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Werder vs. HSV: 19 Tage, 4 Derbys - und eine Papierkugel für die Ewigkeit

Bremen nimmt den Rivalen aus zwei Wettbewerben

Werder vs. HSV: 19 Tage, 4 Derbys - und eine Papierkugel für die Ewigkeit

Die Bremer feiern 2009 erneut einen Finaleinzug in Hamburg.

Die Bremer feiern 2009 erneut einen Finaleinzug in Hamburg. imago images

Was sich Ende April, Anfang Mai 2009 in Bremen und Hamburg abspielte, darf gewiss als Ausnahmezustand beschrieben werden. Die beiden Nordklubs hatten das Halbfinale des DFB-Pokals und UEFA-Cups erreicht, dort standen sie sich direkt gegenüber. Und wie es der Zufall so wollte, war auch das Rückspiel in der Bundesliga in diesem Zeitraum angesetzt. Somit gab es in 19 Tagen gleich vier Nordderbys - für die Fans natürlich Feiertage.

1. Akt: Wiese wird zum Helden

Die Derbytage starteten am 22. April mit dem Halbfinale im DFB-Pokal, der HSV hatte Heimrecht. Die frühe Führung durch Per Mertesacker glich Ivica Olic nach dem Seitenwechsel aus. Beim 1:1 blieb es auch nach 120 Minuten, somit musste das Elfmeterschießen die Entscheidung bringen. Dort avancierte SVW-Keeper Tim Wiese zum Matchwinner. Der polarisierende Schlussmann hielt gleich drei Strafstöße, nur Joris Mathijsen fand den Weg am Torwart vorbei. Die Bremer schossen derweil eiskalt, Claudio Pizarro, Mesut Özil und Torsten Frings trafen. Nachdem Wiese den Elfmeter von Marcell Jansen hielt und der Finaleinzug der Werderaner feststand, sprintete der Torhüter einmal über den ganzen Platz und feierte mit den mitgreisten Werder-Fans. "Nach seiner letzten Tat ist Tim wie ein Irrer zu unserer Fan-Kurve gerannt, die 100 Meter waren unter zehn Sekunden, wir kamen überhaupt nicht hinterher. Wahnsinn!", schwärmte Frings Jahre später in einem Interview mit der "Deichstube". Und Wiese sagte im Gespräch mit dem NDR rückblickend: "Besser ging es ja nicht, gerade vor der HSV-Kurve, die Stimmung war ja bombastisch. Das war natürlich ein super Erfolg, nicht nur für mich, sondern für Werder Bremen."

Matchwinner Tim Wiese und Zauberfuß Diego setzen zum Sprint zur Bremer Fankurve an.

Matchwinner Tim Wiese und Zauberfuß Diego setzen zum Sprint zur Bremer Fankurve an. imago images

"Wiese fliegt bis nach Berlin", schrieb der kicker damals und zeichnete den Schlussmann mit der Note 1 aus, selbstverständlich wurde er zum Spieler des Spiels gekürt. "Der HSV war Favorit, und wir hatten keine gute Saison gespielt", erinnerte sich Frings. Der Mittelfeldantreiber war sich dann im Elfmeterschießen aber sicher, dass die Bremer gewinnen würden: "Wir hatten den Elfer-Killer Tim Wiese. Er hat nach jedem Training einen gesucht, mit dem er noch ein Elfmeterschießen machen konnte. Natürlich mit einem kleinen Einsatz, meistens ging es um ein schönes Essen. Tim hat ja gerne gegessen. Er hat nicht immer gewonnen, aber oft." Zudem gab Frings noch Einblicke in den weiteren Verlauf des Abends: "Dann ging die Party ab, erst draußen, dann in der Kabine. Natürlich waren wir lauter als anderswo, wir waren ja beim HSV. Ein paar Bierchen haben wir natürlich auch getrunken. Denn unser Traum von einem Titel lebte." Und der Traum wurde erfüllt. Im Pokalfinale setzten sich die Werderaner dank eines Treffers von Mesut Özil mit 1:0 gegen Leverkusen durch.

Nordderby HSV-Werder: Rekordduell mit Brisanz

2. Akt: Trochowski vermiest Schaaf den Geburtstag

Aber zurück zu den Derbytagen. Weiter ging es am 30. April mit dem Hinspiel des Halbfinals im UEFA Cup. Diesmal hatten die Bremer Heimrecht - und verloren mit 0:1. Piotr Trochowski erzielte den Siegtreffer für Hamburg und vermieste Werder-Coach Thomas Schaaf den 47. Geburtstag. Der HSV hatte sich somit eine exzellente Ausgangssituation für das Rückspiel eine Woche später geschaffen.

3. Akt: Wenn es eine Papierkugel ins Wuseum schafft

Und dieses Spiel im Hamburger Volksparkstadion sollte eines für die Geschichte sein, denn wann sonst hat eine Papierkugel schon ein Duell entschieden? Aber der Reihe nach. Hamburg startete gut und ging durch Olic in Führung, aber noch vor der Pause glich Bremens Zauberfuß Diego aus. In der 66. Minute drehte Pizarro gar die Begegnung und stellte für die Grün-Weißen die Weichen auf Finale. Und dann passierte es: Michael Gravgaard wollte den Ball unbedrängt zu Keeper Frank Rost spielen. Aber dann lag sie da, die Papierkugel, die irgendein Fan zusammengeknüllt und auf den Rasen geworfen hatte. Der Ball prallte dem HSV-Spieler ans Schienbein und ging ins Toraus - Ecke. Nach dieser traf Frank Baumann zum vorentscheidenden 3:1, denn nun brauchte der Dino zwei Treffer. Einer gelang zwar noch durch Olic, aber am Ende zogen die Bremer durch ein 3:2 ins Finale ein.

Die Bremer Fans feiern die Papierkugel.

Die Bremer Fans feiern die Papierkugel. imago images

Es war einmal mehr ein hart umkämpftes Duell, in dem sich beide Teams wenig schenkten. "Da war schon so etwas wie Hass zu spüren", sagte Frings, der meinte, die Hamburger hatten es speziell auf Diego abgesehen: "Sie wollten ihn so provozieren, dass er vom Platz fliegt." Das geschah zwar nicht, aber der Brasilianer ließ sich zu einem kleinen Scharmützel mit Alex Silva hinreißen und sah Gelb. Eine folgenschwere Karte, denn damit war er im Finale gegen Schachtar Donezk, das Werder mit 1:2 nach Verlängerung verlor, gesperrt. "Dass Diego gefehlt hat, war auch ein Grund, weshalb wir das Finale verloren haben. Leider hat uns das den Titel gekostet", meinte Frings. Aber im Halbfinale genoss Werder zunächst einmal den Erfolg in Hamburg, erneut siegte der SVW beim direkten Rivalen in dessen Stadion. "Die Mannschaft hat sich unglaublich reingeworfen. Das war der Hammer", freute sich Schaaf im Rückblick. Und Frings schob schmunzelnd hinter: "Die Papierkugel hatten wir uns wirklich verdient." Und jene Papierkugel kann man seither im Bremer Museum, dem sogenannten Wuseum begutachten.

4. Akt: Der doppelte Almeida

Am darauffolgenden Sonntag, dem 10. Mai, trafen sich Bremen und Hamburg zum letzten Akt der Derbywochen, das Liga-Rückspiel in Bremen stand an. Während Werder im Mittelfeld rumdümpelte und weder nach oben noch nach unten etwas ging, kämpfte der auf Platz fünf liegende HSV um die europäischen Plätze, sogar die Meisterschaft war bei fünf Punkten Rückstand und noch vier ausstehenden Spielen rechnerisch noch möglich. Aber erneut versalzten die Werderaner dem Dino die Suppe. Dank eines Doppelpacks von Hugo Almeida, dem Mann mit dem unglaublichen linken Huf, setzte sich der SVW mit 2:0 durch. Die Zeit der Derbys war vorbei - und sie hinterließ definitiv zwei komplett unterschiedliche Gefühlswelten. Aber immerhin lief der HSV am Ende auf Rang fünf ein und qualifizierte sich für das internationale Geschäft.

Mirko Strässer

Aufholjagden, "Wunder" und eine legendäre Papierkugel

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