Bundesliga

Bayer 04 Leverkusen: Peter Bosz bremst den Hype um Florian Wirtz

Bayern-Spiel für das Talent laut Bosz "seine beste Lehrstunde"

Wirtz-Fan Bosz bremst den Hype

Florian Wirtz nach Schlusspfiff

Er durfte wichtige Erfahrungen gegen den Rekordmeister sammeln: Bayer-Juwel Florian Wirtz. imago images

Bosz ist nicht dafür bekannt, Pressekonferenzen nach Spielen seiner Mannschaft für die in der Branche durchaus nicht unüblichen PR-Maßnahmen zu nutzen. Die Worte des Niederländers spiegeln im Regelfall die genaue Einschätzung dessen wider, was der Leverkusener Trainer zu den 90 Minuten für sich analysiert hat. Bosz bewertet und erklärt offen, ehrlich, ohne Berechnung. Möchte er zu einem Thema nichts preisgeben, dann sagt er dies auch. Doch ein um den heißen Brei herumreden gibt es für den 57-Jährigen nicht.

So erklärte er zu der durchaus sehr ordentlichen ersten halben Stunde seiner Mannschaft beim 2:4 gegen Bayern München: "Als wir noch mitgespielt haben, habe ich schon gespürt, dass wir nicht in unserer normalen Verfassung waren. Das hat sehr viel zu tun mit Bayern, aber natürlich auch mit uns. Wir haben zu viele Fehler gemacht."

Vielleicht sah die Aufstellung mutig aus, meiner Meinung nach haben wir nicht mutig genug gespielt.

Peter Bosz

Seine personell und taktisch sehr mutige Aufstellung mit Linksaußen Leon Bailey als linken Abfangjäger gegen Serge Gnabry und dem offensiven Mittelfeldspieler Nadiem Amiri als dessen rechtes Pendant gegen Kingsley Coman, die nicht aufging, sah er zwar zurecht nicht als das Hauptproblem, stellte aber fest: "Ich glaube, dass es nicht daran lag. Es lag daran, dass wir nicht mutig waren. Man muss auch mutig in Ballbesitz sein. Vielleicht sah die Aufstellung mutig aus, meiner Meinung nach haben wir nicht mutig genug gespielt."

Seine Idee anders als beim 2:1-Sieg in München in der Hinrunde nicht in einem 4-2-3-1, sondern in einem 3-4-3 zu agieren, das in der Defensive zu einem System mit Fünferkette wurde, ging in jedem Fall aufgrund mangelnder personeller Präsenz im Zentrum nicht auf, was Bosz genau so eingestand: "Zur Halbzeit haben wir umgestellt, einen Mann extra ins Mittelfeld geschoben. Dann war es ein bisschen besser, aber auch vielleicht, weil Bayern nicht mehr 100-prozentig Druck gemacht hat."

Auch im 4-2-3-1 war die in der Offensive seit drei Spielen relativ harmlose Werkself chancenlos. Die stärkste Leverkusener Angriffsaktion nach der Pause schloss Youngster Florian Wirtz nach starker Vorarbeit des Brasilianer Paulinhos, der als Joker auf der Zehn überzeugte, zum 2:4-Endstand mit einem Rekordtreffer ab. Es war das erste Bundesligator von Wirtz, der damit zum jüngste Schützen in der Bundesliga-Geschichte aufstieg.

Zwei Weltmeister düpiert

Doch in den in solchen Fällen schnell entfachten Hype um den Hochtalentierten wollte Bosz - ganz getreu seiner persönlichen Verpflichtung zu einer realistischen Spielbewertung - nicht einstimmen. Auch wenn er dadurch von der eigenen Leistung hätte ablenken können. "Der Junge hat heute seine beste Lehrstunde gehabt, seitdem er Fußball spielt", erklärte Bosz, "das hat man bei seinen ersten drei, vier Ballkontakten gesehen, als er den Ball fast immer verloren hat, dass das Tempo hier natürlich höher ist, als das, was er sonst gewohnt ist."

Solange Alphonso Davies links verteidigte, war Wirtz der Weg Richtung Tor versperrt. Nach der Auswechslung des Kanadiers aber gelang ihm sein Klassetreffer, als er erst mit Lucas Hernandez einen Weltmeister von 2018 vernaschte und danach mit seinem Schlenzer Manuel Neuer, einem Weltmeister von 2014, keine Chance ließ.

Aber dass er ein Riesentalent ist, das wussten wir vorher. Er hat ja schon einige Male für uns gespielt.

Peter Bosz

Diese Szene zeigte das Potenzial von Wirtz, von dem Bosz absolut überzeugt ist. "Er ist ein guter Spieler, ein intelligenter Spieler. Er nimmt das an", lobte er die Möglichkeiten des 17-Jährigen und erklärte zu dessen 45 Minuten gegen den Rekordmeister: "Davon wird er lernen. Das sind Topspieler, da bekommt man sehr wenig Zeit. Das hat man auch heute gesehen. Aber dass er ein Riesentalent ist, das wussten wir vorher. Er hat ja schon einige Male für uns gespielt."

Und der nächste Einsatz, eventuell sogar von Beginn an, könnte zeitnah folgen, da die Flügelspieler Moussa Diaby und Karim Bellarabi als direkte Konkurrenten von Wirtz zuletzt keine Bestform demonstrierten. So könnte der bislang als Rechtsaußen eingesetzte Offensivspieler schon am Dienstag beim Pokalspiel beim Viertligisten 1. FC Saarbrücken, bei dem Lars Bender und Daley Sinkgraven angeschlagen fehlen werden und der Einsatz von Kai Havertz (Knieprobeme) offen ist, seine nächste Chance bekommen. Oder am Sonntag in der Partie beim FC Schalke 04. Denn Bosz ist bereit, den verfrühten Hype um Wirtz zu bremsen, nicht aber dessen Entwicklung.

Stephan von Nocks

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