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Wie Zauberfuß Maradona unter Dompteur Lattek litt

Bernd Schuster komplettierte in Barcelona ein "Trio infernale"

Wie Zauberfuß Maradona unter Dompteur Lattek litt

Pures Unverständnis: Udo Lattek und Diego Maradona in der Saison 1982/83 beim FC Barcelona. imago images

Klare Ansage: "Das war kein Fußball", schreibt Diego Maradona in seiner Autobiografie über seine Zeit unter Udo Lattek beim FC Barcelona in der Saison 1982/83. Ein Lichtblick, ja, den habe es aber schon auch gegeben: "Bernd Schuster." Doch der habe damals zunächst noch eine Verletzung auskuriert. Gemeinsames Zaubern auf dem Platz musste also erstmal ausfallen. Im Frühjahr 1983 habe Barca-Präsident Josep Lluis Nunez dann ihm, Maradona, "die einzige Freude in meiner ganzen Barcelona-Zeit" gemacht: "Er feuerte Lattek und holte Menotti." Das war im März 1983.

Der 2015 im Alter von 80 Jahren verstorbene Lattek raus, Cesar Luis Menotti rein, Maradonas Landsmann also. "Mit ihm gewannen wir dann den Pokal und den Supercup. Das war die beste Zeit, die ich in Barcelona hatte. Auch taktisch und technisch war das die beste Phase. Ganz anders als die Anfangszeit, ganz anders", interpretiert es Maradona in seiner Autobiografie. Mit der Anfangszeit sind seine ersten Monate bei Barça unter Lattek gemeint.

Maradona war 1982 von Boca Juniors zum FC Barcelona gewechselt, Schuster war bereits 1980 aus Köln gekommen, Lattek 1981 nach seiner Etappe in Dortmund. Der Coach habe, so Schuster, 1981 bei der Saisonpremiere die Fans im Sturm erobert. Weil er auf Spanisch gesprochen habe. Auch die Mannschaft habe "sofort Respekt" gehabt, so der "blonde Engel". Anders Maradona: Der "Goldjunge" litt ein Jahr später praktisch vom ersten Tag an unter dem strengen Reglement von Dompteur Lattek.

Bernd Schuster wird 60: "Blond", aber nicht immer ein "Engel"

Vor einem der ersten Spiele klopfte es um 8.30 Uhr an der Tür, erinnerte sich der Argentinier in seiner Autobiografie: "Ich und Schuster hatten Einzelzimmer." Er, Maradona, habe "halb verschlafen ja gerufen". Es war dann aber nicht der Teamkollege, der geklopft hatte, sondern ein Abgesandter Latteks mit der Aufforderung zum gemeinsamen Spaziergang. Maradona verweigerte sich. Also sei Lattek höchstpersönlich gekommen, so Maradona, und habe erklärt: "Hier wird gemacht, was ich sage." Er, Maradona, sei aber bei seiner Ablehnung geblieben, so der argentinische Superstar. Verteidiger Migueli, damals schon eine Klublegende, und eben Schuster hätten sich auf seine Seite geschlagen. Lattek, so Maradona, "hat mit Medizinbällen gearbeitet, einmal warf ich ihm einen hin und sagte: Machen Sie doch mit, mal schauen, wie sie sich dabei fühlen." Und überhaupt: Für Lattek sei es "einfach gewesen", polemisiert Maradona: "Der stand früh auf, trank zwei Bier und ließ uns laufen."

Mein einziges Problem war Maradona, der war hartes Arbeiten nicht gewohnt.

Udo Lattek über Maradona

Schuster sagte mal über die Mentalitätsunterschiede zwischen dem Superstar und dem Trainer: "Wie Tag und Nacht. Lattek, der immer geradeaus war und sein Ding durchzog, und Maradona, der alles sehr, sehr locker nahm." Und Lattek? Meinte einst zum kicker: "Mein einziges Problem war Maradona, der war hartes Arbeiten nicht gewohnt. Als er zu spät zu einer Abfahrt kam, hatte ich zwei Möglichkeiten: Auf ihn warten und vor den Spielern das Gesicht verlieren oder abfahren. Wir fuhren ab, die anderen Spieler klatschten aber Maradona beschwerte sich bei Präsident Nunez, sagte, mit dem Lattek könne er nicht mehr zusammenarbeiten. Zwei Wochen später war ich weg." Maradona schreibt in seiner Autobiografie indes, Barça-Präsident Nunez habe über Latteks Entlassung entschieden, nicht er.

Als die Welt noch in Ordnung war: Udo Lattek mit Diego Maradona im Arm und seinem späteren Nachfolger Luis Cesar Menotti. imago images

Wie dem auch sei: Gemeinsam errangen sie keinen Titel. Als Lattek 1982 mit Barça den Europapokal der Pokalsieger gewann, war Maradona noch in Argentinien. "Mit Sicherheit", habe das Umfeld bei Barça noch mehr Titel verhindert, so Lattek. Denn das war nun mal unruhig. Beispiel: "Einmal ging ich an einem Kiosk vorbei und sah in einer Zeitung ein großes Interview mit mir, dabei hatte ich überhaupt keines gegeben." Oder: "Als wir in meinem ersten Jahr kurz vor Saisonende Tabellenführer waren und in Valencia spielen mussten, gingen vor dem Match Funktionäre zu den Fans und ließen sich feiern. Meine Spieler waren verärgert über so viel Eitelkeit, verloren prompt das Spiel und am Ende auch den Titel." Barcelona verspielte auf der Zielgeraden den Titel, San Sebastian wurde Ende April 1982 Meister. Im Mai trösteten sich die Katalanen und der Coach dann mit dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger. Im heimischen Camp Nou gab es ein 2:1 über Standard Lüttich. Jedoch ohne den verletzten Schuster. Dann kam Maradona dazu - und Lattek wurde im März 1983 entlassen.

Dennoch gab es weiter Zoff, zumal Barça die Liga nur als Vierter beendete: Präsident Nunez verweigerte Maradona und Schuster daher Ende Mai die Reise nach München zum Abschiedsspiel des, so Maradona in seiner Autobiografie, "großen Paul Breitner". Der Grund: Barças Pokalfinale vier Tage später gegen Real Madrid. Maradona wurde fuchsteufelswild, zertrümmerte im Präsidententrakt des Camp Nou Trophäen.

Goikoetxeas Jahrhundert-Foul gegen Maradona

Am 4. Juni gewann Barça dann das Cupfinale 2:1 gegen den Erzrivalen, das auch ein Duell argentinischer Trainer war: Weltmeistercoach Menotti bei Barça, der große Alfredo di Stefano bei den Königlichen. Bernd Schuster und Diego Maradona spielten bei Barça durch, Uli Stielike bei Real, "Maradona gegen Stielike", schwärmt der Argentinier in seiner Biografie. Und dann kommt, die neue Saison ist noch jung, der 24. September 1983. Barça gegen Bilbao. Es ist die Nacht des Jahrhundert-Fouls von Andoni Goikoetxea gegen Diego Maradona im Camp Nou. Der Gäste-Verteidiger fliegt bei Barças 4:0 im Ligaspiel über Athletic Bilbao heran und trifft Maradonas Knöchel.

Zwei geniale Mittelfeldspieler: Diego Maradona und Bernd Schuster beim FC Barcelona. imago images

Es sieht fürchterlich aus, letztlich aber ist die Verletzung weniger schlimm, als befürchtet. Maradona fällt nur gut drei Monate aus, Ende Januar 1984 trifft er schon wieder doppelt zum 2:1 von Barça in Bilbao. Mit dabei erneut auch Goikoetxea: Der hatte zunächst eine Sperre von 18 Spielen erhalten, die dann aber mehr als halbiert wurde.

Das Foul hatte einen deutschen Aspekt: Augenblicke vor dem Einsteigen gegen Maradona war Goikoetxea wiederum von Schuster gefoult worden. "Maradona hatte noch beschwichtigt, aber natürlich war ich aufgeregt nach Schusters Foul", erinnerte sich der Baske vor einem Jahr gegenüber dem kicker. Doch auch dieses Foul - Ironie des Schicksals - hatte wiederum eine Vorgeschichte: Im Dezember 1981 hatte Goikoetxea Schuster verletzt. Der Deutsche war für den Rest der Saison ausgefallen, weshalb er auch den Triumph gegen Lüttich verpasste.

Versöhnung beim Abschiedsspiel von Lothar Matthäus im mai 2000: Udo Lattek und Diego Maradona. imago images

Die Wahrheit ist aber auch: Die lange Pause ist nicht kausal auf das Foul Goikoetxeas zurückzuführen. Der Baske sagt es so: "Selbst Barças Klubarzt sagte, Schuster sei nicht von mir verletzt worden." Dennoch: Beide Fouls zusammen trugen Goikoetxea den Kampfnamen "Schlächter von Bilbao" ein.

Im Pokalfinale von 1984 trafen Barca mit Maradona und Schuster (und immer noch mit Lattek-Nachfolger Menotti als Trainer) übrigens erneut auf "unsere Erzrivalen" (O-Ton Maradona). Bilbao und Goikoetxea siegten 1:0. Direkt nach dem Schlusspfiff trat Maradona in Kung-Fu-Manier Bilbaos Sola, es gab Rudelbildung, auch Goikoetxea war mittendrin. Kurz darauf stemmte der Abwehrspieler mit den Kollegen die Copa in den Nachthimmel des Bernabeu-Stadions von Madrid. Maradona aber ging vom FC Barcelona zu Napoli.

Jörg Wolfrum

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