WM

Kein Happy End: Als Zinedine Zidanes Zauber mit einem Kopfstoß verflog

Magier "Zizou" verabschiedet sich unrühmlich von der Fußballbühne

Kein Happy End: Als Zidanes Zauber mit einem Kopfstoß verflog

Zinedine Zidane verpasst seinem italienischen Gegenspieler Marco Materazzi im WM-Finale 2006 einen Kopfstoß.

Kopfstoß, Rot und Ende: Mit dem Vergehen an seinem italienischen Gegenspieler Marco Materazzi hat Legende Zinedine Zidane seine glorreiche Karriere unrühmlich beendet. Getty Images

"Der Platzverweis für Zidane hat das Spiel gedreht. Es war eine total sinnlose Aktion, es war der Schlüsselmoment des Spiels", ärgerte sich Raymond Domenech, damals im Zuge der WM Trainer der französischen Auswahl über seinen Schützling, der sich an diesem Sommernachtsabend jenen unvergessenen Kopfstoß gegen Gegenspieler Marco Materazzi geleistet hatte. "Zizou" selbst sollte mit etwas Abstand sagen: "Ich bitte den Fußball, seine Fans und die Mannschaft um Verzeihung, aber niemals Materazzi. Das würde mich entehren. Lieber würde ich sterben!" Viele klare Worte, doch was genau steckte eigentlich dahinter?

Dazu muss ein wenig weiter zurück in die Vergangenheit gegangen werden - genauer gesagt Tage vor das Spiel der Spiele, viele Stunden vor dieses WM-Finale im Berliner Olympiastadion am 9. Juli 2006 ...

Spielersteckbrief Zidane
Zidane

Zidane Zinedine

Spielersteckbrief Materazzi
Materazzi

Materazzi Marco

Spielersteckbrief Grosso
Grosso

Grosso Fabio

Weltmeisterschaft - Finale

Italien mit Glück - Zidane reißt das Geschehen an sich

Sowohl die Italiener, die in der WM-Gruppenphase trotz langer Überzahl nur ein 1:1 gegen die USA zustandebrachten und dennoch mit sieben Zählern Erster der Staffel E wurden, als auch die Franzosen, die in Gruppe G gar nur mit überschaubaren fünf Punkten hinter der Schweiz ins Achtelfinale einliefen, hatten sich zu Beginn eher durchs Turnier geschleppt.

Die Squadra Azzurra erlebte zudem einen arg glücklichen Start in die K.-o.-Runde (1:0 über Australien dank Francesco Totti), ehe mit einem 3:0 über die Ukraine und dem Verlängerungs-Alptraum für Gastgeber Deutschland in Dortmund (2:0) das Endspiel erreicht wurde. Währenddessen schlug die Grande Nation Herausforderer Spanien mit 3:1, ehe Zidane mit einer ganz besonderen Gala quasi im Alleingang die Brasilianer beherrschte (1:0) und zudem selbst mit einem Elfmetertor gegen Portugal das Ticket fürs Endspiel löste (1:0).

Zidane im italienischen Fokus

Gianluigi Buffon tröstet Zinedine Zidane.

Tröstende Geste: Gianluigi Buffon nimmt Zinedine Zidane nach dessen Vergehen und Platzverweis in den Arm. imago images

Frankreich hatte also im Nachbarland Deutschland die große Chance, mit der alternden Mannschaft um Größen wie Torwart Fabien Barthez (damals 35), Patrick Vieira (30) und eben Zidane (34) den WM-Triumph von 1998 zu wiederholen. Und nur noch Italien, Champion der Jahre 1934, 1938, 1982, stand der Equipe Tricolore im Weg - ein vielseitiges Team mit Ballkünstlern wie Andrea Pirlo (27), Torgaranten wie Luca Toni (29) oder Roma-Legende Totti (29) und Abwehrmeistern wie Fabio Cannavaro (32). Und ein Team, das sich an diesem 9. Juli 2006 auf die Fahne schrieb, den französischen Spielgestalter, Zauberer sowie Ideengeber Zidane konsequent aus dem Spiel zu nehmen.

Also zurück ins Berliner Olympiastadion, wo dieses Spiel einst stieg. Stets attackiert wurde der legendäre Fußballer von Girondins Bordeaux (1992-1996), Juventus Turin (1996-2001) und Real Madrid (2001-2006) an diesem Abend. Zidane, Champions-League-Sieger von 2002, wurde gedoppelt, zu Boden gebracht und am Trikot gezogen. So auch in der ersten Hälfte der Verlängerung, in die es nach einem frechen Elfmeter von Zidane selbst gegen Torwartlegende Gianluigi Buffon (der Ball sprang von der Unterkante der Querlatte hauchzart hinter die Linie) und dem Ausgleich von Materazzi gegangen war.

Das Kopfstoß-Mysterium

Diese Statue zeigt das Vergehen von Zinedine Zidane an Marco Materazzi.

Diese Bronze, die vom algerischen Künstler Abdel Abdessemed "Headbutt" (Kopfstoß) betitelt wird, ist erst im Pariser Kunst- und Kulturzentrum Centre Pompidou zu sehen gewesen und dann nach Doha gekommen. imago images

Diese beiden Herrschaften waren es schließlich auch, die sich in dieser ersten Hälfte der Verlängerung in die auf Zidanes Kopf schon länger nicht mehr vorhandenen Haare bekamen und damit ein lange währendes Mysterium auslösten.

Für den Betrachter lief das zunächst so ab: Nach einem Freistoß in den Strafraum der Italiener hält Materazzi Zidane leicht am Trikot fest, woraufhin es zu einem Wortgefecht kommt, von dem Frankreichs Nummer 10 offenkundig schnell genug hat und sich deswegen auf in Richtung Mittellinie macht. Doch plötzlich macht "Zizou" kehrt, läuft auf den Italiener zu und rammt ihm seinen Glatzkopf in die Mitte des Brustkorbes. Materazzi bleibt daraufhin liegen, wälzt sich - und Zidane guckt etwas bedröppelt drein, spielt an seiner Kapitänherum.

Der erste Videobeweis der Fußball-Geschichte?

Auf dem Platz brachen in der Folge in dieser 110. Spielminute natürlich sofort lautstarke Diskussionen voller Gestikulation aus, obwohl eigentlich kaum jemand auf dem Platz die Szene wirklich gesehen hatte. Einer aber nahm das Geschehen vollends war - Gigi Buffon. Der Torwart sprintete deswegen mit eiligen Schritten zu Schiedsrichter Horacio Marcelo Elizondo und forderte rigoros einen Platzverweis. Dieses gab es allerdings nicht sofort, weil auch der Referee nichts wahrgenommen hatte - was er selbst später zugab: "Ich sah Materazzi plötzlich 40, 50 Meter entfernt auf dem Platz liegen. Daher unterbrach ich die Partie und fragte meine Assistenten, was passiert sei. Überraschenderweise antworteten mir beide: 'Wir haben nichts gesehen.'"

Zinedine Zidane schleicht am WM-Pokal vorbei.

Ein Abgang, mit dem in diesem WM-Sommer 2006 keiner gerechnet hat: Zinedine Zidane schleicht vor Ablauf der Spielzeit und nach seiner Roten Karte am aufgestellten WM-Pokal vorbei. imago images

Lange Zeit blieb es deswegen unübersichtlich auf dem Rasen, obwohl für den Fernsehzuschauer nach abermaliger Studie der TV-Bilder längst klar war: Das muss Rot nach sich ziehen. Der argentinische Schiedsrichter Elizondo zögerte aber - und zückte den Roten Karten schließlich erst nach einigen Minuten sowie nach Rücksprache mit seinem vierten Offiziellen Luis Medina Cantalejo. Dieser hatte die Szene wie Buffon tatsächlich gesehen und dem Hauptschiedsrichter deswegen via Funk mitgeteilt: "Furchtbar, Zidanes Kopfnuss gegen Materazzi war fürchterlich! Zidane verpasste Materazzi einen Kopfstoss. Wenn du das Video siehst, wirst du mir glauben."

Bis heute hält sich deswegen die Beschreibung, dass dies inoffiziell der erste Videobeweis der FIFA war - schließlich gab auch Referee Elizondo im Anschluss noch an: "Als ich zu den beiden (Materazzi und Zidane; Anm.d.Red.) ging, hatte ich alle Informationen und wusste, dass ich Rot zeigen würde."

Ein unrühmlicher Höhepunkt - und ein Schrein

So passierte es - und Zidane, der in seiner Karriere immer wieder wegen Unbeherrschtheiten Platzverweise gesehen hatte (insgesamt zwölf), schlich nach der Übergabe der Kapitänsbinde mit gesenktem Kopf von dannen. Er ging am aufgestellten WM-Pokal vorbei in den Tunnel des Olympiastadions und sorgte so zugleich für das traurigste Bild dieses Fußballabends. Strahlende Gesichter gab es wenig später dagegen im Lager der Azzurri, die sich im Elfmeterschießen dank Fabio Grosso behaupteten sich zum vierten Mal zum Weltmeister krönten.

Marco Materazzi zeigt seinen "Schrein".

Der Kopfstoß als Bild: Marco Materazzi zeigt seinen persönlichen "Schrein" via Instagram. Marco Materazzi/Instagram

Was blieb war eine große Frage: Warum hatte sich "Zizou" zu dieser Tätlichkeit hinreißen lassen? Die Antwort, die inzwischen als verbrieft gilt: Materazzi hatte den französischen Spielgestalter sukzessive mit Sprüchen und Beleidigungen attackiert und dabei auch die Familie diffamiert. In einem Interview mit der "Gazzetta dello Sport" teilte der Italiener später mit: "Ich habe an seinem Trikot gezogen. Da hat er gesagt, wenn ich sein Trikot unbedingt haben wolle, könne ich es ja nach dem Abpfiff haben. Ich habe darauf geantwortet, dass mir seine Schwester lieber wäre." Zidane selbst wollte die Sätze, die auf dem Berliner Rasen in Wahrheit wohl noch etwas härter formuliert wurden, öffentlich nicht wiederholen, sprach aber von "sehr persönlichen und harten Worte über meine Mutter und Schwester".

Materazzi, der damals im Nachhinein für zwei Spiele bestraft und mit einer Geldstrafe belangt worden war, schloss übrigens eine Versöhnung nie aus: "Man schließt Frieden nach verheerenden Kriegen, warum sollten wir keinen Frieden schließen? Meine Haustüre ist immer offen. Wenn er will, kann er jederzeit zu mir kommen." Doch dazu kam es nie. Was sicher auch daran lag, dass sich Materazzi selbst mit seinen "Erfolg" brüstete - und privat eine Art "Schrein" errichtete sowie diesen Jahre später via Instagram für seine Follower veröffentlichte. Neben einem Sieger-Shirt und einem Ball befand sich dort auch ein eingerahmtes Bild, das die Kopfstoß-Szene aus dem Finale zeigte. In seinen Händen hielt der Italiener dabei den WM-Pokal, sein Gegenspieler Zidane wurde mit einem Hahn, dem französischen Symbol, dargestellt.

Zidane will von Materazzi nichts wissen

Zidane, der seine Sperre von drei Partien aufgrund seines ohnehin angekündigten Karriereendes in einen dreitägigen Gemeinschaftsdienst mit Kindern und Jugendlichen umgewandelt hatte, fand vielmehr jene vom Beginn des Textes bekannten Worte: "Ich bitte den Fußball, seine Fans und die Mannschaft um Verzeihung, aber niemals Materazzi. Das würde mich entehren. Lieber würde ich sterben!"

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Rekordmann und Traineridol: Zidane bei Real Madrid