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Michael Ballack: Einer für die besonderen Momente

20 Jahre nach dem Eigentor von Unterhaching

Michael Ballack: Einer für die besonderen Momente

Michael Ballack

Eine Karriere mit vielen Auf und Abs - und zahlreichen illustren Stories: Michael Ballack. imago images (2), picture alliance

20. Mai 2000. Ein guter Tag, um deutscher Meister zu werden. Über Jahre hinweg hat Bayer 04 Leverkusen den FC Bayern gejagt, nun scheint es endlich zu passieren - die erste Schale der Klubgeschichte und das auch noch quasi vor der Nase der Bayern. In Unterhaching vor den Toren Münchens fehlt nur noch ein Punkt. Für diese Leverkusener Mannschaft scheinbar Formsache. In der gesamten Saison haben die Rheinländer erst zweimal verloren.

Das Offensiv-Ensemble um Emerson, Zé Roberto und Michael Ballack startet etwas stotternd in die Partie, dominiert aber und drückt den Gegner weit in dessen Hälfte. Unterhaching setzt auf Manndeckung, wagt sich kaum nach vorne - und ein Unentschieden reicht Bayer bekanntlich. Kein Grund zur Panik also. Doch die 20. Minute von Unterhaching, sie ändert alles. Flanke von SpVgg-Verteidiger Danny Schwarz, Offensivmann Ballack muss vor dem lauernden Altin Rrakli zum Ball, erwischt ihn nicht richtig - Eigentor.

Spielersteckbrief Ballack
Ballack

Ballack Michael

Bayer 04 Leverkusen - Vereinsdaten

Gründungsdatum

01.07.1904

Vereinsfarben

Rot-Weiß-Schwarz

Bayern München - Vereinsdaten

Gründungsdatum

27.02.1900

Vereinsfarben

Rot-Weiß

1. FC Kaiserslautern - Vereinsdaten

Gründungsdatum

02.06.1900

Vereinsfarben

Rot-Weiß

SpVgg Unterhaching - Vereinsdaten

Gründungsdatum

01.01.1925

Vereinsfarben

Rot-Blau

Chemnitzer FC - Vereinsdaten

Gründungsdatum

15.01.1966

Vereinsfarben

Himmelblau-Weiß

FC Chelsea - Vereinsdaten

Gründungsdatum

01.09.1905

Vereinsfarben

Blau-Weiß

Deutschland - Vereinsdaten

Gründungsdatum

28.01.1900

Er ist sicher der unglücklichste Mensch in ganz Deutschland.

Unterhachings Trainer Lorenz-Günter Köstner über Michael Ballack

Leverkusen erholt sich von diesem Schock nicht mehr. "Das Eigentor war für die wie ein Stich ins Herz, danach spielte der Kopf verrückt", sagte Flankengeber Schwarz anschließend im kicker. Leverkusen müht sich, statt zu spielen - und wenn sie mal Chancen haben, steht Unterhachings starker Keeper Tremmel im Weg. Am Ende heißt es 0:2 - und Meister ist der FC Bayern. "Die haben die Schale in Unterhaching eingepackt und sind damit nach München gefahren", erinnerte sich Bayer-Macher Reiner Calmund später. Ballacks Eigentor, es ist das Sinnbild einer Meisterschaft, die Leverkusen selbst quasi über den Spann gerutscht ist.

Ballack selbst äußert nach dem Abpfiff immer wieder die Hoffnung, "endlich aus diesem Albtraum aufzuwachen", auch Hachings Trainer Lorenz-Günter Köstner leidet mit: "Er ist sicher der unglücklichste Mensch in ganz Deutschland."

In Chemnitz nennen sie Ballack den "kleinen Kaiser"

Bis zu dieser 20. Minute von Unterhaching war die Karriere des Michael Ballack eine, die quasi ohne Rückschläge nach oben geführt hatte. Bereits beim Chemnitzer FC nennen sie ihn in Anlehnung an Franz Beckenbauer den "kleinen Kaiser", in seiner ersten Bundesliga-Saison wird er mit Aufsteiger Kaiserslautern deutscher Meister. Der erste von vielen denkwürdigen Momenten in seiner Karriere. Unterhaching ist dann der erste Tiefschlag, vielleicht der schwärzeste Tag in Ballacks Laufbahn.

Er ist zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt, eine der größten deutschen Hoffnungen in einer Zeit, in der der deutsche Fußball international weit hinterherhinkt. Eine große Bürde für Ballack - und dann auch noch dieses Eigentor. "Und jetzt? Karriereknick für Überflieger Ballack?", fragt der kicker in seiner Ausgabe vom 22. Mai 2000, zwei Tage nach Unterhaching, nicht ganz zu Unrecht. Bei vielen jungen Spielern hätte die mentale Belastung durch den Fehlschuss die sportlichen Leistungen zumindest beeinträchtigt. Doch Ballacks Karriere nimmt nach dem Eigentor so richtig an Fahrt auf.

Ballack, das Aushängeschild des deutschen Fußballs

Sein Spiel in Leverkusen erreicht ein neues Level, Ballack schwingt sich mit seiner Übersicht, Torgefahr und als "bester Kopfballspieler der Welt" (ARD-Experte Günter Netzer) zum prägenden Akteur der Mannschaft auf, die 2002 unter anderem ins Finale der Champions League einzieht - und 1:2 gegen Real Madrid verliert. In den Folgejahren wird er sowohl beim FC Bayern als auch in der deutschen Nationalmannschaft zum Fixpunkt, zum Lenker, im DFB-Team zum Kapitän. In einer Zeit, in der deutsche Spieler - auch qualitätsbedingt - kaum interessant für internationale Topklubs sind, wird er beim FC Chelsea zum Aushängeschild des deutschen Fußballs - und zur Identifikationsfigur für die folgende Generation im deutschen Fußball, von der er selbst nicht mehr profitieren kann.

Michael Ballack trifft gegen Österreich

Ein ikonischer Ballack: Das Freistoßtor bei der EM 2008 gegen Österreich. getty images

Was Ballack spätestens seit Danny Schwarz' Flanke immer begleitet: Er ist einer für die speziellen Momente. Für die Storys, die im Gedächtnis bleiben. Von einem blauen Auge gezeichnet, schießt er Deutschland 2002 ins WM-Finale, nachdem er vier Minuten zuvor seine zweite Gelbe Karte im Turnier gesehen hatte - und bereits wusste, dass er am größten Spiel seiner Karriere nicht würde teilnehmen können.

Bei der Heim-WM 2006 bangt Deutschland zunächst um Ballacks "Wade der Nation" - und zittert dann, als sich der von Krämpfen geplagte "Capitano" sich im Viertelfinale gegen Argentinien erst durch die Verlängerung und dann zum Elfmeterpunkt schleppt, um den Ball trocken ins Netz zu hämmern. Bei der EM 2008 sorgt er gegen Österreich für eines der Tore des Turniers - und einen ikonischen per Zeitlupe transportierten Gesichtsausdruck obendrauf.

98, nicht 100: Ballack der Unvollendete?

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist Ballack das Gesicht des deutschen Fußballs - und seine speziellen Momente werden nicht nur in den Medien zu großen Stories. So wird die ungestrafte Ohrfeige von Lukas Podolski gegen ihn 2009 zu einer Art Politikum im DFB, das Foul von Kevin-Prince Boateng im FA-Cup-Finale 2010 sorgt für ein kleines deutschlandweites Beben. Boateng wird Opfer eines frühen Facebook-Shitstorms, Ballack wird Opfer der Umstände. Die Nationalmannschaft spielt ohne ihn überraschend stark auf - und plötzlich ist sein Status der Unantastbarkeit passé. Ballack macht kein einziges Länderspiel mehr, er bleibt bei 98 stehen.

Michael Ballack sackt im Elfmeterschießen des Champions-League-Finals 2008 zusammen.

Das große Leid im strömenden Regen: Michael Ballack sackt im Elfmeterschießen des Champions-League-Finals 2008 zusammen. imago images

98, nicht 100. Unter vielen medienwirksamen Storys ist es das eine übergreifende Narrativ, das nach seinem Karriereende 2012 dominiert: Ballack, der Unvollendete. Der Vierfach-Vize 2002. Der mit den Bayern in der Liga zwar dominierte, international aber nie restlos überzeugte. Ballack, der im Champions-League-Finale 2008 mit Chelsea im Elfmeterschießen als Erster verwandelt und dann im Mittelkreis zusammensackt, als Mitspieler John Terry beim möglichen Schuss zum Titel ausrutscht. Ballack, der ein Jahr später wie wild geworden hinter Schiedsrichter Tom Henning Övrebö herjagt, als der im Halbfinal-Rückspiel gegen Barcelona partout nicht auf den Elfmeterpunkt zeigen will und dem Mittelfeldspieler die letzte echte Chance nimmt, den Henkelpott doch noch zu gewinnen.

So etwas zerreißt einem die Seele.

Michael Ballack nach seinem Eigentor in Unterhaching

Und eben Ballack, der nach Abpfiff auf der Ersatzbank in Unterhaching kauert und hemmungslos weint. "So etwas zerreißt einem die Seele", soll er an diesem 20. Mai 2000 gesagt haben.

Mit seinen Emotionen, häufig auch mit seinem Unmut, hielt er nie hinter dem Berg. Oft eckte er damit an, in Leverkusen und vor allem beim FC Chelsea wurde er so aber auch zum Publikumsliebling. Als er in seiner letzten Saison mit Bayer 04 an der Stamford Bridge gastierte, bekommt er bei seiner Auswechslung Standing Ovations von den Heim-Fans.

Die Anhänger der Werkself wählten Ballack 2004 anlässlich des 100. Vereins-Geburtstags in die "Jahrhundertelf" - obwohl er zu diesem Zeitpunkt nur drei Saisons für den Klub gespielt und gewissermaßen die sicher geglaubte erste Meisterschaft auf dem Gewissen hatte. Ballack hat es geschafft, Unterhaching zum Unterkapitel werden zu lassen anstatt zum Damoklesschwert. Auch wenn er an diesem 20. Mai 2000 vielleicht selbst nicht damit gerechnet hatte.

Michael Bächle

Löws Nein zu Ballack: Eine Ära endet

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