Bundesliga

Lieblingsspiel: FCN-Abstiegsdrama und verfrühte Dauerkarten-Post

Bundesliga, 34. Spieltag, Nürnberg - Freiburg, 29. Mai 1999

Lieblingsspiel: FCN-Abstiegsdrama und verfrühte Dauerkarten-Post

Fans des 1. FC Nürnberg

29. Mai 1999: Die Fans des 1. FC Nürnberg müssen den nicht für möglich gehaltenen Abstieg verkraften. picture alliance

Das sportliche Leid hat der am 4. Mai 1900 gegründete 1. FC Nürnberg quasi für sich gepachtet, weswegen dramatische Geschichten einen jeden Club-Fan von Kindesbeinen an begleiten.

Da erzählt einem in diesem Fallbeispiel der Opa, der mit seinem Enkel sehr oft ins Frankenstadion geht, ausgiebig von Zeiten, in denen der mittelfränkische Traditionsklub die achte (1961) und neunte (1968) Meisterschaft eintütet - nur um ein Jahr später als amtierender Titelträger direkt wieder abzusteigen. Ein bis heute einsamer Negativrekord.

Der Vater, der seinen Spross ebenfalls häufig mit ins Stadion nimmt (zugegeben in den Anfangstagen auch mal zur Konkurrenz nach Fürth), berichtet über andere Kapitel, über seine prägenden FCN-Stunden: traurige Spielzeiten in der Regionalliga, Spiele gegen Bayern Hof oder Schweinfurt 05, Zweitliga-Jahre in der Bedeutungslosigkeit mit teilweise unter 2.000 Zuschauern, wie zum Beispiel am Ende der Saison 1976/77 mit Akteuren wie Dieter Nüssing - und schließlich die Rückkehr ins Oberhaus 1978. Es folgen jene Jahre, die den Begriff "Fahrstuhlmannschaft" prägen und die sogar zwischenzeitlich nochmals in die Regionalliga Süd führen (1996/97).

Alles Geschichten und Erzählungen, die einen im Jahr 1999 fast zehnjährigen Jungen wenig kümmern oder die einfach schwer zu greifen sind für diesen heranwachsenden Fan - doch von denen er selbst leidig ein neues Kapitel hautnah erfahren wird ...

Nürnberg zurück in der Bundesliga

Trainer Friedel Rausch und Präsident Michael A. Roth

Mussten am Ende der Saison 1998/99 den Abstieg des 1. FCN moderieren: Trainer Friedel Rausch und Präsident Michael A. Roth. picture alliance

Dazu ein kleiner Rückblick: Der 1. FC Nürnberg präsentiert sich in dieser Zeit finanziell besser aufgestellt, Präsident und (Teppich-)Unternehmer Michael A. Roth ist nach seiner ersten Amtszeit (1979-1983) zurückgekehrt (1994-2009) und präsentiert den Fans zwar ständig neue Trainer, dafür aber auch annehmbare Mannschaften. Der sportliche Erfolg bezeugt das: Unter dem früher schon einmal angestellten Coach Willi Entenmann gelingt die Rückkehr in die 2. Liga (1997), ehe Felix Magath übernimmt und die Mittelfranken in die Bundesliga führt (1998). Dort allerdings macht Magath nach Differenzen nicht mehr mit, schmeißt noch vor der Spielzeit hin, sodass Willi Reimann einspringt - und schon kurze Zeit später von Friedel Rausch abgelöst wird. Dessen Auftrag ist klar: den FCN auf alle Fälle in der Bundesliga halten.

Der Club is a Depp.

Geflügeltes Wort unter Fußballfans, die es mit dem 1. FC Nürnberg halten

Doch hier, am Ende dieser Erstliga-Saison 1998/99, trägt sich ein hochdramatisches Finale zu, das seinesgleichen sucht - und einmal mehr die Weisheiten der älteren Generationen bestätigt. Ein bekanntes Statement von Klaus Schamberger trifft am 34. Spieltag, dem 29. Mai 1999, besonders gut zu: "Der Club is a Depp!"

Die Voraussetzung

Was ist passiert? An einem sonnigen, klaren Tag mit über 20 Grad Celsius stehen zunächst einmal Opa, Papa und Sohn auf dem Parkplatz der Gastwirtschaft der Großeltern. Es wird geflachst, gescherzt und sicher davon ausgegangen, dass "der Club schon nicht absteigen wird, eigentlich ja gar nicht mehr absteigen kann". Und tatsächlich: Nach einem 1:1 in Rostock am 33. Spieltag rangiert der 1. FCN mit 37 Punkten auf Platz 12, vor Stuttgart, Freiburg, Hansa und exakt drei Zähler vor Eintracht Frankfurt, dem zu diesem Zeitpunkt dritten Absteiger nach den bereits gescheiterten Klubs aus Bochum und Gladbach. Das Torverhältnis spricht ebenfalls eine deutliche Sprache: Die Franken haben mit 39:48 nur ein Minus von 9, die Hessen dagegen mit 39:54 ein Minus von 14. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, sollte hier noch was anbrennen. Doch wenn der Club mitmischt, dann braucht es den Teufel oft gar nicht.

Der Klassenerhalt ist nah: 1:1 in Frankfurt

In jedem Fall holt die Tante den fast zehnjährigen FCN-Fan an diesem sonnigen Nachmittag für die immer wieder aufs Neue besondere Fahrt über B14, Südwesttangente und Messe bis hin zum Frankenstadion ab. Die Vorfreude auf die letzten 90 Minuten in dieser Bundesliga-Saison steigen. Opa, Papa & Co. haben dagegen noch zu tun und werden das Geschehen später im heimischen Hof direkt vor der Werkstatt verfolgen - mit Freunden um einen Traktor stehend und gespannt dem Radio sowie der Live-Show "Bayern 1 - Heute im Stadion" lauschend.

Die Stimmung am Valznerweiher ist derweil prächtig, der Weg Richtung Stadion lockerleicht, man kommt inmitten der Sonne auf dem erhitzten Steintribünenasphalt nur leicht ins Schwitzen - und reiht sich, umso näher das Stadion rückt, in die immer größer werdenden Massen von mit Trikots, Schals, Jeanswesten, Hüten und Fahnen gekleideten Menschen ein. Rechtzeitig am Sitzplatz angekommen, beginnt auch schon kurze Zeit später das Heimspiel gegen den ebenfalls noch nicht zu 100 Prozent geretteten SC Freiburg. Und was soll man sagen? Die Spieler genießen ebenfalls eher das Wetter, die konzentrierten Arbeit auf dem Rasen wirkt eher vernachlässigt, schließlich kann ja (eigentlich) nichts mehr passieren.

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Fjörtofts Erinnerungen an 1999 und 2000 - "Nicht-Abstiegs-Trophäen sind auch gut"

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Parallel in Frankfurt kämpft dagegen die SGE um ihren letzten Strohhalm. Zunächst vergebens: Nach 45 Minuten steht nur ein 1:0 für die Hessen, nach 68 Zeigerumdrehungen sogar ein 1:1. Die Nürnberger Profis müssen also trotz eines eigenen 0:2-Pausenrückstands nicht zittern, genauso wenig wie die Fans auf den Rängen, wo sich der fast zehnjährige Junge die Spezi zur Pause und die mitgebrachten Gummibärchen schmecken lässt.

Frankfurt! Fjörtoft! Die Tränen fließen

Doch als die Schlussphase beginnt, macht sich immer mehr ein unbehagliches Gefühl breit. Zu Recht: Denn ältere und mit tragbaren Radios ausgestattete Fans brüllen immer öfter so etwas wie "Rostock kommt in Bochum zurück", "Rostock führt 3:2 in Bochum", "Stuttgart führt immer noch 1:0 gegen Bremen". Was die Menschen zudem herumschreien - und der Junge für schlichte Wiederholungen hält: "Tor in Frankfurt."

Die Tante, selbst inzwischen unruhig auf dem Platz hin- und herrutschend, fragt deshalb hektisch immer wieder in den hinteren Reihen bei den lautstarken Radio-Nachsprechern nach: "Was ist passiert?" Die eindeutige Antwort: Die Eintracht hat in der 70., 80. und 82. Minute tatsächlich längst aus einem 1:1 ein 4:1 gemacht - und braucht nur noch ein Tor, um doch noch über den Strich zu springen. Das Zittern beginnt, das Club-Spiel direkt vor den Augen verblasst, nur noch das SGE-Geschehen interessiert.

Und dann ... Stille ... Fassungslosigkeit ... und wieder diese Worte: "Tor in Frankfurt!" Die abermalige Nachfrage hilft nicht, man bekommt nur wieder zu hören: "Tor in Frankfurt! Fjörtoft macht das 5:1! Das gibt's doch nicht!"

Torwart Andreas Köpke

1998 als 1996er Europameister zum Club zurückgekehrt - und 1999 direkt abgestiegen: Torhüter Andreas Köpke. picture alliance

Das hereinbrechende Hoffen in Richtung FCN auf dem Rasen hilft in diesen Momenten auch nichts mehr. Zwar haben die Profis um Torwart Köpke, Nikl, Störzenhofecker, Oechler, Kuka und Ciric längst begriffen, dass sie plötzlich absteigen können, doch mehr als Nikls 1:2-Anschluss in der 85. Minute gelingt nicht mehr.

Was auch daran liegt, dass Abwehrmann Baumann, der sich auch noch direkt nach diesem Spiel in Richtung Werder Bremen verabschiedet, das Kunststück schafft, nach einem Nikl-Pfostentreffer aus kürzester Distanz das leere, verwaiste Tor zu verfehlen. Stattdessen grätscht der heutige SVW-Manager den Ball direkt in die Arme des bereits am Boden liegenden Torhüters Golz. Wut in Richtung Baumann & Co. macht sich in den unwirklichen Momenten nach Schlusspfiff breit unter den Fans, darunter der Junge. Doch zügig weicht sie der Leere und schließlich der Gewissheit, hier und heute wirklich abgestiegen zu sein. Viele Tränen füllen die Augen und fließen die Wangen hinunter - und die Tante und der fast zehnjährige Junge bleiben so lange im Stadion, bis fast keiner mehr da ist. Mit schweren Beinen und hängendem Kopf geht es zurück zum Auto, zurück nach Hause, weg vom Club.

"Saison erfolgreich beendet"?

Daheim angekommen, wird man direkt mit offenen Armen empfangen. Opa und Vater schimpfen auf die Mannschaft und spenden Trost, sie kennen sich schließlich mit solchen Geschichten aus der Fußballstadt Nürnberg aus. Sie wissen: "Der Club is a Depp". Und das gleich in doppelter Hinsicht.

Denn an jenem Samstag hat der Vater vor dem Spiel auch noch einen Brief vom 1. FC Nürnberg bekommen. Er enthält die Verlängerungsschreiben der beiden seit Jahren bezogenen Dauerkarten, die zum damaligen Zeitpunkt von den Ordnern beim Einlass noch an den Seiten gelocht und vom Sohnemann bis heute in einer Sammelkiste aufbewahrt werden. Darin steht: "Nachdem wir die vergangene Saison erfolgreich beendet haben ... Danke an alle Club-Fans und Dauerkarteninhaber ... Ihr Michael A. Roth." Das Ganze übrigens versehen mit einer Preiserhöhung. Viele Tage später trifft diesbezüglich ein Entschuldigungsschreiben ein, in dem sich der Präsident im Namen des Vereins für die sportliche Misere entschuldigt. Die Preiserhöhungen für die Dauerkarten würden allerdings trotz Zweitliga-Abstieg beibehalten. "Der Club, ..." - man weiß inzwischen, wie dieser Satz weitergeführt werden muss.

Und doch schenkt der 1. FC Nürnberg mit diesen eigentlich unmöglichen, sportlichen Geschichten etwas: die Gewissheit, dass ein inzwischen 30-jähriger Junge, der sich bei der Bundesliga-Rückkehr 2001 und dem Pokalsieg 2007 über die Jahre auch oft lauthals freuen darf, nie genau weiß, was einem dieser Verein als nächstes serviert.

Markus Grillenberger

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