Bundesliga

Jörg Liebeck - Paderborns "Ironman" mit dem Beißkeil im Koffer

kicker-Serie, Teil 18: SC Paderborn

Jörg Liebeck - Paderborns "Ironman" mit dem Beißkeil im Koffer

Jörg Liebeck

An der Seitenlinie mit Trainer Steffen Baumgart: Jörg Liebeck (l.). imago images

In diesen Tagen ist gerade auch für ihn alles etwas anders. Gemeinsam mit seinem Kollegen Robert Wezorke hat Jörg Liebeck als Physiotherapeut des SC Paderborn buchstäblich "alle Hände voll" zu tun, seit nach der Corona-Zwangspause wieder Betrieb auf dem Trainingsgelände herrscht. "Die Behandlung findet in Sonderkabinen statt. Es ist immer nur ein Spieler mit einem Physiotherapeuten im Raum, wir tragen Mundschutz und desinfizieren laufend unsere Hände", berichtet Liebeck. "Die Jungs machen sehr diszipliniert mit."

Diszipliniert hat auch Liebeck trotz einer "gefühlten Sieben-Tage-Woche im Klub" parallel sein eigenes sportliches Ziel im Blick - oder wenigstens gehabt: den "Challenge Roth", das große Triathlon-Event in Mittelfranken. "Zwölf bis 15 Stunden pro Woche trainiere ich dafür." Doch nach einem Sturz und einem dabei erlittenen Oberschenkelhalsbruch im vergangenen Jahr ist es diesmal die Corona-Krise, die Paderborns "Ironman" einen Strich durch die Rechnung macht. "Das ist bitter, weil ich mich in der Form meines Lebens fühle." Und dennoch: "Einmal will ich dort dabei sein. Das bleibt mein großes Ziel."

SCP ist Familienangelegenheit

Der SC Paderborn ist derweil für den 44-Jährigen zu einem wesentlichen Lebensinhalt geworden - und zur Familienangelegenheit. "Meine Frau Kim arbeitet in der Medienabteilung, hat ihr Büro ebenfalls hier im Trainingszentrum", berichtet Liebeck, der 2005 zu den Ostwestfalen stieß. Groß geworden ist er in Niedersachsen. "In Quakenbrück habe ich früher auf dem Bolzplatz mit dem späteren Werder-Profi Christian Brand gekickt." Während dieser in die Bundesliga durchstartete, wirkt Liebeck, der sich zuvor beim BV Quakenbrück auch auf verschiedenen Positionen fußballerisch betätigt hatte, nun schon seit 15 Jahren im "Team hinter dem Team" der Berufsfußballer in Paderborn. Mit Ausnahme eines zweijährigen Intermezzos von 2008 bis 2010 beim FC Augsburg, für das jeweils die Trainer, unter denen er als Physio arbeitete, sorgten: "Paderborns Ex-Trainer Holger Fach warb mich zum FCA ab. Und Andre Schubert, der mich aus seiner Zeit als Nachwuchs-Leiter in Paderborn schon kannte, holte mich als SCP-Cheftrainer später zurück."

Aha-Erlebnis in der Münchner U-Bahn

In Paderborn, wo er für viele der "Jockel" ist, erlebte Liebeck die wechselvolle Geschichte des Vereins hautnah mit. "Der erste Bundesliga-Aufstieg 2014 war das Krasseste. Die letzten drei Minuten auf der Bank im entscheidenden Spiel gegen Aalen werde ich nie vergessen. Das war Emotion pur." Ein weiteres Mal spielten die Gefühle bei Liebeck im Mai 2017 verrückt. Mit dem SCP gerade zuvor eigentlich in die Regionalliga abgestiegen, verfolgte Liebeck das Relegations-Rückspiel zwischen 1860 München und Regensburg, das der Jahn seinerzeit für sich entschied und die "Löwen" aus der 2. Liga bugsierte. "Wir sind mit der Familie von Heiko Herrlich, der in Regensburg Trainer war, befreundet. Er hatte uns Karten für das Spiel besorgt. Auf unserer Rückfahrt in der Münchner U-Bahn seufzte ein Sechzig-Fan neben mir plötzlich: 'Das war's. Für die 3. Liga bezahlt der Ismaik doch nicht!' Da kündigte sich für mich an, dass die fehlende Lizenz für 1860 womöglich Paderborns Rettung sein könnte." Tatsächlich blieb der SCP so damals drittklassig - und setzte zum großen Aufschwung zurück bis in die 1. Liga an.

Als Bickel die eigene Zunge verschluckte

Sein persönlich prägendstes Erlebnis hatte Liebeck auch auf dem Rasen der heimischen Benteler-Arena, es hatte aber nichts (mehr) mit Fußball zu tun. Am 1. April 2017 wurde die 1:2-Heimniederlage im Abstiegskampf gegen Großaspach plötzlich zur Nebensache, als Paderborns Mittelfeldspieler Christian Bickel in der 73. Minute bei einem Zusammenprall die eigene Zunge verschluckte. "Unserem Mannschaftsarzt Dr. Porsch und mir war schnell klar, was passiert war. Wir rannten sofort auf den Platz, ohne auf den Schiedsrichter zu warten." Es ging um Sekunden. "Irgendwann hatte ich die Zunge, aber Christians Kiefer krampfte", schildert Liebeck die Dramatik. "Noch heute habe ich eine Narbe am Daumen, so fest biss er zu. Später war ich fix und fertig. Einen Beißkeil hatte ich zwar schon damals im Koffer, fand ihn aber in der Hektik nicht so schnell. Heute kontrolliere ich vor jedem Spiel, dass er sofort griffbereit ist. Er hätte die Aktion wohl deutlich erleichtert."

Für Bickel ging es an diesem Tag auch mit dem Notbehelf glücklich aus. Jörg Liebeck dürfte sich wohl mit Fug und Recht als Lebensretter bezeichnen - tut es aber in aller Bescheidenheit nicht. "Wenn ich nicht gewesen wäre, hätte eben ein anderer zugepackt..."

In einer Serie porträtieren wir besondere Spezialisten im Hintergrund der deutschen Profiklubs - vom Teambetreuer bis zur Yogatrainerin, vom Zeugwart bis zum Gastwirt.

Michael Richter

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