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Flugtaxis: Vorerst eine Luftnummer

Passagierdrohnen für die Kurzstrecke - Ernüchternde Studie - Audi bleibt am Boden

Flugtaxis: Vorerst eine Luftnummer

Volocopter

Flugtaxi Volocopter: Entlastung für den innerstädtischen Stau-Verkehr? Volocopter

Der Traum vom Fliegen ist derzeit ausgeträumt. Die Corona-Pandemie zwingt die Jets auf den Boden, Flughäfen sind geisterhaft verwaist, der Luftraum leer, Airlines bangen um ihre Existenz.

Dabei wurde noch vor gar nicht langer Zeit die Vision einer Ausweitung des Flugverkehrs gepflegt. Was bislang nur den milliardenschweren oberen Zehntausend vorbehalten war, sollte bis auf Pendler-Ebene Realität werden: Flugtaxis, so das Gedankenspiel, könnten auf der Kurzstrecke konventionelle Fahrdienste ersetzen und eine neue Dimension der Mobilität schaffen - beispielsweise, indem sie luftige Zubringerdienste zum Airport übernehmen, oder, dann eingebunden in ein Duales Konzept, Passagiere per (autonomem) Elektroauto zu "Vertiports" transferieren, von denen aus der Kurzstreckenflug zum endgültigen Zielort erfolgt.

Porsche kooperiert mit Boeing

Weltweit gibt es über 100 Flugtaxi-Projekte. Start-ups, aber auch namhafte große Unternehmen arbeiten an solchen Konzepten, oft in Kooperation, erste Testflüge sind bereits erfolgt. Volocopter oder Lilium versuchen sich am Flugtaxi, auch der Mobilitätsdienstleister Uber ist dran am Thema, ebenso wie Airbus (mit dem viersitzigen City-Airbus oder dem kleinen Flugtaxi Vahana) und Automobilhersteller wie Toyota, Daimler oder Porsche; der Zuffenhausener Sportwagenbauer ist eine Zusammenarbeit mit Boeing eingegangen.

Die meist vier- bis fünfsitzigen Passagierdrohnen sollen elektrisch fliegen, zunächst noch von einem Piloten gesteuert, später dann autonom. Der Volocopter aus Bruchsal beispielsweise ist ein vollelektrischer Senkrechtstarter mit 18 Rotoren, auch der mit 36 Motoren ausgestattete Elektro-Jet von Lilium (ebenfalls ein deutsches Start-up, mit Sitz in Weßling bei München) startet und landet senkrecht, seine Reichweite soll bei 300 Kilometern liegen, die Höchstgeschwindigkeit 300 km/h erreichen.

Lilium Jet

Traum vom Fliegen: Lilium-Jet über New York. Lilium

Charme der Idee: Das Senkrechtstarter-Konzept benötigt wenig Platz, elektrisches Pendeln durch die Luft würde leise, schnell und lokal emissionsfrei erfolgen sowie außerdem den innerstädtischen Stauverkehr entlasten.

Verwegen prognostiziert eine Machbarkeitsstudie von Porsche Consulting, dass der "Einsatz von sehr kleinen, sehr wendigen Lufttaxis mit leisem elektrischem Antrieb" schon im Jahr 2025 Wirklichkeit werden könnte.

Taxiflug für 57 Euro?

Auch ein Rechenbeispiel legen die Berater vor. Demnach würde der Kurzstreckenflug vom etwa 20 Kilometer nördlich Stuttgarts gelegenen Bietigheim-Bissingen bis zum Airport der schwäbischen Metropole in Leinfelden-Echterdingen nur flinke sechs Minuten dauern und je Passagier 57 Euro kosten. Ein konventionelles Taxi, so die Studie, bräuchte selbst bei günstigen Verkehrsverhältnissen mindestens eine halbe Stunde und käme auf rund 90 Euro.

Das klingt gut und verheißungsvoll. Eine Studie von bayerischen Wissenschaftlern der Technischen Universität München, der Technischen Hochschule Ingolstadt und dem Bauhaus Luftfahrt (eine von mehreren Luft- und Raumfahrtunternehmen sowie dem Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie gegründete Forschungseinrichtung aus Taufkirchen bei München) legt indessen nahe, dass Flugtaxis längerfristig eine Luftnummer bleiben.

Pessimistische Prognose

Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Passagierdrohnen voraussichtlich nicht mehr als 0,05 Prozent, bestenfalls aber 1,6 Prozent der täglich zurückgelegten Kilometer abdecken werden. Das heißt, dass der Anteil der Flugtaxis am Verkehrsgeschehen noch unter dem ihrer erdgebundenen Pendants bleiben würde. In allen durchgerechneten Modellrechnungen, so stellt die Analyse fest, dürften die Flugtaxis nur einen sehr kleinen Anteil der Transporte durchführen. "Das bedeutet im Klartext: Flugtaxis werden kein anderes Transportmittel ersetzen können", resümiert die zur Versicherungsgruppe HUK Coburg gehörende Studiengesellschaft Goslar-Institut.

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Pop-Up Next: Das Passagiermodul des Elektroautos sollte an das Fluggerät andocken und abheben. Audi

Zwar würde den bayerischen Forschern zufolge die größte Nachfrage nach Flugtaxis theoretisch auf Kurzstrecken unter 40 Kilometern bestehen. Aber solch tagtägliches Pendeln durch die Luft halten die Wissenschaftler für "sehr unwahrscheinlich". Auch was die Kosten für einen Taxiflug betrifft, sind die Forscher weniger optimistisch als es die Machbarkeitsstudie von Porsche Consulting vorrechnet. Passagiere müssten mit ähnlichen Preisen wie für ein konventionelles Taxi rechnen, und auch das nur bei hoher Auslastung der Passagierdrohnen.

Selbst das würde für die Betreiber der luftigen Shuttledienste aber wohl nicht einmal ausreichen, um die Kosten für die Senkrechtstarter-"Vertiports" wieder hereinzuholen.

Weitere Fragezeichen ergeben sich hinsichtlich der Akzeptanz unter der Bevölkerung, aber auch, was die Absicherung des Flugverkehrs betrifft, gerade über Großstädten.

Audi jedenfalls hat bereits im vergangenen Herbst beschlossen, nicht abzuheben: Das vom Tochterunternehmen Italdesign und Airbus gemeinschaftlich entwickelte Flugauto "Pop-Up Next" bleibt am Boden.

Ulla Ellmer