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Di Stefano: König, Bube und das größte Ass von Real Madrid

Argentinier machte sich und den Klub zu einem Mythos

Di Stefano: König, Bube und das größte Ass von Real Madrid

Alfredo di Stefano

Der größte unter einer Vielzahl von großen Stars: Alfredo di Stefano gründete den Mythos von Real Madrid. imago images

Zwei Pflöcke, gleich zu Beginn. Um die Relevanz dieses Ausnahmefußballers für den vielleicht größten Klub der Welt aufzuzeigen. Erstens: Wofür das von Alfredo di Stefano angeführte "weiße Ballett" fünf Jahre benötigte, nämlich fünf Triumphe in der europäischen Königsklasse einzufahren, brauchten seine Nachfolger geschlagene fünf Jahrzehnte.

Als 1966 beim 2:1 gegen Partizan Belgrad der erste Titel in der Post-di Stefano-Ära gelang, "fiel eine große Last von uns ab", erinnerte sich einst der mittlerweile verstorbene Manuel Velazquez. Dabei sollte damals das große Warten erst noch beginnen: 32 Jahre dauerte es von 1966 bis zum Triumph 1998 in der Champions League mit Trainer Jupp Heynckes und Torwart Bodo Illgner. Und erst 2014 wurde "La Decima" gefeiert, zog also der zehnte Henkelpott ins Real-Museum des Bernabeu-Stadions ein.

Von Terroristen entführt

Zweiter Pflock: Als Real Madrid 1963 in Venezuela ein Turnier bestritt, entführte eine Rebellengruppe di Stefano. Lösegeld war nicht Begehr der Terroristen. Vielmehr sollte rund um den Globus über das Drama und damit auch über die politischen Ziele der Rebellen berichtet werden. So kam es - und nach drei Tagen ließen die Entführer ihre Geisel frei.

Alfredo di Stefano (jubelnd)

Alfredo di Stefano bejubelt einen Treffer gegen Atletico Madrid. Mit dem "weißen Ballett" holte er insgesamt fünf Triumphe im Europapokal der Landesmeister. imago images

Di Stefano war damals schon 37 Jahre alt, doch der Argentinier thronte weiter über all den anderen Stars, ob nun Ferenc Puskas oder Paco Gento. Noch heute ist der 2014 mit 88 Jahren verstorbene di Stefano für Trainerlegende Cesar Luis Menotti "der erste König des Weltfußballs".

Von links: Alfredo di Stefano, Lionel Messi, Diego Maradona

Argentinische Legenden unter sich: Alfredo di Stefano (v.l.), Lionel Messi und Diego Maradonna. getty images

Nach 21 Jahren Wartezeit: Meisterschaft in der Premierensaison

Nimmt man Langzeitpräsident Santiago Bernabeu als Funktionär aus der Wertung, dann ist di Stefano der oberste Königliche überhaupt. Auch vor Cristiano Ronaldo. Denn es war di Stefano, der in den fünfziger Jahren als Spieler den Mythos Real Madrids begründete: 21 Jahre hatte der Verein keine Meisterschaft gewonnen, mit dem Neuzugang gelang dies gleich in dessen Premierensaison 1953/54. Es war praktisch die Neugründung des Vereins.

Das 1947 eingeweihte Estadio Santiago Bernabeu wird zur Bühne für die Kunst des Alleskönners. Di Stefano, damals 27, erzielt gleich in seinem ersten Stadtderby gegen Atletico Madrid, dem damals noch größeren Rivalen als Barcelona, einen Hattrick, im zweiten einen Doppelpack. Bei jenem 2:1 am 28. Februar 1954 trifft er gar mit der Hacke: Ein neuer Superstar ist geboren. Achtmal wird er mit Real Meister werden.

Sein Charakter hat uns angestachelt, sein Tor wies uns den Weg.

Paco Gento über Alfredo di Stefano

Tauziehen um den "blonden Pfeil"

Vor allem aber wird Real zum Dominator Europas. Es ist der 1926 geborene Argentinier, der aus einem mehr oder weniger gewöhnlichen Klub den erfolgreichsten der Welt macht und beide, Verein und sich selbst, zur Weltmarke. Präsident Bernabeu hatte schon gewusst, weshalb er di Stefano von den Millonarios aus Bogota geholt hatte. Als di Stefanos Ruhm aus Kolumbien nach Spanien schwappte, rangelten der FC Barcelona und Real Madrid um den "blonden Pfeil". Spaniens Verband fällte ein Urteil, auch Diktator Franco soll die Strippen gezogen haben: Di Stefano landete in Madrid.

Dort wird der Ausnahmefußballer König und Bube, Anführer und Untertan zugleich, weil er nicht nur Tore erzielt, sondern auch als Ballschlepper agiert und Defensivaufgaben übernimmt. Seine 308 Pflichtspieltore für die Königlichen werden erst Jahrzehnte später von Raul mit 323 Treffern geknackt. In der Neuzeit erzielt dann Cristiano Ronaldo sagenhafte 451 Tore.

"Lebe wohl, Don Alfredo"

Doch bis heute ist di Stefano der einzige, der in fünf Endspielen um den Henkelpott traf: von 1956 bis 1960, ein Rekord wohl für die Ewigkeit. Im ersten Finale setzte sich Real im Pariser Prinzenpark mit 4:3 gegen Stade Reims durch. Nach zehn Minuten lagen die Madrilenen zwar 0:2 zurück, dann aber wurde es königlich: Di Stefano höchstpersönlich sorgte für das 1:2 und die Wende. Gento erinnert sich: "Di Stefano wurde fuchsteufelswild. Er war nicht bereit, dieses erste Finale zu verlieren. Sein Charakter hat uns angestachelt, sein Tor wies uns den Weg." Zur ersten Königskrone - dem Grundstein einer Dynastie.

Immer wieder trifft der Alleskönner

1957 gab es im eigenen Bernabeu-Stadion ein 2:0 gegen Florenz, mit Raymond Kopa, den man von Stade Reims abgeworben hatte. Aber es traf, natürlich, di Stefano. Sowie Gento. 1958 wurde im Brüsseler Heysel-Stadion das große Milan bezwungen mit den großen Schiaffino, Liedholm und Maldini - weil Real den noch größeren di Stefano hatte: wieder traf der Alleskönner, und wie ein Jahr zuvor gegen die Fiore setzte Gento den Schlusspunkt zum 3:2.

Dem Hattrick schlossen sich für Real und di Stefano zwei weitere Kronen an. Mit deutschem Aspekt: 1959 tanzte das "weiße Ballett" im Stuttgarter Neckarstadion erneut Stade Reims aus. 2:0 hieß es nach den Toren von Enrique Mateos und, klar, di Stefano.

Wer das Ergebnis sieht, könnte denken, wir hätten Eintracht malträtiert, aber nein: Beide Teams waren gleich stark.

Alfredo di Stefano über das Endspiel im Landesmeistercup 1960 gegen Eintracht Frankfurt

Trotz Rückstands gegen Frankfurt: "Wir wurden nicht nervös"

Und dann kam die ultimative Krönung, das torreichste Endspiel der Königsklasse: das 7:3 im Hampden Park von Glasgow gegen Eintracht Frankfurt. Im Halbfinale hatte di Stefano den 100. Treffer in der Historie der Königlichen im Landesmeistercup erzielt. Im Endspiel brachte zwar Richard Kress den deutschen Meister vor 127.621 Zuschauern in Führung. Doch di Stefano betonte später: "Wir wurden nicht nervös."

Das "weiße Ballett"

Das "weiße Ballett" um di Stefano (2.v.r.) bejubelt am 18. Mai 1960 im Glasgower Hampden Park den 7:3-Sieg über Eintracht Frankfurt. picture alliance

Was folgte waren drei Tore des damals fast 34-jährigen Kapitäns und vier seines kongenialen Partners Ferenc Puskas. Erwin Stein traf zweimal für die Eintracht. Di Stefano: "Wer das Ergebnis sieht, könnte denken, wir hätten Eintracht malträtiert, aber nein: Beide Teams waren gleich stark."

CR7 und Raul verneigen sich vor di Stefano

Es sollte für di Stefano der letzte Titel in Europa bleiben. 1961 scheiterte Real im Achtelfinale am FC Barcelona, 1962 im Finale an Benfica Lissabon. Di Stefano, fast 36 Jahre alt, verlor sich sogar in Schiedsrichterkritik. Es war der Anfang vom Ende einer gigantischen Karriere, die 1964 mit dem achten Meistertitel ausklang und 1966 bei Espanyol Barcelona endete.

Wir haben den besten Spieler aller Zeiten verloren. Er ist Real Madrid. Er wird auf alle Zeiten bei uns sein.

Vereinsmitteilung nach dem Tod di Stefanos 2014

Es knirschte zunächst etwas bei der Abnabelung, doch Bernabeu betonte: "Real Madrid muss Alfredo seine vollkommene Hingabe danken. Er hat seine ganze Energie und Kunst in unseren Dienst gestellt." Später wurde di Stefano Ehrenpräsident, auch Raul und Cristiano Ronaldo machten vor ihm einen Knicks, das Stadion auf dem Vereinsgelände in Valdebebas trägt den Namen des Königs der Königlichen. Eine Statue zeigt ihn beim, na was?, Torjubel.

Als di Stefano 2014 starb, erklärte der Verein: "Wir haben den besten Spieler aller Zeiten verloren. Er ist Real Madrid. Er wird auf alle Zeiten bei uns sein."

Jörg Wolfrum

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