Int. Fußball

Lieblingsspiel: Abstiegskampf in Portugal bei Gil Vicente - Panafiel

Liga Zon Sagres, Gil Vicente - Penafiel, 11. Januar 2015

Lieblingsspiel: Brotpizza, 9 gegen 9 und "unser" Simy

So sah es im Stadion von Gil Vicente aus.

Die 18 Grad fühlen sich in diesen Momenten wärmer an: Im Stadion von Gil Vicente. kicker

Wir saßen in Porto vor unseren Grilltellern und mussten eine Entscheidung fällen. Am Abend zuvor sahen wir im Dragao den FC Porto gegen Belenenses, nach Einbruch der Dunkelheit an diesem Sonntag würde die Partie zwischen Braga gegen Sporting Lissabon auf uns warten. Wie aber die Zeit bis dahin überbrücken? Ein Blick auf Spielplan und Landkarte gibt uns die Wahl: Rio Ave (6.) gegen Maritimo (10.) oder Gil Vicente gegen Penafiel. Als leidgeprüfte Fans des 1. FC Nürnberg ist die Entscheidung klar. Wir verfolgen das Duell Letzter gegen Vorletzter live im Stadion. Gil Vicente, wir kommen...

Zwei Stunden vor Anpfiff ist keine Menschenseele zu sehen

Die 65 Kilometer von Porto nach Barcelos sind schnell überstanden. Der erste Schock des Tages ist auch schon verdaut, unser Auto stand in einem abgesperrten Parkhaus, nur durch Zufall sind wir noch an einen Mitarbeiter geraten, der uns öffnen konnte.

Das nächste ungute Gefühl beschleicht uns, als wir das Estadio Cidade de Barcelos erreichen. Nicht, weil es eine recht moderne Arena ist, wie sie auch in Ingolstadt oder Paderborn stehen könnte. Nein, knapp zwei Stunden vor dem Anpfiff ist keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Lediglich ein etwas heruntergekommener Mannschaftsbus vom FC Gil Vicente steht vereinsamt im Nirgendwo der Parkplatzwüste. Findet hier und heute überhaupt ein Erstligaspiel statt oder wurde das Spiel kurzfristig abgesagt oder verlegt?

Eine "Brotpizza" gab es zur Stärkung vor dem Spiel.

Etwas trocken, aber definitiv besser als der Tabellenstand des Heimteams: die "Brotpizza". kicker

Ein paar Minuten später ist auch dieser Schreckmoment überwunden, die ersten Verpflegungsstände werden aufgebaut. Wir lassen uns auf Bierbänken nieder, die neben einem abenteuerlichen Ofen platziert sind. Ohne zu wissen, was es ist, bestellen wir das einzig Verfügbare. Aus der Ferne betrachtet freuen wir uns auf eine Pizza. Auf dem Tisch wird uns dagegen ein dicker mit Fleischstücken gefüllter Brotteig (in Pizzaform) serviert. Etwas trocken vielleicht, aber definitiv besser als der Tabellenstand des Heimteams.

84 Schritte vom Auto bis zum Schalensitz

Es ist der 16. Spieltag 2014/15, der FC Gil Vicente ist noch immer sieglos und hält die Rote Laterne inne. Und jetzt ist der Vorletzte zu Gast. Während wir unsere "Brotpizza" verspeisen, passiert uns der Bus des FC Penafiel. Ob er einen besseren Parkplatz bekommt als wir? Dank unserer frühen Anreise hatten wir freie Auswahl. Am Ende werden es vom Auto- zum Schalensitz lediglich 84 Schritte sein. Gut für uns, denn nach Schlusspfiff hier haben wir nur etwas mehr als eine Stunde Zeit bis zum Anpfiff in Braga. Doch jetzt erst Konzentration auf diese Partie.

Kartenschalter bei Gil Vicente

Kartenschalter bei Gil Vicente: Zehn Euro und ab ins Stadion. kicker

Vor uns am Ticketschalter stehen zwei Rentner sowie ein Vater mit Sohn. Zehn Euro das Ticket für die Gegengerade und rein ins Stadion. Die Januar-Sonne strahlt uns ins Gesicht, die 18 Grad fühlen sich in diesen Momenten wärmer an. Im Laufe des Spiels geht die Sonne hinter der Haupttribüne unter und die Temperaturen sinken. Doch bis dahin hat uns längst das Spiel erwärmt.

Simy im Scoutingbuch

Die Anfangsphase zeigt, warum beide Teams dort stehen, wo sie stehen. Viel Kampf und Einsatz, aber technische Unzulänglichkeiten und unnötige Fouls reihen sich aneinander. Auf Seiten des Heimteams fällt einzig Mittelstürmer Simy positiv auf. Ein Schlaks von 1,98 Meter, der trotz seiner Statur recht gut am Ball ist und es in unser imaginäres Scoutingbuch schafft. 18 Monate später ist er dann in der Serie A aktiv, wird auch von Lazio umworben und kommt bei der WM 2018 zweimal für Nigeria zum Einsatz.

Für seinen FC Gil Vicente läuft es mal wieder nicht nach Plan. Nach einer knappen halben Stunde ist sein Team in Unterzahl, Offensivakteur Jander fliegt mit Rot runter. Fast mit dem Halbzeitpfiff fällt auch noch das 0:1. Dass Penafiel zu der Zeit auch nur noch zu zehnt spielt, ist da ein schwacher Trost. Die spärlichen Zuschauer - 2371 sind am Ende notiert - schimpfen zur Pause, das ist selbst ohne Portugiesisch-Kenntnisse zu vernehmen.

Nach der Pause geht die Treterei weiter

Kurz nach Wiederanpfiff dann der Wendepunkt. Penafiels Keeper holt Diogo Viana von den Beinen. Rot und Strafstoß. Gil Vicentes Kapitän verwandelt zum 1:1. Jetzt hat das Heimteam Überzahl und Oberwasser. Die Treterei geht aber weiter, es gibt eine Gelbe Karte nach der anderen, selbst "unseren" Simy erwischt es.

Drei Minuten vor der Verwarnung notiert sich der Schiedsrichter den Namen des Spielers mit der Nummer 99 schon einmal. Aber da als Torschützen. Kaum zu glauben: Gil Vicente führt 2:1, Simy hat getroffen. Jetzt muss es doch was werden mit dem ersten Sieg im 16. Saisonspiel. Trotz der Führung ist die Unsicherheit deutlich zu spüren. Noch größer wird sie als in der 86. Minute der zweite Heimakteur vom Platz fliegt. Also wieder Gleichstand, neun gegen neun, reichlich Platz auf dem Feld, reichlich Platz für Fehler. Mit Glück und reichlich Zittern bringen die ganz in rot gekleideten Spieler den Sieg über die Bühne.

Diese Momente lassen uns den Fußball lieben

Freude auf dem Rasen über die drei Punkte, Freude aber auch bei uns auf der Tribüne. Nicht immer sind es Finals oder große Teams. Gemeinsam erlebte, kleine und unerwartete Momente im und ums Stadion sind es, die uns den Fußball lieben lassen. Die Entscheidung, die wir mittags in Porto getroffen haben, hat sich als richtig erwiesen. Während wir viele dieser Momente und ein intensives und abwechslungsreiches Spiel erleben durften, endete die Parallelpartie mit dem langweiligsten aller Resultate - 0:0.

Dennoch, ein langes Verweilen im Stadion ist nicht drin. Für uns geht es weiter nach Braga. Auch von dort gäbe es einiges zu erzählen: Parkende Autos auf der Autobahn, fliegende Fahnenstangen im berühmten Felsenstadion oder Zuschauer, die auf den steilen Rängen Höhenangst erleiden. Diese Geschichten müssen für heute aber erstmal warten...

Christoph Huber