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Lewandowskis Neun-Minuten-Rausch: Einer für die Ewigkeit

Unglaublicher Fünferpack gegen Wolfsburg

Lewandowskis Neun-Minuten-Rausch: Einer für die Ewigkeit

Robert Lewandowski

Eins, drei, viele: Damit niemand bei all den Toren durcheinanderkommt, zählt Robert Lewandowski sicherheitshalber mit. imago images

Dass dieser gewisse Robert Lewandowski als Stürmer ein gewisses Können an den Tag legt, ist ja nicht völlig neu. Die aktuelle Saison beendet der Pole mit mindestens 33 Ligatoren, dreimal in seiner Karriere gelangen ihm damit 30 oder mehr. Zum ersten Mal knackte er diese Marke in der Spielzeit 2015/16. Eine Saison mit dieser einen Besonderheit - wenn man es denn so nennen möchte.

Die Besonderheit, dass fünf dieser 30 Tore sich in acht Minuten und 59 Sekunden ereigneten.


Es war eine Zeit, in der beim FC Bayern einfach alles funktionierte - vergleichbar mit der aktuellen. Die letzte Saison von Trainer Pep Guardiola begann mit einer Siegesserie, wie sie im Buche stand. Sowohl den kompletten August als auch den gesamten September flogen die Bayern von Erfolg zu Erfolg, hielten sich in allen drei Wettbewerben schadlos. Und so stand nach einem 3:0-Auswärtssieg bei Olympiakos Piräus und einem 3:0-Auswärtssieg bei Darmstadt 98 (sowie vor einem 3:0-Auswärtssieg bei Mainz 05) zur Abwechslung ein Heimspiel auf dem Plan.

Der VfL Wolfsburg reiste nach München, als Tabellendritter, aktueller Pokalsieger - und mit einem namhaft bestückten Kader: Kruse, Draxler, Dante, Naldo, Rodriguez. Wie komfortabel die Wölfe besetzt waren, zeigt auch ein Blick auf die Einwechselspieler: Die heutige Identifikationsfigur Arnold sowie 32-Millionen-Euro-Einkauf Schürrle und ein gewisser Bendtner fanden sich zum Anpfiff auf der Bank wieder.

Sanfter Wiedereinstieg? Nicht ganz

Apropos Ersatzbank: Dort saß zu dieser Zeit eben auch Robert Lewandowski. Gegen Darmstadt hatte der Pole mit Problemen am Sprunggelenk noch angeschlagen gefehlt, nun beim Duell mit Wolfsburg wollte Guardiola seinem notorisch ehrgeizigen Weltklasse-Stürmer einen sanften Wiedereinstieg ermöglichen. "Ein bisschen sauer", gab Lewandowski hinterher zu, sei er gewesen, "dass ich auf der Bank saß".

Weil sich die von Dieter Hecking trainierten Wölfe aber als der erwartet harte Gegner erwiesen und gar nach 45 Minuten mit 1:0 führten, sah sich Guardiola schon in der Halbzeitpause zum Handeln gezwungen. Javi Martinez kam für Juan Bernat, und Lewandowski für Thiago. So konnte Alaba von innen auf die linke Verteidigerposition nach außen rücken, Müller fristete sein Dasein im Sturmzentrum nicht mehr allein - und Douglas Costa (nun links) tauschte mit Götze die Flügel.

Allesamt Mosaiksteinchen, die noch eine Rolle spielen sollten.

51. Minute

Lewandowski stand seit mehr als fünf Minuten auf dem Feld, eine Zeitspanne, in der man eigentlich drei Tore schießen könnte. Der Pole wartete aber noch immer auf einen Treffer. Nachdem er Sekunden zuvor eine Vorlage von Vidal vergeblich für Douglas Costa durchgelassen hatte - beide standen im Abseits -, ging er nun selbst zu Werke. Dante grätschte Müller ab, aber der Ball tropfte vor die Füße des Polen, der ihn geistesgegenwärtig ins Tor grätschte. Ausgleich!

Ich hatte nicht so viel Zeit zu überlegen, was ich gerade gemacht habe. Auch nach dem Spiel nicht. Meine Frau, meine Familie, meine Freunde waren zufriedener als ich. Ich habe nicht gemerkt, was passiert ist.

Robert Lewandowski in einem Interview auf der Vereins-Website

52. Minute:

Hatte die Wolfsburger Verteidigung nicht bemerkt, was passiert war? Der Sekundenzeiger war gerade einmal im Kreis herumgewandert, da durfte Lewandowski in Ruhe ein Zuspiel knapp 30 Meter vor dem Gehäuse annehmen. In Ruhe legte er sich den Ball auf den rechten Fuß, während Dante und Naldo interessiert zuschauten. Ein paar Meter legte der Ball noch am Fuß des Polen zurück, die restlichen gut 20 Meter flog er geschmeidig und rasant - ins linke Eck. Doppelschlag, Spiel gedreht!


55. Minute:

Pfosten! Spätestens jetzt war die unheimliche Torserie des Robert Lewandowski, die ohnehin schon viel zu lange dauerte, gerissen. Zwar fungierten Naldo und Dante wieder nur als respektvolle Abstandshalter und ließen Lewandowski seinen Raum, während Müller den Ball im Strafraum bearbeitete. Als dieser dann aber über den Umweg Götze doch irgendwann Lewandowski erreichte, schoss der Doppelpacker den Ball frei vor Benaglio ans Aluminium. Aufatmen durften die Wölfe aber nicht, denn der Abpraller wählte den Weg zurück zu Lewandowski - und dann doch noch irgendwie ins Tor. Welch ein Joker!

57. Minute:

Es wurde anspruchsvoll: Ein einfacher Abstauber genügte Lewandowski nun nicht mehr. Die Fans hatten sich längst in der Ekstase verloren, da flankte Douglas Costa aus vollem Lauf von der linken Seite, auf die ihn sein Trainer zur Halbzeit versetzt hatte. Lewandowski rauschte heran, zog seinen rechten Fuß nach oben und vollendete gekonnt mit der Innenseite in den linken Winkel.

"Heute war einfach fast jeder Kontakt einfach ein Tor", sagte er nach dem Abpfiff.

Robert Lewandowski

Aus dem Lehrbuch für Stürmer: So funktioniert ein Seitfallzieher. imago images

60. Minute:

Als die großen Rekorde (erster Einwechselspieler mit vier Toren, schnellster Dreier- und Viererpack der Bundesliga-Geschichte) längst gebrochen waren, als die Zuschauer wieder regelmäßig zu atmen begannen, als dreieinhalb Minuten lang kein Treffer gefallen war - gefühlt seit einer Ewigkeit nicht mehr -, da schlug er noch einmal zu. Und wie! Götzes wunderbar temperierte Flanke von rechts verfehlte zwar Naldos Fuß. Aber sie wusste, wohin sie wollte: Lewandowski hob mit dem rechten Bein ab, legte sich waagrecht in die Luft und vollführte einen Seitfallzieher der maximalen Perfektion.

Pep Guardiola legte seinen Kopf in beide Hände und trug ein beinahe kindliches Lächeln auf seinen Lippen. So hatte man ihn in München noch nie gesehen. Spätestens jetzt war allen Beteiligten klar, das sie hier gerade einen geschichtsträchtigen Fußballabend erlebten.

Pep Guardiola

Ungläubiges Staunen allenthalben - auch beim eigenen Trainer. Getty Images

Weil sich Lewandowski aber von Tor zu Tor gesteigert hatte, vom Abstauber über den Nachschuss, der Direktabnahme bis hin zum perfekten Seitfallzieher, konnte nun gar nichts mehr kommen. Mehrfach hatte der Stürmer, der in der letzten halben Stunde der Partie sein Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht zu wischen vermochte, die Möglichkeit auf einen sechsten Treffer. Es sollte nicht sein. In mancher Situation sah es fast so aus, als wollte Lewandowski den Kollegen lieber etwas zurückzahlen. In der 64. Minute etwa lupfte er den Ball zu Müller, anstatt zu schießen. Kurz vor Abpfiff dann eine ähnliche Szene.

"Marsmensch Lewandowski"

Egal. "Marsmensch Lewandowski", titelte die italienische Zeitung Gazzetta dello Sport, "eine der unglaublichsten Leistungen überhaupt", befand der englische The Telegraph. Superlative mussten erfunden werden für diesen 22. September 2015.

Robert Lewandowski mit vier Guinness-Rekorden

Fünf Tore in 8:59 Minuten? Macht vier Einträge ins Guinness-Buch der Rekorde. Getty Images

Und wenn man den Protagonisten persönlich fragt? "Ich würde das Spiel nennen, in dem ich fünf Tore in neun Minuten gegen Wolfsburg erzielt habe", sagte Lewandowski im Mai dieses Jahres in einer internationalen Medienrunde, als er nach dem besten Spiel seiner Karriere gefragt wurde. Immerhin stünde da ja auch noch ein Viererpack gegen Real Madrid im Champions-League-Halbfinale zur Auswahl.

Dieser Dienstagabend, diese Partie gegen Wolfsburg aber war noch einmal eine andere Dimension. "Das war besonders. Das war eigentlich unmöglich, das hätte ich mir nie erträumen können, und daran werde ich mich bis an mein Lebensende erinnern." Damit dürfte er nicht allein sein.

Paul Bartmuß

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