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Halil Altintop im Interview: "Wir müssen die Gier in Schach halten"

Ex-Bundesliga-Profi im kicker-Interview

Halil Altintop: "Wir müssen die Gier in Schach halten"

Halil Altintop

Sprach im kicker über viele Dinge: Halil Altintop. imago images

Für Kaiserslautern, Schalke, Frankfurt und Augsburg lief Halil Altintop insgesamt 351-mal in der Bundesliga auf und erzielte dabei 67 Tore. 2018 beendete der in Gelsenkirchen geborene ehemalige türkische Nationalspieler (38 Länderspiele, 8 Treffer) nach 18 Profijahren seine aktive Laufbahn. Mittlerweile arbeitet er seit eineinhalb Jahren an einer zweiten Karriere als Trainer.

Während sein Zwillingsbruder Hamit seit Juni 2019 Vorstandsmitglied beim türkischen Fußballverband TFF ist, lebt Halil mit seiner Familie in Augsburg. Dort übernahm er im September des vergangenen Jahres den Trainerjob beim TSV Schwaben Augsburg in der Bayernliga. Er brachte den abstiegsbedrohten Klub auf Kurs, hat aufgrund der Corona-Pandemie nun aber ganz andere Probleme.

Die Bundesligaklubs dürfen seit einer Woche wieder in Gruppen auf dem Rasen trainieren, die Amateure nicht. Sind Sie neidisch, Herr Altintop?
Nein. Die Profis trainieren zwar, aber es ist noch nicht klar, wann wieder Spiele stattfinden. Das ist nicht beneidenswert. Aber natürlich ist es von Vorteil, wenn man mal von zu Hause rauskommt und die Kollegen sieht. Das wird den Spielern vor allem in der Seele guttun.

Haben Sie Verständnis dafür, dass für Profis andere Regeln gelten als für Amateure?
An der Bundesliga hängen 50.000 oder 60.000 Arbeitsplätze, viele stehen jetzt auf der Kippe. Da ist es natürlich nachvollziehbar, dass man alles versucht, um so schnell wie möglich wieder zu spielen.

Trotzdem wird darüber diskutiert, ob die Bundesliga wieder loslegen kann, während für den Rest des Landes große Einschränkungen gelten. Nimmt sich der Profifußball zu wichtig?
Fußball hat in unserer Gesellschaft ohne Zweifel eine sehr große Bedeutung. Wenn wieder Spiele im Fernsehen laufen, kann das viele Leute motivieren und Energie freisetzen. Aber wie groß ist die Vorbildfunktion, wenn viele andere noch kürzertreten müssen und trotzdem wieder gespielt wird? Man kann nie allen gerecht werden, gerade in solchen Zeiten. Aber ich finde, dass der Mensch oft zu kurz kommt.

Trainer Halil Altintop spricht zu seiner Mannschaft

Aufgepasst: Trainer Halil Altintop spricht zu seiner Mannschaft. imago images

Wie meinen Sie das?
Wir reden zwar von Solidarität, aber für mich ist fragwürdig, ob wir das wirklich leben. Wir müssen die Gier nach Erfolg, das ständige Konkurrenzdenken in Schach halten. Wenn wir wirklich zusammenhalten, werden wir die aktuelle Krise und alles andere meistern. Dann wird sich nicht nur der Fußball, sondern auch das Leben verändern. Natürlich braucht man Leistungsdruck und Wettkampf, aber wir müssen vom Ego-Denken wegkommen.

Verzichten Sie in der aktuellen Situation auf Ihr Gehalt?
Das steht außer Frage. Die Summen sind natürlich nicht vergleichbar mit dem Profifußball. Aber selbstverständlich möchte und bekomme ich in dieser Phase kein Geld. Der Verein lebt ja vor allem von Einnahmen durch Zuschauer und Sponsoren, die im Moment fehlen.

Wie wirkt sich die Krise auf die Situation beim TSV Schwaben aus?
Wir haben einen Kader mit 18 Spielern. Während wir pausieren, verlieren vielleicht fünf, sechs Jungs ihren Job. Und danach sollen wir weiterspielen? Sind die Jungs dazu mental überhaupt in der Lage? Sie müssen erst mal ihr Leben stemmen und über die Runden kommen.

Wie sollte die Saison Ihrer Meinung nach fortgesetzt werden?
Das ist nicht einfach. Ich habe großen Respekt vor den Verantwortlichen, die das entscheiden müssen. Aber wenn ich lese, dass die Saison vielleicht erst Ende des Jahres oder nächstes Jahr fortgesetzt werden soll, verstehe ich das nicht. Der eine Spieler zieht bis dahin vielleicht weg, weil er einen neuen Job hat, der andere macht ein Auslandssemester in Amerika. Wenn man es bis Juli oder August nicht schafft, die Saison zu beenden, muss man einen Cut machen.

Ist ein eng getakteter Spielplan mit englischen Wochen möglich?
Die meisten Spieler sind froh, wenn sie es nach der Arbeit pünktlich ins Training schaffen. Wenn es um 19 Uhr losgeht, sind viele erst zehn Minuten vorher da. Wenn wir aber unter der Woche 170 Kilometer nach Hankofen in Niederbayern fahren sollen, müssen sie einen halben Tag Urlaub nehmen. Und das, wenn sie vielleicht gerade um ihre Jobs bangen. Das geht nicht nur uns, sondern vielen Vereinen im Amateurfußball so.

Wie sieht das Training zurzeit aus?
Ich verschicke Pläne und versuche drei Einheiten pro Woche vorzugeben. Persönlich denke ich, dass Training auch in einer schwierigen Phase mental weiterhelfen kann. Allerdings habe ich Verständnis, wenn der eine oder andere aus Existenzängsten mal eine Einheit auslässt. Im Moment kann ich ohnehin nicht sagen, wann es weitergeht.

Als Sie den Job im September 2019 übernahmen, war der TSV Schwaben Tabellenletzter, mittlerweile ist der Verein Vorletzter. Sind Sie zufrieden?
Nur der Letzte steigt direkt ab, mittlerweile haben wir sechs Punkte Vorsprung. Das war das erste Ziel. Wenn es weitergeht, bin ich überzeugt, dass wir die Klasse halten - ob direkt oder über die Relegation. Zudem ist mir wichtig, dass die Mannschaft meine Spielidee umsetzt. Wir wollen Ballbesitzfußball spielen, das ist uns zuletzt immer besser gelungen.

Sie waren 18 Jahre lang Profi. Wie ist die Arbeit mit Amateuren?
Es ist eine Riesenumstellung. Die Bayernliga ist zwar halbprofessionell, aber es fehlt an vielen Details, die bei Profis selbstverständlich sind. Vor dem Training kann ich zum Beispiel nicht planen, wie viele Spieler zur Verfügung stehen werden. Ich muss viel improvisieren und kurzfristige Entscheidungen treffen. Das ist aber eine wichtige Erfahrung auf einem guten Niveau.

Vergangene Saison gehörten Sie zum Stab von Markus Weinzierl beim VfB Stuttgart. Wollten Sie nun selbst Chef sein?
Co-Trainer in der Bundesliga zu sein war eine tolle Chance. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich eigene Erfahrungen als Chef sammeln möchte. Ich muss Fehler machen, um besser zu werden. Der Chef entscheidet. Es ist ganz anders, ob ich als Co-Trainer im Hintergrund zuarbeite oder dem Spieler selbst sage, dass er nicht spielt. Ich will Verantwortung übernehmen.

Wie sehen Ihre Pläne aus?
Ich habe die Trainerscheine bis zur A-Lizenz, jetzt fehlt noch der Fußballlehrer. Den Lehrgang will ich auf jeden Fall absolvieren. Ich will wissen, was ein Trainer wirklich mitbringen muss, auch wenn ich in Zukunft vielleicht mal als Sportlicher Leiter arbeiten sollte.

Ist eine Rückkehr zum FC Augsburg vorstellbar? Zum Beispiel als Jugendtrainer?
Der FCA hat für mich in den vergangenen Jahren eine große Rolle gespielt, wir sind immer wieder im Austausch. Wenn sich etwas Passendes ergibt, kommt das natürlich infrage. Aber es gibt viele Möglichkeiten.

Der FCA wechselte kürzlich den Trainer der Profis, Heiko Herrlich übernahm für Martin Schmidt. Wie bewerten Sie die Lage?
Es ist immer schwierig, wenn man über eine gewisse Zeit den Erwartungen hinterherläuft und die Ergebnisse ausbleiben. Mit dem Trainerwechsel wurde eine wichtige Entscheidung getroffen. Leider zu einem Zeitpunkt, seitdem kein Spiel mehr stattfand. Der FCA hat viel Qualität im Kader und wird nicht absteigen.

Zu Beginn und am Ende Ihrer Karriere spielten Sie für den 1. FC Kaiserslautern. Ihr Ex-Klub war gerade mal wieder in den Schlagzeilen. Für den hoch verschuldeten Verein tut sich durch eine Planinsolvenz vielleicht eine Chance auf. Kann in der Corona-Krise also auch ein Neuanfang liegen?
Es kann sein, dass der FCK von der Situation profitiert. Am Ende wird sich aber immer Qualität durchsetzen. Ich wünsche mir für den Verein und die Region, dass es wieder bergauf geht.

Sie haben vier Kinder. Wie sieht der Alltag im Hause Altintop in dieser ungewöhnlichen Zeit aus?
Wir versuchen, die Zeit mit den Kindern zu nutzen. Natürlich hat man manchmal das Gefühl, dass bei dem Lärmpegel von morgens bis abends gleich die Decke einstürzt. Aber ich genieße das auch und habe viel Spaß. Wir versuchen, viel Bewegung in unseren Alltag zu bringen, gehen Rad fahren oder joggen. Die Kinder haben eine unglaubliche Energie, die raus muss

Das Interview mit Halil Altintop erschien zuerst in der Dienstagausgabe des kicker.
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