WM

Lieblingsspiel, England-Paraguay: Beckhams Freistoß und God Save the Queen

WM 2006, Vorrunde, England-Paraguay, 10. Juni 2006

Lieblingsspiel: Beckhams Freistoß und die eindrücklichste Nationalhymne der Welt

Englische Fans

Rotes Kreuz auf weißem Grund: Die englischen Fans tapezierten Anfang Juni 2006 die Commerzbank-Arena geradezu. imago images

Der Tag, an dem ich die englische Nationalhymne zu schätzen lernte, nahm schon in der S-Bahn Fahrt auf, auf dem Weg ins Stadion. Der Euphorie konnte man beim Wachsen quasi zusehen, derart hatte sich die Atmosphäre in den brüllend warmen Waggons aufgeladen.

Tausende Engländer sangen und tranken sich bei sonnigen 27 Grad für den Auftakt der Weltmeisterschaft in Stimmung. Man schrieb den 10. Juni 2006, den Tag nach dem famosen Volltreffer von Philipp Lahm zum deutschen 4:2-Auftaktsieg über Costa Rica.

Die Engländer tapezierten das Frankfurter Waldstadion, an dessen neuen Namen Commerzbank-Arena man sich noch gewöhnen musste, von innen mit ihren Fahnen. Rotes Kreuz, weißer Grund. Hunderte Exemplare hingen von den Rängen der Arena herab. Weitere Tausende hielten die Zuschauer in ihren Händen. Mich als damals 13-Jährigen überwältigten der Zusammenhalt und die unerschöpfliche Sangeslust der in Weiß gekleideten, scheinbar unendlichen vielen Fans von der Insel.

Die erste Szene blieb bis heute im Gedächtnis

Ihr Auftaktspiel stieg gegen Paraguay. Die südamerikanischen Fans hatten sich in einer Ecke des Stadions versammelt. Auch sie verstanden es zu feiern, von der Stimmung ließen sie sich bereitwillig anstecken. Auch wenn die Stadionregie vornehmlich englische Liederwünsche bediente. "Three Lions on a Shirt", brummte etwa durch das Frankfurter Rund, und kurz darauf war es so weit: Die Hymnen erklangen. Bei "God Save the Queen" dröhnte das Publikum wie ein gewaltiger Chor, dessen Energie ich mich nicht entziehen konnte.

Englische Fans

Inbrünstig: Die englische Nationalhymne ist kurz, aber bleibt nachdrücklich in Erinnerung. imago images

Als sich die Gänsehaut verzogen hatte und ich so langsam aufnahmefähig war, hatte Marco Antonio Rodriguez Moreno aus Mexiko den sportlichen Teil schon angepfiffen. Die erste Szene, die ich bewusst wahrnahm, blieb mir bis heute anschaulich im Gedächtnis: Superstar David Beckham trat an zum Freistoß, zirkelte ihn mit Schnitt in Richtung der langen Ecke, genau auf mich zu - oder auf das Tor, hinter dem ich nur wenige Meter weiter saß.

Carlos Gamarra aus Paraguay versuchte mit dem Kopf zu retten, doch seine Verlängerung war erst recht fatal für den eigenen Torwart Justo Villar - das 1:0 für England in der dritten Minute! Die Arena bebte im Freudentaumel, das Publikum - ohnehin noch von der Hymne beschwingt - konnte sein Glück nicht fassen.

Für Villar kam es noch bitterer. Kurz nach diesem Fehlstart musste er verletzt raus, seine WM war schon nach acht Minuten beendet. Die englische Party hingegen begann gerade erst so richtig.

Zwei Bundesliga-Publikumslieblinge enttäuschten mich

Vom Geschehen nach dem Treffer haftete sich Frank Lampard in meine Erinnerung. Der schussgewaltige Antreiber vom FC Chelsea versuchte es immer wieder aus der Entfernung. Vergeblich. Abseits dessen verflachte das Niveau der Partie zusehends. England billigte Paraguay auf Dauer mehr Anteile und Halbchancen zu, doch die Südamerikaner enttäuschten mich. Gerade von den zwei Bundesliga-Publikumslieblingen im Sturm, Roque Santa Cruz und (dem etwas aktiveren) Nelson Valdez, hatte ich mir mehr erhofft. Es blieb beim 1:0.

Ich ging dazu über, die feiernden Engländer zu beobachten und dem nächsten Erklingen von "God Save the Queen" entgegenzufiebern, das die Zuschauer in Weiß immer wieder anstimmten. Von Mal zu Mal sang ich inbrünstiger mit. Ich, der 13 Jahre alte deutsche Junge, der abgesehen von einem englischen Nachbarn zuvor keinerlei Verbindung zu dem vermeintlichen großen Rivalen hatte. Wenn das Sportliche auf dem Rasen nicht allerhöchste Ansprüche erfüllt, muss man sich als Publikum eben selbst feiern. Das lernte ich an dem Tag von den englischen Fans.

Fragt man mich heute, welche unter all den Nationalhymnen dieser Welt den nachhaltigsten Eindruck bei mir hinterlassen hat, nenne ich zweifellos die englische. Ohne dieses eine Fußballspiel wäre ich wohl nie auf diese Idee gekommen.

Paul Bartmuß