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Der Mann, der das Maracana zum Schweigen brachte

Ghiggia traf 1950 für Uruguay zum WM-Sieg und Brasilien mitten ins Herz

Der Mann, der das Maracana zum Schweigen brachte

Das Tor, das das Maracana verstummen ließ: Alcides Ghiggia erzielt den Siegtreffer für Uruguay. imago images

Als Alcides Ghiggia in die Hall of Fame des Internationalen Fußballs aufgenommen wurde, im Jahr 2015, war er umgehend am Telefon zu erreichen. Noch aus dem "Fußball" heraus war er angerufen worden, die Hall of Fame, sesshaft in Pachuca, Mexiko, wurde ja passenderweise in der Form eines Fußballs konstruiert. Das trifft sich vor allem gut mit Blick auf die vielen Torjäger gut, die darin Eingang fanden, etwa Gerd Müller oder Marco van Basten. Auch zu Alcides Ghiggia passt es. Der Uruguayer erzielte 1950 eines der berühmtesten Tore in der Geschichte des Fußballs. Und er tat dies im gemeinsam mit Wembley berühmtesten Stadion der Welt: dem Maracana.

Man kennt den Spruch: Nur drei Menschen hätten das einst riesige Rund zum Schweigen gebracht. Der Papst, Frank Sinatra und eben er, Ghiggia, hat eben der Jahrzehnte später gesagt und damit auf seinen 2:1-Siegtreffer bei der WM 1950 in Brasilien gegen Brasilien abgezielt. Das Tor, das Brasilien in ein Tal der Tränen stürzte - und Uruguay den WM-Titel bescherte.

"Manchmal lodert eine Flamme auf, innerlich"

Eingegangen in die Fußball-Historie ist der Coup vom 16. Juli 1950 auf Spanisch als "Maracanazo" oder Portugiesisch "Maracanaco": als Paukenschlag im Maracana. Als Erkennungsmerkmal steht hinter dem Namen Ghiggia daher oft nur: Architekt des Maracanazo.

Die da draußen sind Pfosten, sie spielen nicht mit.

Uruguays Kapitän Obdulio Varela

"Manchmal lodert eine Flamme auf, innerlich", hatte Don Alcides 2014 während der WM 2014 in Brasilien noch zum kicker gesagt. Ghiggia erinnerte mit dem Satz an sein größtes Spiel, er tat das mit fester Stimme und ohne große Nostalgie, dazu liebte er das Leben viel zu sehr, dass ihm auch im hohen Alter noch eine um vier Jahrzehnte jüngere Frau geschenkt hatte. Und, flachste er, weil er dieser etwas bieten wolle, verlange er hie und da eben schon mal Geld für seine Erinnerungen. Gegenüber dem kicker tat er dies aber nie.

Das Weltmeister-Team Uruguays 1950. imago images

Er war, einerseits, ein Schelm, andererseits stets realistisch: "Auch Obdulio Varela und all die anderen waren Helden." Varela, der Kapitän, war der eigentlich starke Mann im Team, Juan Alberto "Pepe" Schiaffino der Stars. Varela hatte seine Mannschaft mit der in Uruguay legendären Formel motiviert: "Die da draußen sind Pfosten, sie spielen nicht mit." Soll heißen: Die 200 000 auf den Rängen des eigens für die WM konstruierten Maracana können uns mal.

"Das ist nicht mehr das Stadion, in dem wir spielten"

Apropos: Das für die WM 2014 umgebaute und verkleinerte Maracana gefiel Ghiggia nicht: "Das ist nicht mehr das Stadion, in dem wir spielten", bedauerte der Held des Sensationsweltmeisters von 1950.

Wie war das nun mit dem entscheidenden Spiel 1950 im Maracana vor all den auf Karneval eingestellten "Pfosten" auf den Rängen? Begonnen hatte alles mit einem psychologischen Trick. "Wir wussten, dass sie uns auspfeifen würden, wenn wir den Rasen betreten", so Ghiggia. Also habe man versucht, exakt gemeinsam mit den Brasilianern einzulaufen: "Den Applaus für sie haben wir auch uns genehmigt. Das war sehr bewegend."

Der Außenseiter brauchte einen Sieg

Kurz nach der Pause ging Brasilien zwar in Führung, explodierte das Maracana. Doch dann kam die 66. Minute und das 1:1. Ghiggia empfing rechts vorne einen langen Ball von Kapitän Varela und legte für Schiaffino ab. Der traf zum Ausgleich. "Aber das reichte uns nicht", wusste Ghiggia, wussten die 200.000.

Ein Sieg musste her für den Außenseiter angesichts des Modus, wonach der WM-Titel im Gruppenformat ausgespielt wurde. Dann kam die 79. Minute, Ghiggia bekam den Ball von Julio Perez. "Torwart Barbosa erwartete wohl wie beim 1:1 durch Schiaffino auf eine Hereingabe von mir. Aber ich schoss ins von ihm aus gesehen linke Eck. Es war eine Entscheidung im Bruchteil einer Sekunde."

Und eine Aktion wie "wie zuvor gegen Spanien. Hatte Barbosa wohl nicht gesehen", so der Torschütze. Da hatte Ghiggia zum 1:0 getroffen, am Ende aber gab es ein 2:2. Der Punktverlust bedeutete zugleich, dass Uruguay im abschließenden Spiel der Finalrunde gegen Brasilien gewinnen musste.

Alcides Ghiggia im Stadion bei der WM-Qualifikation 2013 in Montevideo. imago images

Als Ghiggia dann tatsächlich die Führung erzielte, wurde ihm sofort klar, dass Brasilien nicht mehr zurückschlagen könne: "Es war wie ein kalter Schauer für die Brasilianer, Zuschauer wie Spieler. Sie machten nicht den Eindruck, sich nochmal erheben zu können." Und: "Es war eine komische Atmosphäre, die Leute weinten und waren so entsetzt, dass ich mich fast schuldig fühlte." Und: "Es scheint, dass Brasilien mir verzieh, aber Barbosa nicht", meinte Ghiggia einmal zum kicker. Der Torhüter der Selecao wurde seines Lebens nicht mehr froh, viele Jahre später verbrannte er sogar die Holzpfosten des Maracana. Auf dass nichts mehr an die Niederlage erinnere. "Ich bekam das alles mit, aber was sollte ich machen?" 1953 ging er für ein Jahrzehnt nach Italien, die Roma und kurz Milan. In Erinnerung blieben ihm aber vor allem "tolle Autos, Alfa Romeo, ich liebte sie. Da gewöhnte ich mir das schnelle Fahren an."

Manchmal sitze ich in einem Café, und dann kommt jemand und spricht mich an. Das ist schön.

In Italien wurde der am 22. Dezember 1926 geborene, nur 1,69 Meter große Offensivspieler mit dem Schnauzbart zum Lebemann, sogar für die Squadra Azzurra machte er eine Handvoll Spiele. Aber, so betonte Ghiggia mit Blick auf Uruguays Nationaldress: "Meine Farbe blieb Celeste".

Später arbeitete er im Kasino von Montevideo, lebte von einer knappen Weltmeister-Rente und einem kleinen Geschäft, das seine junge Frau betrieb. Manche seiner Auszeichnungen verkaufte er. Denn der Schelm war eben immer auch Realist: "Ich weiß schon, dass ich mich nicht beschweren darf, mein Leben ist gut. Manchmal sitze ich in einem Café, und dann kommt jemand und spricht mich an. Das ist schön", sagte er einem mal. "Es hätte auch anders kommen können."

Alcides Ghiggia starb 2015 im Alter von 88 Jahren. imago images

Nur ein Dutzend Spiele machte dieser Alcides Ghiggia für die Celeste. Aber das reichte, um "das Tor meines Lebens" zu erzielen. Um als Spieler unsterblich zu werden. Genau 65 Jahre nach dem "Maracanazo" starb Alcides Ghiggia am 16. Juli 2015 mit 88 Jahren.

Der Ex-Schalker Dario Rodriguez sagte einem damals: "Jetzt, wo die Legende im Himmel ist, können sie auch dort richtig Fußball spielen."

Jörg Wolfrum

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