es auf seine - moderate - Art, aber zwischen den Zeilen wird deutlich, in welcher Konstellation er eine größere Job-Zufriedenheit verspürt. "Es waren unfassbar herausfordernde Monate, es war sehr viel Unruhe im Verein. Es wurden einige Trainer gewechselt. Ich glaube, jetzt reicht's erstmal", sagt Friedrich. "Wie wir es geschafft haben, mit der neuen Führung unter Bruno Labbadia zurückzukommen, finde ich bemerkenswert. Wir haben mit zehn Punkten in den ersten vier Spielen unter ihm eine schnelle Grundlage für den Klassenerhalt gelegt und gleichzeitig etwas aufgebaut. Wir wollen im nächsten Jahr in ruhigere Fahrwasser, daran arbeiten wir. Wir kommen aus einer unglaublich schweren Situation, haben über weite Strecken gegen den Abstieg gespielt und uns in den letzten Spielen hervorragend befreit. Wir freuen uns, dass wir diese Saison zurücklassen und bei Null beginnen können."

Transfermarkt nennt der Sportdirektor "richtig kompliziert"

Der 41-Jährige, der seine Profi-Karriere einst bei Chicago Fire ausklingen ließ und der trotz der Beförderung bei Hertha seine Wohnung in den USA behalten will, plant jetzt einen Urlaubs-Trip nach Frankreich ans Meer, "neun Tage, mit dem Auto". Ganz abschalten können wird und will er nicht, Hertha baut am Kader für die neue Saison - und Friedrichs Expertise wird künftig mehr Gehör finden. Den Transfermarkt nennt der Sportdirektor aktuell "richtig kompliziert", er sagt: "Es ist eine sehr spezielle Phase. Niemand weiß, wie die Preise sein werden. Niemand weiß, wer überhaupt Spieler abgeben möchte." Neben dem bereits im Januar verpflichteten und für die Rückrunde an seinen Stammverein Lyon ausgeliehenen Lucas Tousart (zentrales Mittelfeld) will Hertha weitere Top-Kräfte engagieren. "Wenn wir Spieler dazuholen, sollen sie den Unterschied machen und uns qualitativ weiterbringen. Wir kaufen nicht um des Kaufens willen, wir suchen Qualität", betont Friedrich. "Jeder Kauf ist eine Investition für die nächsten Jahre, da wollen wir keine Fehler machen." Die Blickrichtung ist klar, auch für Friedrich: "Wir wollen natürlich nach oben zurück. Aber große Ziele auszusprechen, wäre vermessen." Das ist ein Satz, der eher nach Labbadia klingt als nach Klinsmann - und der das Realitätsbewusstsein, für das Hertha seit der Demission des früheren Bundestrainers wieder steht, widerspiegelt.

Steffen Rohr

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