Int. Fußball

Lieblingsspiel: Ab durch die Schallmauer bei Galatasaray - Fenerbahce

Türkei, Galatasaray - Fenerbahce, 18. März 2011

Lieblingsspiel: Ab durch die Schallmauer

Das 1:0 durch Colin Kazim-Richards reißt die Zuschauer mit

Ekstase auf dem Weg ins Guinnessbuch: Das 1:0 durch Colin Kazim-Richards reißt die Zuschauer mit. imago images

Zwei Faxe, fünf Mails und jeden zweiten Tag ein Anruf - aber keine Zusage für eine Karte. Nicht ganz einfach, aus der Ferne ein Presseticket für eines der wichtigsten Spiele in der Türkei zu bekommen. Aber der Flug ist längst gebucht, also los ins Ungewisse. Nach Istanbul, zum ersten interkontinentalen Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahce im Türk Telekom Stadyumu, dem neuen Stadion der Cimbom.

Es soll ohnehin nicht irgendein Derby sein. Ein neuer Rekord ist das Ziel. Seit vier Jahren steht Besiktas im Guinnessbuch, knapp 130 Dezibel hatte man 2007 im alten Inönü-Stadion gegen Liverpool gemessen. Diese Schallmauer wollen die Fans von Galatasaray an jenem Freitag Mitte März 2011 unbedingt durchbrechen.

Der Taxifahrer ist Fan von Trabzonspor

Ankunft auf dem Atatürk-Flughafen im Westen Istanbuls, vor mir an der Passkontrolle steht Markus Merk. "Das wird heute ein heißer Tanz" sagt der ehemalige Weltklasse-Schiri, der lange als TV-Experte in der Türkei arbeitete. Die Frage ist nur, ob ich ohne Ticket mittanzen darf. Mit dem Taxi geht es auf gut Glück in den Norden der Stadt zur Türk-Telekom-Arena. Der Fahrer zuckt kurz mit der rechten Augenbraue, als ich das Ziel nenne, am Rückspiegel hängt ein Wimpel von Trabzonspor. Er brettert durch enge Gassen, langsam kommt das Stadion in Sichtweite, doch etwa einen halben Kilometer vorher stoppt das Taxi. "Weiter geht's nicht, die bauen noch", erklärt der Mann am Steuer.

So gut wie ohne Beleuchtung, an einer steilen Böschung ohne jede Absperrung entlang geht es zur Arena. Erste zaghafte Fragen an Fans, ob wohl noch jemand eine Karte zu verkaufen habe, ernten ein mitleidiges Lächeln. Nach fast einer kompletten Runde um die Arena, sehe ich eine Glastür mit Vereinsoffiziellen dahinter. Einfach mal rein und den Presse-Ausweis zeigen, kann nicht schaden. Gedacht, getan - schon zieht die Frau hinter dem Tresen ein Kuvert aus einem Karton, Aufschrift: kicker Almanya - Gruener. "You're welcome!", sagt sie freundlich. Als ob das je infrage stand.

Die Pressetribüne liegt sich schreiend in den Armen

Rauf auf die Tribüne, die Show der "Ultraslan" geht gleich los. Das Stadion fast komplett in Gelb und Rot, nur rechts unter dem Dach sind zwei Blocks mit Fans von Fenerbahce eingezäunt. Knapp 53.000 Menschen sind dabei, kalt lässt das niemand. Die Lautstärke schmerzt schon vor dem Anpfiff. Der Boden, Sitze, alles vibriert. Das wird sich in den nächsten anderthalb Stunden kaum ändern. Beim Blick über die Presseplätze wird außerdem klar, warum die Karten knapp sind. Journalisten sind hier in der Minderzahl, Kinder stehen schalschwenkend neben Männern, alle in Trikots, alle ohne Notizblock oder Laptop.

Das meiste davon wäre nach einer Viertelstunde auch kaputt gewesen. Da nämlich trifft Colin Kazim-Richards zum 1:0 für Galatasaray, und die angeblich so neutrale Pressetribüne liegt sich schreiend in den Armen. Alles bebt. Zur Halbzeit leuchtet der Rekord von der Videowand: 131,76 Dezibel! Ab ins Guinessbuch damit.

Wenn die Balljungen auf Münzensuche gehen

Das Spiel wogt nach der Pause hin und her. Fenerbahce, damals der Tabellenführer, kommt immer stärker auf und durch zwei späte Tore von Semih Sentürk und dem Brasilianer Alex noch zum 2:1-Sieg. Erst da flaut der Krawall rapide ab. Gheorghe Hagi erhebt sich geschlagen von der Galatasaray-Bank, es ist sein letztes Spiel als Trainer dort. Nur die Balljungen laufen fast fröhlich die Seitenlinien auf und ab. Was die denn nun machen, frage ich meinen Sitznachbarn. Der lacht nur. "Die suchen die Münzen, die die Leute Richtung Linienrichter werfen." Selbst dabei ist Vorsicht geboten. Einige der Geldstücke werden vorher angeschliffen.

Martin Gruener

Wer in Europas Top-Ligen aktuell auf- und absteigen würde