Eishockey

Lieblingsspiel: Eine nervenaufreibende Fehleinschätzung

NHL, Stanley-Cup-Finale, Spiel 1, Vegas - Washington, 28. Mai 2018

Lieblingsspiel: Eine nervenaufreibende Fehleinschätzung

Braden Holtby & Tomas Nosek

Der Siegtreffer: Golden-Knights-Stürmer Tomas Nosek (r.) trifft gegen Capitals-Goalie Braden Holtby zum 5:4. Getty Images

Die eigentliche Sensation passierte schon vor diesem Lieblingsspiel. Mit einer Teilnahme der neu gegründeten Vegas Golden Knights im Stanley Cup Finale hatte vor der Saison wohl niemand gerechnet. Warum? Die 31. NHL-Franchise ging mit einer Mannschaft aus "aussortierten" Profis an den Start. Im sogenannten "Expansion Draft" durften sich die Golden Knights als Liga-Neuling zwar bei jedem der 30 anderen Teams bedienen. Allerdings standen nur "ungeschützte" Spieler zur Auswahl, denn jedes Team durfte bis zu elf Spieler vor einen Wechsel sichern. Übrig blieben also Profis, die von ihren Ex-Klubs als verzichtbar eingestuft worden waren.

Die Außenseiter zeigen es allen

Vegas hatte somit eine Mannschaft mit viel Tiefe, aber vermeintlich ohne Qualität in der Spitze. Selbst eine Qualifikation für die Play-offs galt als unwahrscheinlich. Genau mit diesem Image aber wussten die Golden Knights zu kokettieren. Sie bezeichneten sich selbst als Außenseiter und blühten in der Rolle der stets Unterschätzen regelrecht auf. Jeder einzelne Spieler wollte seinem ehemaligen Team zeigen, dass es ein Fehler war, ihn für einen Wechsel freizugeben. Genau das schweißte das Team von Anfang an zusammen. Zudem leistete General Manager George McPhee ganze Arbeit, indem er sich nur für Profis entschied, die perfekt ins aggressive, temporeiche und physische Spielsystem von Trainer Gerard Gallant passten.

Washington Capitals - Vereinsdaten

Gründungsdatum

11.06.1974

Vereinsfarben

Rot-Blau-Weiß

Vegas Golden Knights - Vereinsdaten

Gründungsdatum

22.06.2016

Vereinsfarben

Gold-Grau-Rot-Schwarz

NHL Stanley Cup - Play-offs - Finale - Best of 7

Die dritte Erfolgskomponente war der Standort Las Vegas an sich. Eine Eishockey-Franchise in der Wüste Nevadas? Das war zuvor kaum vorstellbar. Die Zuschauer würden nur aus Touristen und Event-Publikum bestehen, so die Befürchtung im Vorfeld. Tatsächlich aber war die Identifikation mit den Locals von Anfang an gigantisch. Die Golden Knights schafften es, Vegas-typisch für maximale Unterhaltung zu sorgen. Sowohl auf dem Eis als auch beim Rahmenprogramm. Bei Spielen kam zu keiner Zeit Langeweile auf. Es war laut, bunt, schrill, lustig - ein perfektes Entertainment-Konzept. Entsprechend wurde das erste Profi-Team in "Sin City" ohne Anlaufschwierigkeiten angenommen und leidenschaftlich unterstützt.

Eiskalte Leidenschaft mitten in der Wüste

The Fortress

Die Burg in der Festung: Am oberen Abschluss des Oberrangs haben die Golden Knights eine Ritterburg als Eventbühne platziert. Getty Images

Im Rückblick war es also gar nicht mehr so überraschend, dass sich die Knights in ihrer ersten NHL-Saison überhaupt als bestes Team in der Pacific Division für die Play-offs qualifizierten. Erneut dachten viele Kritiker, dass die NHL-Endrunde für die unerfahrene Mannschaft eine Nummer zu groß sei, doch die "Goldenen Ritter" hatten Blut geleckt: Mit einem 4:0-Sweep gegen die Los Angeles Kings wurde die 1. Runde gemeistert, danach auch die San Jose Sharks mit 4:2 ausgeschaltet und im Western-Conference-Finale schließlich auch die Winnipeg Jets mit 4:1 aus dem Weg geräumt. Das Unmögliche war geschafft: Die Vegas Golden Knights standen im Stanley-Cup-Finale 2018!

Dass ich die Finalspiele gegen die Washington Capitals journalistisch begleiten würde, stand schon länger fest. Mit Las Vegas als Reiseziel hätte ich damals aber im Leben nicht gerechnet. Und so stand ich an diesem 28. Mai (Ortszeit) in einem schwarzen Jackett vor den Fontänen des altehrwürdigen "Bellagio", dem offiziellen Medien-Hotel der NHL, und traute meinen Augen nicht. Das Thermometer zeigte über 40 Grad an, die Sonne brannte auf den Asphalt am Las-Vegas-Strip und trotzdem marschierten begeisterte Eishockey-Fans in ihren klobigen Trikots Richtung T-Mobile Arena. Auf den riesigen Anzeigetafeln in der Spielerstadt flimmerte immer wieder der goldene Ritterhelm mit dem "V"-Visier und Sprüche wie "Go Knights Go". Sogar die nachgebaute Freiheitsstatue vor dem "New York New York"-Hotel bekam ein überdimensioniertes Trikot übergestreift.

Die Spannung steigt von Minute zu Minute

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Vor der "Fortress" (deutsch: Festung), wie die Spielstätte der Golden Knights genannte wird, herrschte schon Stunden vor dem Puck-Drop ein reges Treiben mit Bühnenprogramm, Live-Musik und aufgeregten Hockey-Fans. Die Anspannung war auch im inneren der goldenen Arena spürbar und steigerte sich Minute für Minute. Einen Anteil daran hatte auch die Pre-Game-Show. Die beiden Stadionsprecher heizten gewaltig ein. Der erste Gänsehaut-Moment dann, als die durchdringenden Bässe von "John Wick Mode" von "Le Castle Vania" einsetzen - ein Song, der immer gespielt wird, wenn die Golden Knights das Eis betreten. Über 100 Dezibel wurden in der Halle gemessen, als die Spieler zum Aufwärmen durch den verspiegelten Gang auf die Eisfläche marschierten. Durch die optische Täuschung wirkte es so, als würde eine grau-goldene Armee einlaufen.

Vegas Golden Knights

"John Wick Mode" on: Die Spieler der Golden Knights betreten die Eisfläche durch einen riesigen Ritterhelm. imago images

Die Fans schwangen weiße Play-off-Towels auf denen "Welcome to Impossible" (deutsch: Willkommen zum Unmöglichen) stand. Dann übernahm Lil Jon, einer der Stamm-DJs in Las Vegas und schmetterte seinen Song "Turn Down for What". Die Bässe ließen die Arbeitstische beim Pressebereich vibrieren. Nach dem Warm-Up schallt "It's Knight Time" durch die Arena- und es wird dunkel. Audiovisuell werden nacheinander kritische Stimmen und Schlagzeilen eingeblendet, warum Vegas gegen die vorausgegangenen Gegner scheitern würde. Quittiert wurde das mit lauten Buh-Rufen. Am Ende wurde "Welcome to Impossible" auf die Eisfläche projiziert. Das Schauspiel nahm seinen Lauf: Ein goldener Ritter lieferte sich einen Schwertkampf gegen einen "Bösewicht" in den Caps-Farben. Dann wurde der gigantische Ritterhelm für den Einlauf von der Decke abgelassen und "John Wick Mode" setzte erneut ein, und die Spieler schossen durch die V-Aussparung aufs Eis.

Das große Finale beginnt

Nach der US-amerikanischen Nationalhymne verkündete kein geringerer als der legendäre Box-Ansager Michael Buffer die Starting-Six. Das Licht ging an. Die Hartgummischeibe fiel aufs Eis. Vegas gegen Washington. Golden Knights gegen Capitals. Das Stanley-Cup-Finale 2018 war eröffnet! Nicht unerwähnt bleiben sollte hier meine persönliche Einschätzung zu diesem Zeitpunkt: "Ich erwarte eine Low-Scoring-Serie", fachsimpelte ich im Gespräch mit meinem Kollegen, angesichts zweier starker Defensiv-Reihen sowie den beiden Star-Goalies Marc-Andre Fleury und Braden Holtby.

Stanley-Cup-Finale 2018 - Spiel 1

Bei jedem Angriff des Heimteams hob es viele Fans aus den Sitzen. Kein Halten gab es mehr, als Vegas-Verteidiger Colin Miller früh zum 1:0 traf (8.). Washington antwortete mit einem Doppelschlag binnen 42 Sekunden durch Brett Connolly (15.) und Nicklas Backstrom (16.). Noch vor der ersten Pause schlug die Paradereihe der Golden Knights - mit Jonathan Marchessault, William Karlsson und Reilly Smith - erstmals zu: "Wild Bill", wie Karlsson genannt wird, stellte auf 2:2 (19.). Die Freude darüber war so groß, dass sich Fans in den obersten Reihen umdrehten, um die Pressevertreter abzuklatschen - eigentlich ein No-Go in den USA.

Eine nervenaufreibende Fehleinschätzung

T-Mobile Arena

"Get Vegas Loud": Vor dem ersten Puck-Drop im Stanley-Cup-Finale war es in der T-Mobile Arena ohrenbetäubend laut. Getty Images

Nach dem Schlagabtausch im 1. Drittel schnellte der Spannungsbogen weiter nach oben: Smith schoss Vegas erneut in Führung (24.) - Caps-Verteidiger John Carlson aber glich aus. Mit dem Stand von 3:3 ging es also ins dritte Drittel. Hier erzielte Washingtons Raubein Tom Wilson zunächst das 4:3 (42.), doch nur 91 Sekunden später wurde es zum vierten Mal ohrenbetäubend laut, als der "Tough Guy" auf Seiten der Knights, Ryan Reaves, erneut ausglich - 4:4 (43.). Eine zuvor schon packende Partie stand auf Messers Schneide.

Doch Vegas wäre nicht Vegas, wenn es nicht noch ein Ass im Ärmel gehabt hätte: Tomas Nosek - bis dahin eher ein unbeschriebenes Blatt in den hinteren Sturmreihen verwandelte die "Fortress" mit seiner fulminanten Direktabnahme zum 5:4 endgültig in ein Tollhaus (50.). Nosek war es auch, der in der Schlussminute mit einem "Empty Net"-Tor das 6:4 knipste. Zehn Tore in Spiel 1? Von einer "Low-Scoring-Serie" konnte schon 60 Minuten später keine Rede mehr sein. Welch nervenaufreibende Fehleinschätzung!

Kein Happy End

Das wundersame Märchen der Golden Knights sollte übrigens kein Happy End haben. Spiel 1 war die einzige Partie, die Vegas in der Final-Serie gewinnen konnte. Es folgte ein nicht weniger spannendes 2:3 in Spiel 2 sowie eine 1:3- und 2:6-Niederlage in Washington. Schlussendlich kürten sich die von Superstar Alex Ovechkin angeführten Capitals in Spiel 5 in Las Vegas mit einem 4:3-Erfolg zum Stanley-Cup-Champion. Bei der Siegesfeier auf dem Eis war ich glücklicherweise nicht der einzige Deutsche: Caps-Ersatztorwart Philipp Grubauer stemmte den "Heiligen Gral" in die Höhe.

Christian Rupp

Entertainment überall: Die Vegas Golden Knights