DTM

Audi: Der Schock und die Folgen

Die neue Lage des deutschen Motorsports

Audi: Der Schock und die Folgen

Audi verlässt die DTM und reißt einen Krater in die deutsche Rennsport-Landschaft.

Audi verlässt die DTM und reißt einen Krater in die deutsche Rennsport-Landschaft. imago images

Das wird wohl der letzte Sargnagel gewesen sein. Am Montag um 17 Uhr schockte Audi die Motorsport-Welt mit der Ankündigung, die DTM nach der Saison 2020 zu verlassen. Die Zukunft der Serie ist damit ungewisser denn je. Eine DTM-Fortsetzung als BMW-Markenpokal? Undenkbar. Somit ereilt die "neue" DTM voraussichtlich dasselbe Schicksal wie die Mutterserie nach der Saison 1996.

Ein riesiges Loch in der hiesigen Motorsport-Landschaft

Damit verliert Deutschland nicht weniger als sein motorsportliches Aushängeschild. Der Verlust der DTM reißt ein riesiges Loch in die hiesige Motorsport-Landschaft, das zu füllen niemand vermag. Da können die Fans noch so sehr auf die Popularität von ADAC GT Masters und der VLN (Langstreckenserie auf dem Nürburgring) verweisen. Die DTM ist die größte der drei Hauptsäulen der deutschen Motorsport-Landschaft. Dieser Umstand sollte immer im Hinterkopf bleiben, wenn über Motorsport in Deutschland diskutiert wird.

Neben der DTM bildeten in den vergangenen knapp 15 Jahren das Masters-Weekend des ADAC sowie die VLN-Serie die Grundfesten des deutschen Motorsports. Alle drei Veranstaltungsreihen verfolgen unterschiedliche Ansätze und erhalten dadurch ihre Daseinsberechtigung. Die DTM als Event von internationalem Top-Niveau war schon seit längerer Zeit vor allem Sache der Werke. Das ADAC GT Masters setzt mit den spektakulären GT3-Rennern auf Kundensport sowie (Semi-)Werkseinsätze, während der VLN-Kosmos neben den Top-Wagen aus der GT3-Klasse auch einige Markenpokale beheimatet und für Vielfalt und Breitensport steht.

Der ADAC sprang schon einmal in die Bresche

Auf diese beiden Säulen wird es nun in Zukunft noch stärker ankommen. Einerseits, weil sie Zuflucht bedeuten können für die aus der DTM kommenden Rahmenserien, Teams und Angestellte. Andererseits, weil vor allem das ADAC GT Masters nach dem DTM-Aus stärker in den Fokus der Motorsportwelt rücken dürfte. Die Situation ist nicht neu: Schon in den 90er Jahren übernahm der ADAC das Zepter, als die DTM für vier Jahre von der Bildschirmfläche verschwand. Seine Rennwochenenden, die unter anderem den STW-Cup und den ADAC GT Cup beheimateten, sprangen nach dem DTM-Aus in die Bresche.

Ausgeschlossen ist aber nicht, dass sich auch im Zuge des vermutlichen DTM-Endes eine neue dritte Motorsport-Säule bilden könnte. Die DMV-GTC-Serie, die für diese (ja noch gar nicht begonnene) Saison erst ins DTM-Rahmenprogramm gewandert ist, könnte sich zu diesem Zweck mit anderen Serien wie etwa der STT und den Tourenwagen Classics verbinden und eigenständige Events auf die Beine stellen. An Interesse seitens der Motorsport-Verrückten mangelt es jedenfalls nicht. Offener dagegen stellt sich die Zukunft der W Series (Frauen-Rennserie) und des Audi R8 LMS Cup dar. Ins Konzept der VLN passen beide Serien jedenfalls nicht.

Der ursprüngliche Kalender der W Series für die Saison 2020 deutet aber schon an: Man orientiert sich in Richtung Formel-1-Paddock. Doch ob dort neben der Königsklasse, Formel 2, Formel 3 und Porsche Supercup noch genügend Platz im Fahrerlager vorhanden ist? Diese Frage wird in jedem Fall zu klären sein. Denkbar wäre aber auch, dass die W Series zukünftig Auftritte im Rahmen der Langstrecken-WM WEC, der Tourenwagen-Weltserie WTCR oder der GT World Challenge absolviert. Auch hier wäre die Serie international unterwegs, wenn auch bei geringerer Reichweite.

Ein Start des ursprünglich für den asiatischen Raum gegründeten Audi R8 LMS Cup in heimischen Gefilden ist weiterhin sehr wohl möglich. Denkbare Variante: Die Serie wandert ins Rahmenprogramm des ADAC GT Masters. Das Rennsport-Produkt des deutschen Automobil-Clubs wäre damit um eine Attraktion reicher und das Programm zusammen mit GT Masters, TCR Germany, GT4 Germany, Formel 4 und Porsche Carrera Cup prall gefüllt.

Stuck bringt die "GTM" ins Spiel

All diese Gedankengänge könnten jedoch auch rasch Makulatur sein. Schließlich besteht zum jetzigen Zeitpunkt immer noch die Möglichkeit des Fortbestands der DTM, in welcher Form auch immer. Hans-Joachim Stuck brachte zuletzt die Variante "GTM" ins Spiel, also eine DTM mit deutlich günstigeren und von Privatrennställen problemlos einzusetzenden GT3-Autos. Auch eine Aufwertung der neugegründeten DTM-Trophy mit GT4-Autos steht im Raum. Ebenso eine von Grund auf überarbeitete Serie, die dann mittel- und langfristig voll auf alternative Antriebe aller Art setzen und so zum Hersteller-Magnet werden könnte.

Es braucht Visionen

Aktuell jedenfalls erscheint Stucks Variante als die wahrscheinlichste, obwohl weltweit fast schon ein Überangebot an GT3-Serien herrscht. Außerdem wäre die DTM dann die zweite Serie in Deutschland, die auf GT3-Autos setzt. Hier kann es durchaus zu Interessenskonflikten mit dem ADAC und der international operierenden SRO (Stephane Ratel Organisation) kommen. Zumal nicht klar ist, ob beide Serien koexistieren würden oder eine Serie als eigenständige Klasse in der anderen Serie starten könnte. Starten DTM und ADAC GT Masters jeweils unter eigener Flagge, stellt sich die Frage der Differenzierung. Ein möglicher Vorschlag wäre hier, in der DTM nur einen Vollprofi das komplette Rennen bestreiten zu lassen, während im ADAC GT Masters Pro-Am-Besetzungen vorgeschrieben werden. Das ADAC GT Masters setzt ohnehin seit jeher auf Fahrer-Paarungen, die sich ein Fahrzeug teilen. Wie auch immer die genaue Umsetzung dann in diesem Falle aussehen würde: Eine DTM mit GT3-Autos kann nur eine kurzfristige Lösung für das Problem sein. Um die nationale Top-Rennserie wieder zum Aufschwung zu verhelfen, braucht es Visionen.

Wasserstoff? Biogas? Synthetische Kraftstoffe?

Die im November vorgestellte Konzeptstudie mit Elektro-Antrieb und Roboter-Boxenstopps ist genau solch eine Vision, selbst wenn viele Motorsport-Puristen alleine beim Gedanken an Elektro-Rennsport die Nase rümpfen. Auch Wasserstoff oder Biogas könnten ein Thema werden. Ein weiterer Ansatz wäre der Weg hin zu synthetischen Kraftstoffen, die die CO2-Emissionen der Rennwagen ganz ohne alternative Antriebe drastisch reduzieren würden. Benzinlieferant Aral stellte seine Arbeit zu synthetischen Kraftstoffen bereits beim Saisonfinale 2019 in Hockenheim ausführlich vor.

2021 kommt es zu einer großen Zäsur im deutschen Rennsport

Fazit: Egal, welches Szenario letztlich eintritt - durch den angekündigten Ausstieg von Audi aus der DTM steht die deutsche Motorsport-Landschaft vor einem drastischen Wandel. Ob alle wichtigen Serien, ausgenommen die VLN, nun wirklich unter dem Banner des ADAC vereint werden oder die DTM mit einem revolutionärem Konzept um die Ecke kommt, scheint dabei egal zu sein. Fest steht nur: 2021 kommt es zu einer großen Zäsur im deutschen Rennsport, die durchaus vergleichbar ist mit der Situation von 1996.

Tobias Ebner