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Lieblingsspiel Real Madrid gegen Sevilla: Eine Legende im Rücken

La Liga, Real Madrid - Sevilla, 19. Januar 2019

Lieblingsspiel: Eine Legende im Rücken

Zweimal durften die Königlichen um Casemiro und Luka Modric am Ende jubeln.

Zweimal durften die Königlichen um Casemiro und Luka Modric am Ende jubeln. imago images

Real Madrid gehört zu den schillerndsten Vereinen der Welt. Auch mich packte damals in der Schulzeit die Sympathie zu den Königlichen. Ikonen wie Zinedine Zidane, Luis Figo, David Beckham oder Raul - nur um mal einige zu nennen - streiften sich das weiße Trikot über und sorgten für mächtig Glanz.

zum Spiel

Trotz der Sympathie zu den Königlichen sollte es bis zum Januar 2019 dauern, ehe ich das erste Mal ins Estadio Santiago Bernabeu kam. Ein Geschenk zum 30. Geburtstag bescherte mir damals eine viertägige Reise nach Madrid, bei der die Partie zwischen Real und Sevilla am 19. Januar im Mittelpunkt stand. Die Vorfreude wurde größer, je näher der Tag kam. Schließlich war es so weit, wir nahmen die Metro zum Stadion und stiegen an der Haltestelle "Santiago Bernabeu" aus. Per Treppe ging es nach oben und dann sah man ihn bereits, den Fußballtempel der Königlichen. Mitten in der Stadt stand einfach dieses riesige Stadion.

Wir überbrückten die Zeit, bis sich die Tore des Stadions öffneten, in einer kleinen spanischen Bar. Es liefen La-Liga-Highlights der vorherigen Spieltage. Nach einem Kaltgetränk ging es dann Richtung Stadion, es setzte Regen ein, der sich allerdings auf unsere überdachten Plätze nicht negativ auswirkte. Im Stadion ging es ein paar Treppen nach oben, ehe wir unseren Block erreicht hatten und einen ersten Blick ins Rund werfen durften. Ein absolut beeindruckender Moment, diesen Tempel, der über 80.000 Menschen Platz bietet, zu sehen.

Eine Loge im Rücken

Wir fanden schnell unsere Plätze und waren neben anderen Touristen, die aus der ganzen Welt kamen, sehr früh im Stadion. Unsere Reihe war die letzte eines Blocks, aber trotzdem mit gutem Blick auf das Spielfeld. Ich drehte mich um und sah eine leere Loge. "Wäre doch cool, wenn hier nachher der Kroos sitzen würde", sagte ich schmunzelnd zu meiner Partnerin. Der deutsche Weltmeister Toni Kroos war nämlich verletzt und konnte nicht mitwirken. Es war nicht die Loge des Mittelfeldmannes, so viel sei vorweggenommen.

"Vinicius, Vinicius"

Die Ränge im Stadion füllten sich, um uns herum blieb es zunächst ruhig, ehe einige Spanier eintrafen. Sie kannten sich untereinander, es entwickelte sich sofort ein Gespräch, dessen Inhalt mir aufgrund der fehlenden Spanischkenntnisse nicht klar war. Was ich allerdings schnell merkte, der Real-Fan neben mir war auch ein Fan von Vinicius, dem jungen brasilianischen Senkrechtstarter der Königlichen, der als einer der wenigen in der verkorksten Spielzeit 2018/19 überzeugte. "Vinicius, Vinicius", schrie er bei fast jedem Ballkontakt des Dribblers. Der Brasilianer vergab auch die beste Chance im ersten Durchgang.

Zidane im Rücken

Saß in der Loge hinter uns: Zinedine Zidane.

Saß in der Loge hinter uns: Zinedine Zidane. imago images

Klar hatten wir uns mehr als ein torloses 0:0 zur Pause gewünscht, aber es standen ja noch 45 Minuten auf dem Programm. Und die Halbzeit gab es auch noch. In der Regel recht unspektakulär, man geht auf die Toilette oder füllt den Essens- und Getränkevorrat auf. Aber diese Pause am 19. Januar 2019 in Madrid sollte für immer in meinem Gedächtnis bleiben. Ich stand auf, ließ meinen Blick durchs Stadion schweifen und drehte mich schließlich um. Die Loge hatte sich mittlerweile gefüllt, in der ersten Reihe ein paar Jugendliche, dahinter einer Frau und links daneben ein Mann mit Glatze. Ein Glatzkopf in Madrid? Mein Herz schlug sofort höher und ich flüsterte etwas verhalten zu meiner Partnerin: "Dreh dich mal langsam um, da ist der Zidane!" Als hätte er es gehört, hätte ich es lauter gesagt. Oder als wäre er es nicht sowieso gewohnt, dass ständig Menschen in seine Loge starren.

"Ich würde ihn lieber da unten sehen"

Ein Moment, der für uns beide besonders war. Wann blickt man schon so einer Legende wie Zidane quasi Auge in Auge? Es waren vielleicht eineinhalb Meter zwischen uns. Längst hatte der Spanier neben mir bemerkt, dass wir uns immer wieder etwas aufgeregt umdrehten. "Seine Frau ist fast jedes Spiel hier. Mittlerweile ist er auch wieder öfter da", sagte er. Mittlerweile bedeutete, seitdem er seinen Trainerjob im Sommer 2018 bei Real aufgab, nachdem er mit dem Team dreimal in Folge die Champions League gewonnen hatte. Seit Sommer lief es nicht mehr bei den Königlichen, der Coach und auch Superstar Cristiano Ronaldo fehlten. "Ich würde ihn lieber wieder als Trainer da unten auf dem Rasen sehen", sagte der Spanier, dessen Real zu dieser Zeit von Santiago Solari gecoacht wurde. Ich entgegnete, natürlich auf Englisch: "Bald." Wir beide lachten.

Casemiros Hammer

Casemiro (re.) traf traumhaft zum 1:0.

Casemiro (re.) traf traumhaft zum 1:0. imago images

Nach 15 Minuten ging es auf dem Rasen weiter. Real wurde besser und besser, schnürte Sevilla hinten ein. Chance um Chance ließen die Blancos aus, Dani Ceballos traf nur die Latte. Mein Blick ging natürlich immer wieder nach hinten, wo "Zizou" die Partie verfolgte, rechts neben ihm ein Flatscreen, auf dem er sich immer die Wiederholungen ansah. Ich dachte mir kurz, dass es schon irgendwie bitter wäre, für ein 0:0 nach Madrid zu reisen. Aber dann packte Casemiro den Hammer aus und traf traumhaft zum 1:0. Die Real-Hymne, die uns bereits einen Tag vorher im Fanshop begleitet hatte, ertönte, wir standen auf und feierten. Zidane stand nicht. Er saß, grinste und klatschte. Und sah sich den Treffer nochmal auf seinem Fernseher an. Die Real-Hymne ertönte noch ein zweites Mal, als Weltfußballer Luka Modric den 2:0-Endstand herstellte.

Das Ergebnis rundete den Tag mit dem ersten Stadionbesuch in Madrid sowie der Begegnung mit Zidane ab. Zwei Tage später ging es zurück nach Deutschland. Am 11. März kam schließlich die Nachricht: Zidane ist wieder Trainer von Real Madrid. Ich dachte sofort an den Vinicius-Fan aus Madrid. Und musste lachen.

Mirko Strässer

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