DTM

DTM: "Es wird für jeden eine Herausforderung"

Die Sportchefs von BMW und Audi zur aktuellen Lage

DTM: "Es wird für jeden eine Herausforderung"

BMW-Motorsportchef Jens Marquardt hat viel um die Ohren vor dem DTM-Start.

BMW-Motorsportchef Jens Marquardt hat viel um die Ohren vor dem DTM-Start. imago images

Zur Medienrunde ohne Journalisten erscheint in der Mittagspause BMW-Motorsportchef Jens Marquardt. Mund und Nase durch eine Maske bedeckt, nimmt er mutterseelenallein vor der Kamera Platz. In den nachfolgenden 20 Minuten wird er zwar sein Gesicht nicht verdecken, die grünen Schutzhandschuhe aber muss er tragen, so will es eine der vielen Hygienevorschriften, die überhaupt erst diese Testfahrten und den Saisonstart am ersten August-Wochenende ermöglichen.

Marquardt: "Es ist großartig, den Sound der Motoren zu hören"

"Die letzten Monate waren extrem schwierig für alle von uns", sagt Marquardt eingangs, "eine solche Situation hat niemand je zuvor erlebt. Dass wir überhaupt heute hier sitzen, verdanken wir einem Paket an Sicherheitsmaßnahmen, das ist großartig. Es ist ebenfalls großartig, den Sound der Motoren zu hören und die Teams und Fahrer wieder bei der Arbeit zu sehen, auch wenn die Arbeit für uns alle schon sehr anders ist."

Gass: "Das vorgelegte Konzept ist sehr komplex"

Sein Audi-Kollege Dieter Gass, zu solchen Anlässen über Jahre als Partner zeitgleich auf derselben Interviewbühne platziert, wird erst im Anschluss in die als Zoom-Konferenz gestaltete Frage-und-Antwort-Runde geschaltet. Auch er zeigt sich erleichtert, dass endlich wieder ein Auto ausrücken kann: "Das vorgelegte Konzept ist sehr komplex, da muss man allen Beteiligten ein großes Dankeschön sagen."

Doch 2020 kann und wird keine normale Saison werden. Marquardt: "Es war nicht leicht, eine Struktur wie die DTM mit vielen beteiligten Leuten und Firmen in ein Konzept einzupassen. Die ITR hat mit anderen Rennserien zusammengearbeitet, und die gesamte weltweite Motorsport-Familie hat dazu beigetragen. Wäre es anders, könnten wir nicht loslegen. Es wird anders sein als sonst, es wird für jeden eine Herausforderung", sagt er, "aber es ist eine, mit der wir bisher gut zurechtgekommen sind."

Marquardt: "Über den Winter haben wir jeden Stein umgedreht"

Auch ohne Corona hätte der BMW-Sportchef genug um die Ohren - zu sehr waren seine Fahrer im letzten Jahr von der Audi-Konkurrenz gedemütigt worden. Die zurückliegenden Monate mussten deshalb dazu genutzt werden, die Lücke zu schließen und erst einmal nach den Gründen zu suchen: "Unser Paket war nicht wirklich stabil und am Saisonende auch nicht mehr stark genug, weil uns Zuverlässigkeitsprobleme zu schaffen machten. Über den Winter haben wir jeden Stein umgedreht und hoffentlich die meisten Probleme im Rahmen der Regeln aussortiert. Im Moment sieht es gut aus, wie gut, das weiß man immer erst unter Wettbewerbsbedingungen."

Doch jene Wettbewerbsbedingungen in den hochgezüchteten Tourenwagen gehen den Münchnern am Jahresende verloren, weil Audi vor wenigen Wochen bekanntgab, sich aus der DTM zurückzuziehen. Damit stellt sich über die Dauer der kompakten Saison 2020 hinaus die Frage nach der generellen Zukunft des Motorsports, denn auch andere Serien stoßen zunehmend an Grenzen. Die Folgen von Corona, so Marquardt, "werden Auswirkungen haben auf uns alle, nicht nur dieses Jahr, auch in den kommenden. Wir müssen abwarten, wie die Welt und eben auch der Motorsport danach aussehen werden."

An ein etwaiges Ende des Automobilsports aber will Marquardt nicht denken. Mit Blick auf die zurückliegenden Wochen und Monate sagt er: "Wir haben jetzt viel Sim-Racing gesehen, womit wir uns ja schon länger befasst haben. Es ist stark angewachsen und wird (nach Corona, die Red.) nicht wieder verschwinden. Sicher wird es auch eine Art der Konsolidierung geben, aber ich sehe, dass es nach wie vor viel Rennsport mit Verbrennungsmotoren geben wird. Allein der Kundensport hängt davon ganz wesentlich ab. Sicher sind modernere und nachhaltigere Konzepte wie Hybrid und Elektroantriebe ein wesentliches Zukunftsmerkmal im Autobau, die dann auch stärker in den Motorsport hineinstrahlen."

Marquardt: "Die Welt des Motorsports wird verändert aussehen"

Ohne Corona und den Audi-Rückzug hätte sich Marquardt gut gerüstet für eine längerfristige Zukunft gefühlt: "Für die DTM hatten wir alle Vorbereitungen für ein Konzept mit Hybridisierung und Elektrifizierung getroffen, die nun unglücklicherweise alle nicht kommen werden mit Blick auf die Entscheidungen des Class-1-Reglements und die von Audi. Wir müssen sehen, was die Zukunft bringt, aber die Welt des Motorsports wird verändert aussehen in den nächsten ein, zwei Jahren."

Audi-Kollege Gass sieht es ähnlich, wenn er anführt: "Die ganze Welt, nicht nur der Motorsport, ändert sich. In welche Richtung sich der Motorsport verändern wird, ist nicht leicht abzuschätzen. Im Moment sieht es so aus, als sei die Elektromobilität das Einzige, woran man denken muss, wenn es um angestrebte Geschäftsziele geht. Darauf liegt für jedermann im Moment der hauptsächliche Fokus. Mittel- und langfristig wissen wir nicht, welche Technologien den Markt erobern werden. Derzeit geht es bei vielen geplanten Automodellen um E-Mobilität, das wird sich auch im Motorsport widerspiegeln."

Die nahe Zukunft - zumindest sie gehört hierzulande bis Mitte November an neun Rennwochenenden noch der DTM. Sie gut auszugestalten, ist für Marquardt ein vorrangiges und lohnenswertes Ziel: "Noch lernen wir, aber wir sind auf einem guten Weg. Bis zum ersten Rennwochenende wollen wir alles optimiert und feinabgestimmt haben, damit es uns am Ende so normal erscheinen wird, wie es derzeit nur sein kann. Und natürlich soll die Leistung darunter nicht leiden."

Stefan Bomhard