Bundesliga

Hertha-Trainer Labbadia vor Premiere: "Es ist ein Blindflug"

Hertha: Jarstein löst Kraft im Tor wieder ab

Labbadias Premiere: "Es ist ein Blindflug"

Auf Vladimir Darida (l.) muss Hertha-Trainer Bruno Labbadia verzichten.

Auf Vladimir Darida (l.) muss Hertha-Trainer Bruno Labbadia verzichten. imago images

"Ich habe mit beiden Spielern gesprochen. Wir werden Rune Jarstein unser Vertrauen schenken", sagte Labbadia bei der virtuellen Pressekonferenz des Klubs am Donnerstagnachmittag. "Wir sind froh, dass wir Thomas Kraft in der Hinterhand haben. Wir haben zwei sehr gute Torhüter." Jarstein hatte nach etlichen fahrigen Auftritten in dieser Saison Ende Februar den Platz im Berliner Tor räumen müssen. In Düsseldorf (3:3) und gegen Bremen (2:2) hatte Kraft das Mandat des damaligen Cheftrainers Alexander Nouri erhalten. Jetzt kehrt mit Jarstein der langjährige Stammkeeper an seinen Arbeitsplatz zurück - und hat in den verbleibenden Spielen dieser Saison seine eigene Zukunft in der Hand. Ob und in welcher Größenordnung Hertha im Sommer auf dieser Position in einen möglichen Neuzugang investiert, hängt nicht zuletzt davon ab, ob der 35-jährige Jarstein zügig zurückfindet zur Ausstrahlung und Zuverlässigkeit früherer Jahre.

Ausfälle und schwierige Ausgangslage

Bei seiner Premiere auf der Hertha-Bank muss der seit dem Ostermontag amtierende Labbadia auf Innenverteidiger Karim Rekik (Innenbanddehnung im Knie) und Mittelfeldspieler Vladimir Darida (Gelbsperre) verzichten. Die ersten vier Wochen im Amt bezeichnete der Coach am Donnerstag als "totale Herausforderung, weil wir überhaupt keine Möglichkeit hatten, Mannschaftstraining zu betreiben und engeren Kontakt zu den Spielern zu bekommen". Für den neuen Coach, der als sehr kommunikativ gilt, war das eine denkbar schwierige Ausgangslage: "Die Spieler sind kurz vor dem Training gekommen und nach dem Training sofort wieder weg. Das war man nicht gewohnt und für einen neuen Trainer sehr eigenartig. Aber wir haben versucht, auch in Kleingruppen viele Dinge einzubauen und an der Abstimmung zu arbeiten. Die Mannschaft hat sehr klar mitgezogen."

"Da sind Spieler öfter mal zusammengeprallt"

Nach der notwendigen Erlaubnis durch den Berliner Senat konnte Hertha erst am vergangenen Freitag ins reguläre Mannschaftstraining zurückkehren. "Wir haben vier Tage später angefangen als viele Bundesligisten", sagte Labbadia, der mit seinem neuen Team an diesem Donnerstag erst "die fünfte richtige Einheit als gesamte Truppe" absolvierte. "Dass wir ins Mannschaftstraining eingestiegen sind, hat uns einen Schub gegeben", betonte der Coach. Im leeren Olympiastadion hatte er am vergangenen Wochenende ein internes Trainingsspiel angesetzt - und gewann einige Erkenntnisse: "Wir konnten wieder Elf gegen Elf spielen, zum ersten Mal nach neun Wochen. Das hat man gesehen in den Abläufen. Die Räume waren sehr, sehr groß. In den ersten zwei, drei Tagen hat etwas die Koordination auf dem Feld gefehlt. Da sind Spieler öfter mal zusammengeprallt, als sie in die Zweikämpfe gekommen sind." Inzwischen sind die Profis nach vielen großen Spielformen in dieser Woche wieder halbwegs drin in den gewohnten Koordinaten. "Am Ende ist es wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht", sagte Labbadia.

Mit Blick auf "die Sondersituation" kann auch er nicht präzise einschätzen, in welcher Verfassung seine Spieler in Sinsheim sein werden: "Es ist ein bisschen ein Blindflug. Fünf Einheiten - das ist nicht viel. Es ist nach so wenigen Tagen unmöglich zu sagen, wo wir stehen." Das betrifft die physische Verfassung ("Wir hatten neun Wochen Pause ohne Wettkampftraining, das gibt es normal nicht in einer Saison.") ebenso wie die taktischen Handgriffe, mit denen Labbadia das zuletzt taumelnde Team stabilisieren will: "Nach einer Woche Mannschaftstraining maße ich mir nicht an zu sagen: 'Wir haben schon alles drin, was wir wollen.' Wir haben viel Input gegeben, aber gleichzeitig versucht, diesen Druck rauszunehmen, dass die Spieler das jetzt schon alles umsetzen, weil es einfach nicht möglich ist. Wenn es möglich wäre, wären wir Zauberer. Das kann nicht funktionieren."

Wie stabil dieses unter Nouri sehr verunsicherte Team fortan auftritt, ist auch für Labbadia eine der spannenden Fragen mit Blick auf den Re-Start: "Die Antwort wird es am Samstag geben. Aber wir glauben, dass wir vorbereitet sind." Generell sieht er für seine Art des Fußballs "jeden gefordert, dabei zu sein. Wir wollen mit dem Ball spielen, das ist unser Ziel. Ich liebe es, mit dem Ball zu spielen. Aber man muss sich der Situation anpassen." Realistische Lernfortschritte sind Labbadias Ziel, er will niemanden überfordern: "Es geht immer auch darum, was die Mannschaft jetzt leisten kann."

"Eine kleine Freude in die Wohnzimmer bringen"

Gerade die finale Woche vor dem Re-Start - in Quarantäne - hat Labbadia "intensiv genutzt zum Training auf dem Platz, aber auch, um neben dem Feld den Kopf zu trainieren, etwa mit Video-Analysen". Trotz der außergewöhnlichen Umstände will der 54-Jährige "nicht jammern, sondern die Umstände annehmen". Und für ihn wie für die gesamte Branche gilt ohnehin: "Wir sind froh, dass wir spielen dürfen. Andere Länder können es nicht."

Wie der neue Trainer freut sich auch Manager Michael Preetz auf die Liga-Fortsetzung "nach langen neun Wochen, der deutsche Fußball und an der Spitze die DFL haben in den vergangenen Wochen sehr gut gearbeitet. Wir können uns jetzt unter Einhaltung der Bestimmungen wieder unserem Beruf zuwenden, das tun wir am Wochenende". Preetz hofft, dass sich "die vielen unterschiedlichen Diskussionen mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs jetzt beruhigen" und das von manchen befürchtete Abbruch-Szenario nicht eintritt: "Alle Vereine der 1. und 2. Liga haben den Wunsch, die Saison zu Ende zu spielen. Das war das eindeutige Votum auf der DFL-Mitgliederversammlung. Wir als Hertha BSC wollen eine sportliche Entscheidung der Saison. Dazu gehört die Vergabe der Meisterschaft, die Vergabe der internationalen Startplätze und die Abstiegsfrage." Der Fußball biete "vielen Menschen ein Stück Normalität, denen werden wir am Wochenende eine kleine Freude in die Wohnzimmer bringen. Es wird eine ungeteilte Aufmerksamkeit für die Bundesliga geben, auch in anderen Ländern". Gleichwohl unterstrich Preetz: "Wir haben eine besondere Verantwortung in den kommenden Wochen."

Labbadia empfiehlt einen Blick in die Kindheit: "Da hatten wir auch keine 50.000 Zuschauer"

Mit Labbadia legt der vierte Cheftrainer der laufenden Saison jetzt so richtig los. Dass er zur Premiere an der Seitenlinie keine Gesichtsmaske tragen muss, sei "einfach klasse" und "eine Erleichterung". Labbadia unterstrich: "Ich hätte mich darauf eingelassen, aber ich bin froh, dass so entschieden wurde." Dass zum Re-Start etwas Wichtiges fehlen wird, daraus machte Labbadia keinen Hehl. Zwar zeigte das interne Testspiel vor Geisterspiel-Kulisse im riesigen Olympiastadion, dass es gelingen kann, "das Außenrum komplett auszublenden - vielleicht ist das der Ansatz" für die kommenden Wochen. Aber Labbadia machte auch klar: "Wenn man mich fragt, was ich will, sage ich: Ich will Zuschauer haben. Sie sind das Sahnehäubchen. Sie sind das, was Fußball ausmacht." An diesem Wochenende und vermutlich noch geraume Zeit muss er, müssen die deutschen Profi-Klubs darauf verzichten. "Vielleicht", so Labbadia, "hilft es, sich an die eigene Kindheit zu erinnern. Da hatten wir auch keine 50.000 Zuschauer und trotzdem Bock auf Fußballspielen."

Steffen Rohr

Die siebtlängste Unterbrechung der Bundesliga-Geschichte endet