Junioren

DFB-Trainer-Videosprechstunde: "Kreativität mal freien Lauf lassen"

Amateurtrainer holen sich Tipps bei den Profis

Zweite DFB-Trainer-Videosprechstunde: "Der Kreativität auch mal freien Lauf lassen"

Manuel Baum

Stand am Donnerstag zusammen mit Guido Streichsbier Rede und Antwort: U-20-Nationaltrainer Manuel Baum. imago images

Von Normalität kann auch bei den Jugendtrainern des DFB angesichts der Corona-Krise keine Rede sein. Statt die letzten Länderspiele zu analysieren oder die ursprünglich für den Juli terminierte U-19-Europameisterschaft vorzubereiten, sind auch die U-Trainer beim DFB derzeit an den Schreibtisch gefesselt. Die landesweite Zwangspause nutzt der DFB nun ganz bewusst, um für die Trainerkollegen im Amateur- und Jugendbereich da zu sein. Nachdem U-21-Coach Stefan Kuntz und Meikel Schönweitz, Cheftrainer der U-Nationalmannschaften, in der vergangenen Woche bereits den Anfang machten, standen nun Manuel Baum und Guido Streichsbier Rede und Antwort.

Maximilian Wrba (JSG Künzell, Jugendtrainer): Wie sollte der Wiedereinstieg ins Training nach der Corona Krise aussehen?

Bevor man sich überhaupt intensiv mit der Trainingsgestaltung beschäftigen sollte, sei man als Psychologe gefragt, betonte Streichsbier: "Man muss ein Gespür für die Gesamtsituation bekommen. Wie sieht es generell aktuell bei den Spielern aus? Hat ein Spieler vielleicht berufliche Probleme? Oder auch Sorgen wegen der Krankheit im Bekanntenkreis?" Erst wenn die zwischenmenschliche Komponente berücksichtigt wurde, sollte das sportliche wieder in den Vordergrund rücken. Die Rückkehr ins Training sei dann ein "Mix aus dem Einstieg nach der Winterpause und einem spielfreien Wochenende". Je nachdem wie sich die Spieler in der Zwischenzeit fit gehalten haben, müsse man situativ entscheiden. Einen Königsweg gebe es nicht. "Auf jeden Fall sollte man die Freude und den Spaß am Spiel zunächst in den Vordergrund stellen", ergänzte Baum.

Taner Pula ( SV Mähringen): Bei nur zwei Trainingseinheiten in der Woche ist es schwierig, die Balance zu finden, auf welchen Einheiten der Schwerpunkt liegen sollte. Wie gehe ich das am besten an?

Die Lösung ist ein möglichst "integratives Training" betonte Baum, der den Amateurtrainern zugleich großen Respekt zollte, weil er wisse, wie schwierig es sei, in nur wenigen Trainingseinheiten möglichst viel reinzupacken. Mit einem integrativen Training meint der früherer Augsburger, dass "eine Übung möglichst viele Aspekte abdecke. Vom taktischen über den technischen bis zum athletischen Bereich". Gleichzeitig sollte man nicht in jedem Bereich zu sehr ins Detail gehen, dafür fehlt nun mal die Zeit.

Streichsbier kommt dieses Problem bekannt vor. Bevor der 50-Jährige beim DFB anheuerte, trainierte er drei Jahre lang den damaligen Oberligisten FC-Astoria Walldorf - meist mit drei Einheiten in der Woche. Aus dieser Erfahrung erklärt er, dass hier insbesondere die Kommunikation zu den Spielern wichtig sei. "Ich würde auch im Amateurbereich immer wissen wollen, was die Mannschaft will und was sie sich im Training wünscht. Beschäftige dich mit den Spielern. Das ist ganz wichtig."

Mats Beckmann (SC Nienstedten, Jugendtrainer): Was kann ich konkret für die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler tun?

Baum verwies zunächst auf den sozialen und kulturellen Hintergrund der Spieler. Nur wenn man die Wertesystematik eines jeden einzelnen kennt, könne man erfahren wie der Spieler tickt und ein Vertrauensverhältnis aufbauen. So könne man die Werte und Regeln, die eine Gruppe braucht, entsprechend kommunizieren. Details sowie pädagogische Leitlinien finden sich zudem für jede Altersklasse bei dfb.de zum Nachlesen. Auf dem Rasen sei in dieser Hinsicht dann weniger manchmal mehr: "Gerade wir Trainer in Deutschland tendieren oft dazu, alles organisiert und durchstrukturiert auf den Platz zu bringen. Darunter leidet aber zum Teil die Kreativität. Doch für die Entwicklung müssen wir dieser auch mal freien Lauf lassen, die Jungs und Mädels also einfach mal frei spielen lassen."

Timo Weiß (FCC Triptis): Schon im Jugendbereich wird das Spiel immer schneller und die Intensität höher. Die Zeit, um Entscheidungen zu treffen gleichzeitig immer kürzer. Wie trainiere ich das am besten?

Streichsbier verwies auf den Ansatz des Neurozentrierten Trainings, bei dem das Gehirn und das Nervensystem als zentrale Elemente der Bewegungssteuerung vertiefend mit ins Training einbezogen werden. Beim DFB werde dies derzeit intensiv getestet. Für den Alltag auf dem Trainingsplatz sei es wichtig, "den Spielern so oft wie möglich Spielsituationen zu ermöglichen, damit sie häufig in die Situation kommen, schnelle Entscheidungen treffen zu müssen". Dabei sei es bedeutend, die Übungen möglichst nah an Situationen anzulehnen, wie man sie auch im Spiel vorfindet. Genauso können man die Spieler zum Mitdenken anregen, beispielsweise mit Videoszenen.

Beschäftige dich mit den Spielern. Das ist ganz wichtig.

Guido Streichsbier

Benjamin Trinkl (SV Ottmaring, Trainer 2. Mannschaft Herren und Abteilungsleiter): Häufig habe ich jede Woche andere Spieler zur Verfügung. Soll ich nun jede Woche die taktische Ausrichtung am vorhandenen Personal anpassen oder ein System einstudieren und das unabhängig von den anwesenden Spielern durchdrücken?

Diesem Problem können man entgegenwirken, erklärte Baum, "indem man im Training losgelöst von Grundordnungen Leitlinien und Prinzipien herausarbeitet". Unabhängig davon, ob nun beispielsweise einer Dreier-, Vierer- oder Fünferkette gespielt wird. "So hat man den Vorteil, dass die Mannschaft, mit der unter der Woche die Abläufe einstudiert wurden, relativ schnell in der Lage ist, sich mit den Spielern, die am Wochenende neu hinzukommen, der neuen Ordnung anzupassen ohne die automatisierten Abläufe zu vergessen", betonte der 40-Jährige. Am wichtigsten sei generell eine positive Rückmeldung. "Für mich war es auch in der Bundesliga immer das beste Feedback, wenn die Spieler gesagt haben: ‚Wir hatten ein gutes Gefühl auf dem Platz.‘ Es ist immer die Aufgabe des Trainers, allen ein möglichst gutes Gefühl zu geben. Nur so kann der Spieler die bestmögliche Leistung bringen."

Martin Wagner (1. FC Penzberg): Wenn einem Spieler die Motivation fehlt, er satt ist, gleichzeitig aber sehr wichtig für das Team ist. Wie gehe ich damit um?

Eine "sehr spannende Frage", wie Baum betonte, da sie nicht nur im Amateurbereich die Trainer beschäftige. Gerade ältere Spieler seien in ihrem Ablauf oftmals sehr festgefahren, was große Veränderungen in der Gestaltung ihres Trainings nicht einfach mache. Oft sei es hilfreich, neue Impulse zu setzen. "Wenn die Spieler merken, dass es noch andere Bereiche im Training gibt, die dazu führen, dass ihre Leistungen besser werden, werden sie oft wieder hungrig", erklärte Baum. Diese Erfahrung habe er auch bei Jugendspielern schon oft erlebt, bei denen dank der neuen Motivation die "Playstation nur noch in der Ecke gelegen hat".

Die Video-Sprechstunde mit Christian Wück (U17) und Marc Meister (U15) folgt am 16. April. Die Bewerbungsfrist ist allerdings am 1. April abgelaufen.

Moritz Kreilinger