WM

"Schwerwiegende Schlappe": Sommermärchen-Prozess ist verjährt

Großer Image-Schaden für die Schweizer Justiz

"Schwerwiegende Schlappe": Sommermärchen-Prozess ist verjährt

Theo Zwanziger

Ist eine Sorge los: Theo Zwanziger. imago images

Offiziell verhinderte die "außerordentliche Lage wegen der Coronavirus-Pandemie" einen Urteilsspruch des Bundesstrafgerichts in Bellinzona gegen die früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach, den einstigen DFB-Generalsekretär und -Schatzmeister Horst R. Schmidt sowie den ehemaligen FIFA-Generalsekretär Urs Linsi. Doch das scheint nur die halbe Wahrheit, denn schon zuvor war viel schiefgelaufen.

Für die Beschuldigten bedeutet dies "Freispruch", wie Zwanziger unlängst gegenüber der der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagte. Und für die Schweizer Strafjustiz ist es eine "schwerwiegende Schlappe", wie es der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth in der "Neuen Zürcher Zeitung" beschrieb.

Im Kern geht es um eine Überweisung des Deutschen Fußball-Bundes im April 2005 in Höhe von 6,7 Millionen Euro über die FIFA an den inzwischen verstorbenen Unternehmer Robert Louis-Dreyfus. Das Geld wurde als Beitrag für eine Gala zur WM 2006 deklariert, die nie stattfand. Im Jahr 2002 hatte der damalige WM-Organisationschef Franz Beckenbauer ein Darlehen von Louis-Dreyfus in gleicher Höhe erhalten, das letztendlich auf Konten des damaligen FIFA-Finanzchefs Mohamed bin Hammam verschwand. Wofür ist immer noch unklar.

"Diffuse" Beweislage - "Statisten im Visier"

Während die beiden Schlüsselfiguren Beckenbauer und bin Hammam bei dem Prozess gar keine Rolle mehr spielten, wurden Zwanziger (74), Schmidt (78) und Linsi (70) wegen Betruges, Niersbach (69) wegen Gehilfenschaft zum Betrug angeklagt. Alle Angeklagten bestritten sämtliche Vorwürfe. Zwanziger hatte das Vorgehen der Bundesanwaltschaft schon vor dem Prozess-Auftakt als "anmaßend, unfair und willkürlich" kritisiert.

Sie habe im Ermittlungsverfahren von Beginn an eine faire Aufklärung verweigert, das Verfahren hinausgezögert und Verfahrensrechte der Angeklagten ausgehöhlt. "Es wird eine Geschichte abgeliefert, die man als Märchenerzählung bewerten muss", hatte der frühere DFB-Boss der dpa dazu gesagt.

Und die Beweislage schien teils dünn, jedenfalls stellte das Bundesstrafgericht am 17. März bei der Aussetzung des Prozesses fest, dass die Beweislage mit Bezug auf Zwanziger "hinsichtlich der subjektiven Tatseite diffus" sei. Pieth kritisiert, dass "man vier Statisten ins Visier genommen" habe, "anstatt die Reißleine zu ziehen und das Verfahren einzustellen". Die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA), die das am 6. November 2015 eröffnete Verfahren erst über vier Jahre später zur Anklage brachte, habe versucht, "diesen Nebendarstellern trotz dünner Beweislage einen Strick zu drehen, ohne aber vom Fleck zu kommen".

Schweizer Justiz in der Kritik

Unter Druck gerät in der Schweiz auch Bundesanwalt Michael Lauber, bei dem inzwischen drei nicht protokollierte Geheimtreffen mit FIFA-Präsident Gianni Infantino öffentlich geworden sind - der Weltverband trat wie der DFB im Sommermärchen-Komplex als Privatkläger auf. Auch wegen dieser Geheimtreffen hatte das Bundesstrafgericht schon im vergangenen Jahr Lauber für befangen erklärt, er musste die Leitung sämtlicher Ermittlungen mit Fußballbezug abgeben.

Im Laufe des nie richtig in Gang gekommenen Sommermärchen-Prozesses teilte das Gericht zudem mit, dass "Umstände" bekannt geworden seien, "die umfassende Beweisverwertungsverbote zur Folge haben könnten" - konkretisiert wurde das nicht. Allerdings dürfte dies auf Laubers Geheimtreffen zurückgehen. Alles in allem machte die Schweizer Justiz keine gute Figur und büßte wohl auch an Glaubwürdigkeit ein. Pieth sieht sogar die Gefahr, dass "das den Ruf der Schweiz nachhaltig schädigen" könne.

Doch nicht nur das: Es könnten nun auch Schmerzensgeld-Klagen folgen. Jedenfalls hatte Jurist Zwanziger gegenüber dem Sport-Informationsdienst (SID) darüber gesprochen: "Natürlich werden die Anwälte der vier Beschuldigten diese Frage sehr genau prüfen."

DIE WM-AFFÄRE - CHRONOLOGIE DER EREIGNISSE

drm/sid