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Leclerc siegt an der Konsole: Virtuell - aber frappierend real

Formel 1: Der Große Preis von China als e-Race

Leclerc siegt an der Konsole: Virtuell - aber frappierend real

Ferrari-Pilot Charles Leclerc feierte seinen zweiten Sieg beim virtuellen Grand Prix.

Ferrari-Pilot Charles Leclerc feierte seinen zweiten Sieg beim virtuellen Grand Prix. imago images

Im richtigen Leben ist Ian Poulter (44) einer der besten Golfer der Welt. Die Millionen, die er auf den Fairways und Grüns verdient, steckt er mit Vorliebe in seine Autokollektion. In seinem privaten Automobilmuseum stehen inzwischen stattliche 14 Ferrari. Da der Engländer auch gerne Gas gibt, golftechnisch gesehen aber derzeit von der Corona-Krise ausgebremst wird, war er ein idealer Gaststarter beim dritten virtuellen Formel-1-Grand-Prix 2020. Am Ende blieb für ihn im zweiten Renault nur der letzte Rang - vor ihm fuhren der ehemalige BVB-Profi Ciro Immobile (Alpha Tauri) und Real Madrids Torhüter Thibaut Courtois (Red Bull) durchs Ziel.

"Du denkst, du bist gut unterwegs, aber die Jungs hier sind unglaublich schnell", sagt Poulter in einem TV-Live-Interview, während er in diesem Moment an seinem zu Hause aufgebauten Simulator über den International Circuit von Schanghai hetzt. Und als er gerade ungnädig Selbstkritik üben will ("In Wahrheit fährst du ziemlichen Müll"), leistet er sich auch schon einen Konzentrationsfehler mit dem daraufhin folgenden unausweichlichen Dreher.

Albon wird Zweiter hinter Leclerc

Nur wer als Zuschauer ganz genau auf seinen Bildschirm blickt, kann erkennen, dass hier bei RTL.de und Sky zur besten Sendezeit am frühen Sonntagabend kein echter Grand Prix übertragen wird, sondern lediglich computer-simulierte Bilder gesendet werden. Die jedoch kommen der Wirklichkeit verblüffend nah. So nah, dass Alexander Albon, der 24-jährige Red-Bull-Stammpilot, mehr als gerne teilnimmt, zumal ihm hinter dem nun schon zum zweiten Mal in Serie siegreichen Charles Leclerc (Ferrari) Rang 2 gelingt. "Verglichen mit Fußball und Basketball, wo es Spiele wie FIFA und NBA gibt, ist Racing eine der wenigen Sportarten, bei denen man tatsächlich auf ziemlich realistische Art und Weise aktiv bleiben kann, also liebe ich es", schwärmt Albon. Gefahren werden die virtuellen Formel-1-Rennen mit der offiziellen Software von FIA F1 2019.

Auch die winzigsten Details werden nicht weggelassen

Den Programmierern ist dabei ein Meisterwerk gelungen. Autos und Strecken wirken absolut echt, Licht und Schatten bewegen und ändern sich so fließend-natürlich, als sei es eine TV-Übertragung. Auch die winzigsten Details werden nicht weggelassen, wenn etwa in der Cockpit-Kameraperspektive in den Außenspiegeln der rückwärtige Verkehr live und klar erkennbar ist. Frappierend auch, dass die in den Wohnzimmern und Kellern der Rennfahrer postierten Kameras verzögerungsfrei in kleinen Inserts genau die Lenkbewegungen des echten Rennfahrers einfangen, die er im Spiel als virtueller Pilot in derselben Zehntelsekunde ebenfalls ausführt. Die Detailverliebtheit geht noch weiter: Es gibt Probleme durch verwirbelte Luft eines vorausfahrenden Autos (dirty air) und selbstverständlich auch das Überholtool DRS. Dass die Reifen mit zunehmender Renndauer abbauen, je weicher sie sind desto schneller, ist da fast schon nicht mehr der Rede wert.

Hamilton und Vettel halten sich (noch?) fern

Ein netter Zufall ist es, dass die virtuell hervorragend geführten Kameras exakt in jenem Moment, in dem Charles Leclerc zum entscheidenden Manöver gegen Alexander Albon ansetzt, gerade auf irgendeiner anderen Szene verweilen. Selbst das also deckt sich mit der gelegentlichen Realität einer TV-Übertragung. Während sich Stars wie Lewis Hamilton und Sebastian Vettel (noch?) fernhalten, sind immerhin sechs aktuelle Formel-1-Piloten und ein ehemaliger bei dem Spaß dabei. Und da die Autos ganz im Gegensatz zur echten Formel 1 gleichstark sind, können auch Fahrer wie George Russell (Williams) oder Antonio Giovinazzi (Alfa Romeo) glänzen, die normalerweise in ihren Autos chancenlos sind.

Im heimischen Keller herrscht kein Dresscode. Doch auch ohne Rennanzug und feuerfeste Unterwäsche kommen die Teilnehmer ordentlich ins Schwitzen. Bei allem Ernst, den sie dabei entwickeln, ist ihnen auch ein Maß an Individualität und Leichtigkeit erlaubt, das es an und auf der Rennstrecke sonst nicht gibt. So fährt McLaren-Pilot Lando Norris in Strümpfen und Stoffel Vandoorne (Mercedes) gar barfuß.

Absolviert werden beim gespielten China-Grand-Prix 28 Runden - genau die Hälfte der Distanz, die beim realen Rennen am selben Tag zurückzulegen gewesen wäre. Vielleicht die Hälfte des Rennspaßes erreicht auch die gespielte Formel 1. Und da niemand weiß, ob sie wenigstens das dauerhaft zu halten imstande wäre, darf man sich wünschen, dass die Corona-Pause - bei aller Perfektion der Spielkonsole - so rasch wie möglich zu Ende geht.

Stefan Bomhard