EM

Lieblingsspiel: Für 90 plus drei Minuten im Fußball-Himmel

Europameisterschaft 2004, Niederlande - Tschechien, 19. Juni 2004

Lieblingsspiel: Für 90 plus drei Minuten im Fußball-Himmel

Jaap Stam, Wilfried Bouma, Vladimir Smicer

Schlusspunkt eines denkwürdigen Spiels: Vladimir Smicer (re.) jubelt über sein Tor zum 3:2. imago images

So einmalig wie die Farbgebung des schrill-bunt angestrichenen Estadio Municipal im nordportugiesischen Aveiro verläuft das Europameisterschaftsspiel zwischen den Niederlanden und Portugal, das ich dort am 19. Juni 2004 beobachten darf. Für 90 plus drei Minuten fühle ich mich im Fußball-Himmel. Ein Offensiv-Spektakel ohne Netz und doppelten Boden.

Weil ich als BVB-Reporter einen guten Draht zu Tomas Rosicky und Jan Koller besitze, reise ich mit der tschechischen Nationalmannschaft während der EURO 2004 durch Portugal. Im zweiten Gruppenspiel warten die Niederlande. Auch eine Nation, die Angriff für die beste Verteidigung hält und sich damit so wunderbar abhebt von den griechischen Betonmischern, die am Ende triumphieren werden. Aber darüber später mehr.

Eine Partie "in der Reihe der Jahrhundertspiele"

zum Spiel

Aveiro liegt im Norden Portugals, 60 Kilometer südlich von Porto, 70.000 Einwohner, eher Provinz als der Nabel der Welt. Doch für einen Tag sichert sich die Stadt ihren Platz auf Europas Fußball-Landkarte. Tschechien und die Niederlande liefern einen künstlerisch derart wertvollen Vortrag ab, dass sogar DIE ZEIT später von einem Fußball-Klassiker schwärmt und die Partie "in die Reihe der Jahrhundertspiele" einsortiert. Noch 16 Jahre später spricht Rosicky vom "besten Spiel unserer Generation". Tschechiens Goldene Generation mit Petr Cech, Tomas Ujfalusi, Superstar Pavel Nedved, Vladimir Smicer, Milan Baros oder den beiden Dortmundern Koller und Rosicky nimmt Anlauf, endlich einen großen Titel zu gewinnen.

Er hat an diesem Abend dreimal das System gewechselt.

Tomas Rosicky über Trainer Karel Brückner

In Aveiro geht es Schlag auf Schlag. Den Niederländern glückt ein Blitzstart, Wilfried Bouma (4.) und Ruud van Nistelrooy (19.) sorgen für eine schnelle Führung, die Tschechen suchen noch nach dem richtigen Gleis, als der Zug längst losgefahren ist. Aber aufgeben? Nur noch Schadensbegrenzung betreiben? Kommt nicht in Frage. "Wir wussten, dass wir stark sind", sagt Rosicky. Dazu gehört ein Trainer, der entschlossen und richtig reagiert: Karel Brückner, den sie in seiner Heimat "Klekipetra" nennen, wie den weißhaarigen Ratgeber von Apachen-Häuptling Winnetou in Karl Mays Bestsellern, mobilisiert die totale Offensive. Bringt erst Smicer für Zdenek Grygera und später noch Marek Heinz für Tomas Galasek.

Die Partie raubt allen Zuschauern den Atem

"Brückner konnte einerseits sehr laut und andererseits sehr analytisch sein", verrät Rosicky, "an diesem Abend hat er dreimal das System gewechselt." Am Ende zieht der Trainer Rosicky auf die Sechser-Position zurück, und Karel Poborsky, ein Außenstürmer vor dem Herrn, rückt als Rechtsverteidiger (!) nach hinten. Auf dem Papier. In Wirklichkeit attackiert Tschechien, was das Zeug hält. Mit Mann und Maus. Und die Niederlande halten dagegen. 24 erstklassige Torchancen notieren die Berufsstatistiker an diesem Abend, der offene Schlagabtausch zwischen diesen beiden Nationen rechtfertigt jeden Superlativ, die Partie raubt allen Zuschauern den Atem. Fußball ohne Netz und doppelten Boden. Die Spielnote: eine glatte 1. Was auch sonst.

Niederlande gegen Tschechien

Was für ein Spektakel in Aveiro! Niederlande gegen Tschechien. imago images

Advocaats bittererer Fehlgriff

Koller verkürzt für Tschechien (23.), der spätere EM-Torschützenkönig Baros gleicht aus (70.), Smicer (88.) macht den Deckel drauf. "Dieses Spiel hatte alles - Energie, Tempo, Dramatik", erinnert sich Rosicky, "das war ein Fußballfest. Für alle neutralen Zuschauer ein super Abend." Elftal-Coach Dick Advocaat erlebt auf der Gegenseite einen der bittersten Momente seiner Karriere: Er bezieht Prügel dafür, dass er nach knapp einer Stunde den starken Arjen Robben vom Platz winkt und durch den defensiven Paul Bosvelt ersetzt. Das davon ausgehende Signal ist fatal.

Tschechien triumphiert mit Herz, mit Mut und Offensivpower, sichert sich vorzeitig den Gruppensieg, besiegt hinterher - mit einer B-Elf - auch Deutschland (2:1) und fertigt im Viertelfinale Dänemark (3:0) ab. Brückners Team spielt den wohl schönsten Fußball des Turniers, fantasievoll und elegant, und scheitert dennoch kurz vor dem Ziel: Im Halbfinale sind Griechenlands humorlose Zerstörer unter dem Kommando Otto Rehhagels die Endstation (0:1). "Leider, leider", seufzt Rosicky. Der große Traum der Goldenen Generation, er erfüllt sich nicht.

Thomas Hennecke

EURO 2004 - Der griechische Triumph