Formel 1

Nick Heidfeld: "Ferrari kann nicht mithalten"

Der ehemalige Formel-1-Fahrer im kicker-Interview

Heidfeld: "Ferrari kann nicht mithalten"

Nick Heidfeld

Sieht in Lewis Hamilton den klaren WM-Favoriten: Nick Heidfeld. Getty Images

Als Experte beim Formel-1-Sender Sky wechselt sich Heidfeld auch in dieser Saison mit Ralf Schumacher (44) ab und macht sich um fehlende Stimmung vor Ort weniger Sorgen als im Fußball: "Ich bin sicher, dass in dieser Hinsicht der Motorsport etwas ganz anderes ist und dass es in der Formel 1 viel einfacher sein wird für den Zuschauer am Fernseher, der wenigstens den Motorensound hat und nicht ein nahezu geräuschloses leeres Stadion."

Ziemlich überrascht wurde selbst Insider Heidfeld von der Lawine an Transfers, die sich an die für Ende 2020 verkündete Trennung von Ferrari und Sebastian Vettel anschloss: "Ich finde es erstaunlich, wie viel da passiert ist. Mit derart großen Auswirkungen hätte ich nicht gerechnet. Dann aber hat der eine oder andere Wechsel eine echte Rochade in Gang gesetzt. Ganz vorne steht da natürlich die Sache mit Ferrari und Sebastian Vettel. Und weil es sonst nicht viel zu berichten gab, hat sich das Thema bis heute gehalten. Wobei niemand weiß, was mit ihm nun passieren wird."

Vettel: Heidfeld sieht eine mangelnde Wertschätzung

Über die Gründe des Vertragsendes von Vettel wurde in den zurückliegenden Wochen viel spekuliert. Dabei könnten sie ausnahmsweise, so sieht es Heidfeld, tatsächlich im offiziellen Statement beider Parteien genannt worden sein. Dort war davon die Rede, dass "die Zeit gekommen ist, getrennte Wege zu gehen, um unsere jeweiligen Ziele zu erreichen". Heidfeld schließt ich dem an: "Ich glaube nicht, dass, wie vielfach zu lesen war, das Geld im Vordergrund gestanden hat. Klar geht es immer auch um Geld, weil darin eine gewisse Wertschätzung zum Ausdruck kommt. Diese mangelnde Wertschätzung war das größere Problem, glaube ich. Da hat Sebastian ganz sicher erkannt, dass er in den kommenden Jahren nicht mehr die gleiche Unterstützung bekommen hätte. Das ist aus meiner Sicht der ausschlaggebende Punkt."

Weitere dürften hinzugekommen sein, das schließt auch Heidfeld nicht aus: "Entscheidend ist doch, was Sebastian eigentlich wirklich will. Hat er sich ein bisschen verzockt und sieht seine Felle davonschwimmen? Wollte er von Anfang an nur bei einem Top-Team unterkommen? Das ist alles schwer einzuschätzen, da hat man über die letzten Wochen Verschiedenes gehört. Und wer weiß, vielleicht hat auch bei ihm und seiner Familie Corona einiges verändert. Ich bin gespannt, was er sagen wird und was im Hintergrund passiert ist, wenn er wirklich mal mit der Sprache rausrückt."

Gute Chancen für Mick Schumacher

Aus nationaler Sicht könnten die Vorgänge zur Folge haben, dass erstmals seit 1981 kein deutscher Stammfahrer in der Formel 1 vertreten sein wird. Sollte Vettel kein anderes Cockpit bekommen, "wäre es natürlich schade, wenn er nirgendwo unterkommt. Auch bei Nico Hülkenberg geht die Tendenz eher dahin, dass doch Alonso zurück zu Renault in die Formel 1 kommt und Hülki vielleicht leer ausgeht", fürchtet Heidfeld, sieht aber dank Mick Schumacher dennoch einen Silberstreif am (schwarz-rot-goldenen) Horizont: "Die Chancen für Mick, in naher Zukunft ein Cockpit zu haben, sehe ich relativ gut. Aus Fansicht aber fände ich es auch schade, wenn wir in Deutschland kein Rennen mehr hätten. Das ist vielleicht noch schlimmer."

Wenig Hoffnung macht sich Heidfeld auf plötzlich aufkommende Spannung im Titelkampf. Für ihn führt an Mercedes mit Superstar Lewis Hamilton einmal mehr nahezu kein Weg vorbei: "Die Bedenken, dass Ferrari auch dieses Jahr nicht den Anschluss halten kann zu Mercedes, die gab es da ja schon", erinnert er sich an die wenigen Testtage im Februar und die Lage kurz vor dem Mitte März abgeblasenen Saisonstart im australischen Melbourne, "es sah im Gegenteil so aus, als seien sie sogar noch ein Stück zurückgefallen, was natürlich sehr schade wäre."

Es spricht alles dafür, dass er diesen Rekord einstellt.

Nick Heidfeld über die Chancen von Lewis Hamilton, mit dem siebten WM-Titel mit Michael Schumacher gleichzuziehen.

Womit der Weg für Lewis Hamilton zu einem siebten WM-Titel und der Erreichung von Michael Schumachers bisheriger Bestmarke frei zu sein scheint: "Es spricht alles dafür, dass er diesen Rekord einstellt. Darüber hinaus kann er noch den einen oder anderen brechen, von dem man dachte, dass dies nie geschehen würde. So zum Beispiel Michael Schumachers Rekord mit 91 Siegen. Lewis steht momentan bei 84. Dass es dann doch so schnell geht, ist erstaunlich. Ich halte es für wahrscheinlich, dass Lewis dieses Jahr zum siebten Mal Weltmeister wird, denn er fährt im Moment am absoluten Optimum, er ist aus meiner Sicht auf dem Peak seiner Karriere. Den Speed hat er immer, dazu die Erfahrung, und das Feuer in ihm brennt erst recht, wenn es mal nicht perfekt läuft. Die Wintertests haben gezeigt, dass Mercedes wieder Favorit ist. Ferrari scheint, ich sage leider, nicht mithalten zu können."

Stefan Bomhard