Bundesliga

Heiko Herrlich: Zwischen ehrlich und gefährlich

Wie der Augsburger Trainer seine Mannschaften führt

Heiko Herrlich: Zwischen ehrlich und gefährlich

Augsburgs Trainer Heiko Herrlich

Pflegt eine offene Fehlerkultur: Augsburgs Trainer Heiko Herrlich. Getty Images

Eigentlich will Heiko Herrlich nur eine nette, kleine Anekdote erzählen. Will beschreiben, wie skurril diese neue Normalität auch für ihn ist. Dass er als Fußballtrainer mit denselben Sachen zu kämpfen hat, die uns alle beschäftigen. Er legt also los und verheddert sich zwischen Zahnpasta und Hautcreme, zwischen Einkaufswagen und Ein-Euro-Stück.

Sein Kopf ist ja schon seit Tagen nur noch beim Spiel gegen Wolfsburg, das sein erstes werden soll nach zwei Monaten Vorbereitung mit dem FC Augsburg. Er macht sich darüber 1000 Gedanken, die verhindern, dass dieser eine, eigentlich so offensichtliche in sein Bewusstsein dringt: Herrlich merkt nicht, was er da gerade erzählt. Dass er gegen die Quarantäne-Regeln verstoßen hat und sich mit der Geschichte selbst bloßstellt.

Trainersteckbrief Herrlich
Herrlich

Herrlich Heiko

Er steht schon wieder auf dem Trainingsplatz, als der Sturm losbricht. Das Video von der Pressekonferenz verbreitet sich im Netz, viele Leute lachen über ihn, die Deutsche Fußball-Liga jedoch nicht: Sie fordert eine Stellungnahme. Erst nach dem Training werden Herrlich seine Fehler und deren Tragweite bewusst. Er versucht erst gar nicht, sich irgendwie herauszuwinden, sondern zieht die Konsequenzen. Noch am Abend entschuldigt er sich vor der Mannschaft und verabschiedet sich fürs Erste. Das 1:2 gegen Wolfsburg verfolgt er versteckt in einer Loge. Herrlich weiß längst selbst, wie "naiv, dumm oder doof" das alles war, und sagt das auch genau so. Er steht zu seinem Fehler und kann den Spott ertragen. Vor allem aber will er: aufstehen und weitermachen.

Teamspirit, Identifikation und Einstellung - und dann das?

Heiko Herrlich und Steffen Freund.

Erfolgreich bei Borussia Dortmund: Heiko Herrlich und Steffen Freund. imago images

Nur was bleibt hängen von diesem Missgeschick? Was denken die Spieler, denen Herrlich wochenlang predigte, wie wichtig die Corona-Regeln sind? Auch in der Mannschaft wurde über den Fauxpas des Trainers gelacht. Welche Folgen hat das für dessen Standing und Glaubwürdigkeit? Noch vor seinem ersten Spiel hat sich Herrlich in eine knifflige Lage gebracht. Er, der so viel Wert legt auf die Kraft der Gemeinschaft, auf ein Füreinander im Team, auf Identifikation und Einstellung.

Dortmund ist für sie alles. Wichtiger als die WM 1990. Die wollten die Champions League gewinnen und haben ihre Mitspieler angesteckt.

Heiko Herrlich über seine Anfangszeit in Dortmund

Um zu verstehen, wie dieser Trainer tickt, hilft ein Blick zurück auf seine Karriere. Herrlich, der Stürmer, kommt 1995 zum BVB und ist beeindruckt von der Professionalität und Hingabe seiner Mitspieler wie Jürgen Kohler, Stefan Reuter oder Matthias Sammer. "Viele dieser Spieler kamen aus Italien, von Klubs mit klangvollen Namen. Anfangs fragte ich mich: Warum haben die nicht mehr Gelassenheit? Aber ich habe festgestellt: Dortmund ist für sie alles. Wichtiger als die WM 1990. Die wollten die Champions League gewinnen und haben ihre Mitspieler angesteckt."

"Ein stiller Typ, der nachdenken kann, der an Gott glaubt"

Herrlich wird mit dem BVB Meister (1996), gewinnt Königsklasse und Weltpokal (beides 1997). Im Jahr 2000 geht es aber plötzlich um viel Wichtigeres: Ein Gehirntumor bedroht Herrlichs Leben, er macht seine Krebserkrankung selbst publik. Der Spiegel schreibt damals: "Herrlich ist kein Hätschelkind der Bundesliga, kein Goldkettchenträger, kein Matthäus, kein Hohlkopf. Herrlich ist ein stiller Typ, der nachdenken kann, der an Gott glaubt - und sich dazu auch öffentlich bekennt."

Dieser Typ kehrt zurück auf den Rasen, demütig und dankbar, 2002 wird er noch einmal Meister. Später als Trainer verlangt Herrlich vor allem zwei Dinge: Teamgeist und Siegermentalität. Er sei "geprägt von Leuten wie Steffen Freund, die ihr Ego absolut hinten anstellen", erzählt er mal. Herrlich sieht ein Team als Ganzes, dem die einzelnen Spieler dienen müssen. Sein Credo: "Ich bin stark, du bist stark, gemeinsam sind wir stärker." Aus der deutschen U-17-Auswahl formt er 2007 ein funktionierendes Kollektiv um den Ausnahmekönner Toni Kroos und wird WM-Dritter.

Ich bin stark, du bist stark, gemeinsam sind wir stärker.

Heiko Herrlichs Credo

Das Fiasko in Bochum

Bei seinem ersten Job in der Bundesliga scheitert Herrlich jedoch krachend, nach nur sechs Monaten wird er 2010 beim VfL Bochum entlassen. Seine Art der Mannschaftsführung, die im Nachwuchs fruchtete, kommt bei den gestandenen Profis nicht an. Herrlich nervt die Spieler mit Gleichnissen aus dem Tierreich, seine Anordnung einer Schienbeinschützerpflicht im Training lässt die Lage schließlich eskalieren. Kurz vor seinem Aus tritt Herrlich einen Wäschekorb durch die Kabine. Jahre später sagt er über die Zeit in Bochum: "Da habe ich viele Fehler gemacht. Ich war vielleicht zu verbohrt, gänzlich auf das Sportliche fokussiert."

Herrlich steht zu dem, was er verbockt hat - und verdammt auch andere nicht, wenn sie Fehler machen. Als bei Jahn Regensburg ein Spieler den Co-Trainer aufs Heftigste beleidigt und dessen Autorität untergräbt, verzichtet Herrlich auf die eigentlich fällige Suspendierung. Stattdessen liest er dem Team aus der Bibel das Gleichnis von der Ehebrecherin vor: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Ein andermal moderiert er einen Konflikt im Team, indem sich alle bei der Hand nehmen und "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb" sagen - so lange, bis alle gemeinsam lachen.

Inspirationstrainer, Strafgefangene und eine peinliche Schwalbe

Beim Jahn haben beide Maßnahmen die gewünschte Wirkung. Es sind ungewöhnliche Methoden eines Mannes mit überraschenden Facetten. Eine offenbart sich in der engen Zusammenarbeit mit dem Inspirationstrainer David Kadel. Mit ihm absolvierte Herrlich in den vergangenen Monaten bereits vier Besuche bei Strafgefangenen. "Das Bemerkenswerteste ist", findet Kadel, "dass Heiko den Gefangenen im Gespräch von Anfang an klarmacht: Wir unterhalten uns auf Augenhöhe, ich bin nichts Besseres als ihr, wir alle machen Fehler." Der transparente, aber auch konsequente Umgang mit Fehlern - ob eigene oder fremde - ist für Herrlich nach Kadels Beobachtung zu einer Art Leitmotiv geworden: "Er versucht, eine Fehlerkultur zu pflegen, die von Offenheit geprägt ist. Ehrlichkeit ist ihm definitiv wichtiger, als vermeintlich unfehlbar zu sein. Mit einem möglichen Shitstorm kann er deswegen entspannt umgehen."

Einen solchen erlebt Herrlich auch als Trainer von Bayer Leverkusen. Im Pokalspiel gegen Gladbach lässt er sich im Dezember 2017 zu einer peinlichen Schwalbe am Spielfeldrand hinreißen. Direkt nach Schlusspfiff gibt er seinen Fehler zu und bittet um Entschuldigung. Wochen später sagt er: "Ich weiß, dass es kritisch für mich werden kann, wenn ich Fehler eingestehe. Aber wenn ich den Druck, den ich bekomme, an die Spieler weitergeben würde, dann würde ich vor ihnen auch meine Glaubwürdigkeit verlieren." Und: "Mut und Selbstbewusstsein kann man nur entwickeln, wenn man auch Fehler machen darf." Noch so ein typischer Herrlich-Satz.

Heiko ist loyal, geradlinig, bodenständig und manchmal überehrlich.

Manfred Schwabl, Präsident Unterhaching

Wegbegleiter beschreiben ihn als Menschen, der streng nach seinen Überzeugungen und Prinzipien lebt. Als jemanden, der sein Denken und Handeln gründlich reflektiert. Aber auch als jemanden, der gerne drauflosplaudert, manchmal an der Grenze zwischen Ehrlichkeit und Naivität. Manfred Schwabl, Präsident der SpVgg Unterhaching, wo Herrlich in der Spielzeit 2011/12 Trainer war, sagt zum Beispiel: "Heiko ist loyal, geradlinig, bodenständig und manchmal überehrlich." Er sei ein Mann mit offenem Ohr und offenem Visier, der sich nicht wichtigmache und für seine Werte einstehe: "Er tut alles dafür, dass eine Mannschaft einen Geist hat und erfolgreich ist."

HeikoHerrlich und Unterhachings Präsident Manfred Schwabl.

"Überehrlich": HeikoHerrlich und Unterhachings Präsident Manfred Schwabl. Getty Images

Bekommt Herrlich das auch in Augsburg hin? Es hat ihn beschäftigt, dass er in seinen ersten Wochen nicht in erster Linie als Trainer, sondern als Corona-Krisenmanager gefordert war. Wie soll er Vertrauen aufbauen, wenn er seinen Spielern nicht mal die Hand geben darf? Ein wiederkehrendes Werkzeug in Herrlichs Arbeit sind Sportfilme. Alle seine Teams bekommen zu Beginn den Film "Miracle - Das Wunder von Lake Placid" über den sensationellen Sieg des US-Eishockeyteams gegen die Sowjetunion bei Olympia 1980 zu sehen. Die Botschaft: Außenseiter können alles schaffen, wenn sie daran glauben und zusammenhalten. Den FCA-Profis zeigte Herrlich zudem das Football-Drama "When the Game Stands Tall" über die Folgen einer Niederlage nach 151 Siegen in Serie. Und das Bergsteigerdrama "Sturz ins Leere" über den tragischen Überlebenskampf eines schon tot geglaubten Kletterers.

Herrlich will mit diesen Filmen deutlich machen, dass Persönlichkeit ein entscheidender Leistungsfaktor ist. Er sagt: "Es gibt einfach Botschaften, die Mannschaften erfolgreich machen. Daran wird sich nie etwas ändern." Ob sie bei den FCA-Profis ankommen, wird sich nun zeigen.

David Bernreuther

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