Bundesliga

Lieblingsspiel: Liebesgeschichte auf dem Dallenberg

DFB-Pokal, 1. Runde, Würzburg - Hoffenheim, 10. August 2019

Lieblingsspiel: Liebesgeschichte auf dem Dallenberg

Voller Einsatz: Hoffenheims Robert Skov (l.) im Zweikampf mit Würzburgs Leroy Kwadwo.

Voller Einsatz: Hoffenheims Robert Skov (l.) im Zweikampf mit Würzburgs Leroy Kwadwo. imago images

Auf den ersten Blick mag diese Wahl nicht nachzuvollziehen sein. Trotz der sechs Tore, die in 120 Minuten gefallen sind. Trotz dieses Kampfes, der erst im Elfmeterschießen entschieden wurde. Würzburger Kickers gegen die TSG Hoffenheim: Warum soll dieses Spiel als Lieblingsspiel durchgehen?

Um das zu begreifen, muss man verstehen, wie die Würzburger sind - und wie die Fußballspiele am Dallenberg für gewöhnlich laufen.

Ein Fußballspiel kann, ganz allgemein, zäh sein, es kann sich in die Länge ziehen. Dann dauern 90 Minuten auf einmal gefühlt doppelt so lange, vielleicht sogar noch länger. Auf dem Dallenberg hat man solche Spiele in der jüngeren Vergangenheit häufig erlebt, meist unter Bernd Hollerbach, einem Trainer, der auf Pragmatismus setzt und sich in Würzburg auch den weniger attraktiven Mitteln bedient hat, solange diese ihren Zweck erfüllt haben. Bei allem Erfolg: Hollerbach steht nicht für Spektakel. Als die Kickers 2016 unter seiner Führung in die Zweite Bundesliga aufgestiegen sind, hatten sie gerade mal 43 Tore geschossen - in 38 Spielen.

Es ist nicht leicht, einen Würzburger in Ekstase zu versetzen

Der jetzige Coach, Michael Schiele, begreift den Fußball zwar etwas anders, doch auch ihn hat man schon auf dem Dallenberg gesehen, wie er sich vom Rasen ab- und den Zuschauern zugewendet hat, um sie, wild mit den Armen rudernd, dazu aufzufordern, aus sich heraus zu gehen. Es ist nämlich nicht leicht, einen Würzburger zu begeistern, schon gar nicht, ihn in Ekstase zu versetzen.

An jenem Augustabend aber, da ist es den Kickers gelungen. Sie haben jeden Einzelnen auf der Tribüne mitgerissen. Ohne Ausnahme. In weniger als einer Stunde.

Die Entscheidung schien kurz nach der Pause schon gefallen

Dabei schien die Entscheidung kurz nach der Halbzeitpause schon gefallen zu sein. Hoffenheim erzielte das 2:0, Würzburg wirkte eingeschüchtert. Dann aber verkürzte Fabio Kaufmann, Albion Vrenezi glich aus, und selbst auf die erneute Hoffenheimer Führung hatten die Kickers in der Verlängerung eine Antwort. Ein Spielfilm, der Kaufmann dazu veranlasste, später von einer "Liebesgeschichte über 120 Minuten" zu sprechen, einer "Lovestory, wie sie keiner besser hätte schreiben können".

Die Kickers verloren erst im Elfmeterschießen - und gewannen doch. Weil sie eine kaum für möglich gehaltene Aufholjagd hingelegt hatten. Weil sie, um es mit an dieser Stelle angebrachtem Pathos zu formulieren, die Zuschauer berührt hatten. Weil sie das Spiel, in dem der Zwischenstand der Eckbälle von Möbelhäusern und Uhrenherstellern präsentiert wird, weil sie also das Spiel auf seinen Kern zurückgeführt hatten: das Duell zweier Mannschaften, die rennen, springen und grätschen. Die laufen, bis sie nicht mehr können. Die ihr letztes Trikot dafür hergeben würden, nur um am Ende der Sieger zu sein.

An diesem Augustabend war Würzburg nicht der Sieger. Allerdings nur für jene, die das Spiel nüchtern betrachteten. Und dazu war Würzburg nach diesen 120 Minuten kaum imstande.

Sebastian Leisgang

Bilder zur Partie Würzburger Kickers - TSG Hoffenheim