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"Geht extrem an die Substanz": Brecher zum Mammutprogramm in der Schweiz

Interview mit dem Zürich-Goalie, der von der Bundesliga träumt

"Geht extrem an die Substanz": Brecher zum Mammutprogramm in der Schweiz

Yanick Brecher

Torhüter beim FC Zürich: Yanick Brecher. imago images

Ende Februar wurde der Spielbetrieb von einem auf den anderen Tag einfach auf unbestimmte Zeit eingestellt. Wie war das für Sie und die anderen Spieler?

Es war wirklich sehr, sehr überraschend. Am Tag der Entscheidung war noch das Abschlusstraining geplant und eine Stunde vor Beginn hieß es dann: kein Spiel morgen. Man wusste natürlich anfangs nicht genau, was das zu bedeuten hat. Werden es nur ein, zwei Spiele sein oder vielleicht doch mehr? Letztendlich waren es ja doch drei Monate. Am Anfang gab es noch die Diskussion, ob man nicht direkt mit Geisterspielen fortfahren soll. Aber dann hatte sich die Swiss Football League doch für die Pause entschieden, um dann hoffentlich schnellstmöglich wieder vor den Fans spielen zu können. Das geht ja im Moment leider doch noch nicht.

Wie haben Sie sich dann in der Pause vorbereitet? Als Torwart hat man da ja andere Trainingsbereiche.

In den ersten Wochen habe ich zuhause trainiert. Ich habe eine kleine Fitnessecke. Dort habe ich gemacht, was ging. Das lief auch ganz gut. Ein Ersatztorwarttraining hatte ich aber nicht. Also ich habe wirklich zehn Wochen die Handschuhe nicht getragen. Aber sobald es wieder möglich war, habe ich dann mit meinem Personaltrainer ein Spezialtraining absolviert. Man muss ja die ganzen Sprünge und Torwartbewegungen wieder trainieren, um wieder in den Rhythmus zu kommen.

So lange ohne Teamkollegen zu trainieren ist dann wahrscheinlich auch schwierig, gerade was die Motivation betrifft.

Auf jeden Fall! Die ersten zwei, drei Wochen war es noch so wie in den Ferien. Aber je länger es ging und ohne diesen Tag X vor Augen, wurde es immer schwieriger, sich zu motivieren alleine zu trainieren. Dann sagt man sich schon manchmal, um zehn Uhr fange ich an und dann wird es halb elf, elf und man denkt sich: vielleicht doch erst am Nachmittag. Die ersten paar Wochen liefen wie gesagt gut, aber es war wirklich eine sehr lange Zeit.

Wie wurde dann innerhalb der Mannschaft Kontakt gehalten?

Ganz normal über WhatsApp oder Telefon. Wir haben da unseren Spielerchat. Allerdings hatten wir kein Mannschaftstraining per Skype, so wie es manche Bundesligisten gemacht haben. Die paar Spieler, die nebeneinander wohnen, haben sich aber schon mal getroffen, um gemeinsam draußen zu trainieren. Aber wir sind da eigentlich alle über den Großraum Zürich verteilt, deshalb war das eher selten. Mit den Kleingruppentrainings haben wir dann so richtig erst eine Woche vor dem tatsächlichen Trainingsstart begonnen.

Wie war es dann zu hören, dass es in Deutschland mit der Bundesliga Anfang Mai wieder losgeht?

Für uns Spieler war es ein wichtiges Zeichen, dass es funktioniert. Die Bundesliga hat da natürlich eine Vorreiterrolle und die Schutzkonzepte werden auch von anderen Ligen übernommen. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht, wie es in der Schweiz weitergehen soll, aber es war wichtig zu sehen, dass es möglich ist.

Es war wie eine kleine Euphoriespritze.

Brecher über Bekanntgabe des Wiederbeginns

Jetzt geht es am Freitagabend wieder los. Wie war das für Sie, endlich ein genaues Datum zu haben?

Es war wie eine kleine Euphoriespritze, die wir da bekommen haben. Wir sind jetzt heiß darauf, dass es wieder losgeht!

Auch in der Schweiz wird vor leeren Rängen gespielt. Wie ist da die Stimmung vor dem Geisterspiel?

Die Stimmung ist eine ganz andere als vor einem normalen Spiel mit den Fans, die uns anfeuern. Es ist dann schon nicht ganz einfach, sich selbst zu motivieren und zu pushen, damit dieser Testspielcharakter verloren geht. Aber wir schaffen das schon.

Insgesamt sind es dann 13 Spiele in sechs Wochen bis zum Saisonende am 2. August. Ein großes Programm.

Das ist definitiv eine große Herausforderung. Letztes Jahr hatten wir durch die Europa League schon mehrere Spiele hintereinander. Das geht schon extrem an die Substanz. So viele Spiele in sechs Wochen kennt niemand von uns. Da wird auch die Erholungszeit natürlich immer kürzer und schwieriger. Man benötigt schon einen großen Kader, damit viele Spieler zum Einsatz kommen können. Das ist schlussendlich ein Vorteil für die Mannschaften, die diese Möglichkeit haben. Das Verletzungsrisiko wird natürlich höher sein, aber das geht momentan nicht anders. Das wird man aber erst in sechs Wochen dann sehen. Ich persönlich denke aber, dass wir das hinbekommen werden, ohne größere Ausfälle. Für mich war immer klar, dass ich diese Meisterschaft beenden will. Ein Abbruch wäre da schon unfair gewesen. Wir lieben den Fußball und wir wollen Fußball spielen.

Während dieser Pause hatte die Mannschaft auch kreative Ideen, wie man mit den Fans weiterhin Kontakt halten kann. Wie sind Sie darauf gekommen, dass sie als Mannschaft beispielsweise Homeschooling für Kinder per Videokonferenz anbieten oder die ersten Bestellungen in Fanshops persönlich ausliefern?

Das war die Idee vom Mannschaftsrat und von mir als Kapitän. Wir haben uns gefragt, wie wir den Verein nicht nur finanziell unterstützen, sondern uns auch in dieser Zeit bei den Fans bedanken können. In Zürich haben wir eine sehr große und treue Fangemeinde. Wir haben auch immer extrem viele Zuschauer bei Auswärtsspielen. Gerade das Homeschooling per Videokonferenz sollte ein wenig lustig sein, damit alle auch ein bisschen schmunzeln können, gerade in dieser schweren Zeit. Der Kontakt mit den Fans und die Freude der Kinder zu sehen, hat mir da besonders gefallen. Das sind einfach extrem wertvolle Momente. Ich würde sowas auf jeden Fall gerne öfter machen. Das macht auch uns Spieler sehr viel Spaß, weil es mal etwas anderes ist.

Die Bundesliga ist mein Favorit.

Was würden Sie sich dann für die Zukunft wünschen, auch in Bezug auf den weiteren Verlauf und Ihre Karriere?

Wir wollen natürlich so schnell wie möglich die Zuschauer und Fans wieder im Stadion haben. Das ist klar. Jeder Fußballer wünscht sich eine volle Hütte und das so schnell wie möglich. Aber natürlich muss es auch mit dem Virus passen. Die Gesundheit geht immer vor. Persönlich würde ich gerne nochmal europäisch spielen und sicher auch noch den ein oder anderen Pokal stemmen. Ich bin sehr glücklich in meiner Position und im Verein, aber jeder der Fußball spielt, auch in der Schweiz, hat das Ziel oder den Traum auch mal im Ausland spielen zu können. Dieses Ziel habe ich auch nach wie vor.

Wo würden sie da am liebsten spielen?

Der deutsche Fußball ist der, der mich am meisten interessiert, den ich auch am meisten verfolge. Es gibt schon viele Schweizer Torhüter in der Bundesliga, und vom Fußball her sagt es mir am meisten zu. Dort sehe ich mich auch am meisten. Die Bundesliga ist da mein Favorit. Was ich mir aber auch noch vorstellen könnte, wäre Spanien.

Interview: Clara Dietlmaier