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Golf - Es zwickt und klemmt bei Bernhard Langer: "Da muss ich durch"

62-jährige Golf-Legende wäre gern in Tokio dabei und kritisiert Qualifikations-Modus

Es zwickt und klemmt bei Bernhard Langer: "Da muss ich durch"

Bernhard Langer

Lässt weiterhin viele jüngere Rivalen hinter sich: Deutschlands Golf-Legende Bernhard Langer. getty images

Kein deutscher Sportler hat sein Leistungsniveau über Jahrzehnte so gehalten wie Golf-Superstar Bernhard Langer. Im kicker-Interview spricht der 62-Jährige, der derzeit in Florida lebt, über die Gründe seiner Erfolge, die Reaktionen von Tiger Woods & Co. sowie sein Leben während der Corona-Krise.

Herr Langer, haben Sie Ihre Karriere jemals unterbrechen müssen, ohne verletzt gewesen zu sein?
Durch äußere Einflüsse wie jetzt habe ich noch nie pausieren müssen. Wenn ich verletzt war, war das natürlich etwas anderes. Wir leben in anderen Zeiten im Moment. Wir waren sehr gesegnet damit, dass wir in einer Zeit leben durften, in der es für uns keine schwerwiegenden Zwischenfälle gab.

Wie sehr beeinflusst die Corona-Krise Ihr persönliches Leben?
Im Moment gibt es noch keine gravierenden Einschnitte, aber ich habe davon gehört, dass wir bald in Quarantäne gehen müssen und das Haus dann auf unbestimmte Zeit nicht verlassen dürfen. Das wird in den kommenden Tagen auf uns zukommen. Wir haben ein schönes Zuhause, hier in Boca Raton. Ich kann noch mein Fitnesstraining betreiben. Ansonsten müssen wir uns aber stärker auf ein Leben im Haus einstellen. Klar ist natürlich, dass ich dann nicht mehr auf dem Golfplatz trainieren und auch die ganzen alltäglichen Dinge nicht mehr wie sonst erledigen kann. Unsere Mobilität wird eingeschränkt sein.

Bei uns sind unterdessen die Golfplätze geschlossen worden, wird bei Ihnen genauso verfahren?
Das wird wohl bald nach unserem Gespräch passieren. Unsere Kirche ist bereits geschlossen, der Gottesdienst wird online übertragen. Alle Sportveranstaltungen sind abgesagt. Die Verhältnisse unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland.

41. Turniersieg und erstmals Opa: "Zum Glück geht es nicht nur um Länge"

Fühlen Sie sich sicher in Florida, oder wären Sie zurzeit lieber zu Hause in Anhausen?
Ich fühle mich relativ sicher und bin davon überzeugt, dass wir das Problem mit dem Virus in den Griff bekommen werden.

Ihre vier Kinder leben nicht mehr zu Hause, telefonieren Sie regelmäßig mit ihnen?
Unser Jüngster, Jason, lebt jetzt wieder bei uns, weil seine Universität geschlossen wurde. Er wird bis zum Ende des Semesters zu Hause sein und erst wieder nach den Ferien im August den regulären Unterricht aufnehmen, sofern die Krise dann überwunden ist. Unsere älteste Tochter, Jackie Carol, hat in der vergangenen Woche ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Sie lebt nur ein paar Minuten von uns entfernt. Damit sind wir nun Großeltern. Stefan ist in New York, und unsere andere Tochter, Christina, lebt in Los Angeles. Wir tauschen uns natürlich regelmäßig aus.

Bernhard Langer ist Opa - größer könnte der Gegensatz zu Ihrer Karriere nicht sein, denn von Großvätern erwartet man nicht solche Leistungen, wie Sie sie erreichen. Sie haben gerade Ihren 41. Sieg auf der PGA Tour Champions in den USA geholt. Werden Sie denn niemals müde?
Müde nicht, aber es gibt Tage und Wochen, in denen ich Schmerzen habe und dann auch lieber eine Pause einlege. Da muss ich durch. Mir steht mit meinem Freund Norbert Dehoust zum Glück ein guter Arzt und Berater zur Seite. Golf macht mir nach wie vor Spaß, aber ich bemerke schon, dass meine Bälle nicht mehr ganz so weit fliegen. Das sind keine wesentlichen Unterschiede, es geht um drei bis fünf Meter im Vergleich zu meinen Leistungen vor zehn Jahren. Das Problem ist nur, dass auf unsere Tour immer wieder Spieler nachrücken, die jünger sind und schon früher weiter geschlagen haben als ich. Dazu gehören Retief Goosen und Ernie Els, die beide die US Open gewonnen haben. Aber zum Glück geht es nicht nur um die Länge, sondern auch um Präzision und ein gutes kurzes Spiel.

Sie sind 62 Jahre alt. Haben Sie einen Ratschlag oder Tipp, wie man im fortgeschrittenen Alter möglichst wenig von seiner ursprünglichen Leistungsfähigkeit einbüßt?
Ein Geheimnis gibt es nicht. Ich denke, dass ich heute dafür belohnt werde, wie ich gelebt habe. Ich habe wenig Alkohol getrunken, viel an meiner Fitness gearbeitet und viel trainiert. Langfristig gesehen war das wohl eine gute Lebensweise, die sich bewährt hat. Es gibt auch andere, denen es gelungen ist, lange ihre körperlichen Fähigkeiten zu konservieren. Als Erster fällt mir da der Südafrikaner Gary Player ein. Er ist heute 84 Jahre alt und bewegt sich immer noch sehr gut, auch wenn man ihn vergleicht zum Beispiel mit Jack Nicklaus, der ja der erfolgreichste Golfer aller Zeiten und das Vorbild von Tiger Woods ist. Vielleicht habe ich ja auch gute Gene. Meine Mutter ist 96 und lebt noch. Der Lebensstil spielt sicher eine große Rolle - ob man raucht, trinkt, wie man sich ernährt.

Dalys Probleme: Übergewicht und Konzentrationsschwächen

Es gibt ja auch andere Beispiele.
Eines ist unter anderen John Daly, der ja auch zu meinen Konkurrenten auf der Champions Tour zählt. Er hat offensichtlich Übergewicht und tut sich natürlich als Leistungssportler schwerer. Sein Energieaufwand auf einer Golfrunde ist immens hoch und kann hier und da zu Konzentrationsschwächen führen.

Sprechen Sie mit den Kollegen über das Thema Fitness?
Hauptsächlich macht das jeder für sich selbst. Wir wissen natürlich, was jeweils für uns wichtig ist und worauf wir aufpassen müssen. Unter engen Freunden gibt es solche Gespräche schon, vor allem, wenn man seine Zeit zu Hause verbringt. Wie das Training dosiert wird, wann man eine Pause einlegt oder ob man auch mal eine Runde Golf zum Spaß spielt. Aber Geheimnisse gibt es eigentlich nicht.

Tiger Woods, der 18 Jahre jünger ist als Sie, hat kürzlich gesagt, dass es für ihn inzwischen mit Blick auf seinen Körper mehr schlechte als gute Tage gebe. Geht es Ihnen ähnlich?
Ich habe in den zurückliegenden zehn Jahren kaum einen Tag gehabt, an dem nicht irgendetwas gezwickt und wehgetan hat. Es dürfte wohl nur wenige geben, die im Alter von 60 morgens aufstehen und sagen, ich fühle mich pumperlwohl. Und wenn man sein Leben als Sportler so durchzieht wie ich, dann gibt es Abnutzungserscheinungen. Ich war ja schon mit 18 Jahren auf der Tour und hatte in den Jahren zuvor bereits hart trainiert. Wenn man dann 45 Jahre als Profi Golf spielt oder ein Leben lang viel trainiert so wie Vijay Singh, Tom Kite oder ich, dann geht das nicht ohne Probleme ab. Selbst die jüngeren wie Tiger Woods oder Brooks Koepka haben ihre Sorgen, weil sie Gewichte heben und versuchen, einseitigen Belastungen entgegenzusteuern und sich dabei dann verletzen. Verletzungen hatte ich auch, aber ich hatte wenige Operationen.

Schon vor 30 Jahren haben Sie immer wieder über Rückenschmerzen geklagt.
Mit meinem Rücken und dem Nacken habe ich immer zu kämpfen gehabt. Seit Langem habe ich aber auch mit den Knien und der Schulter Probleme. Jeden Tag kann da etwas Neues dazukommen. Ich erinnere mich aber auch an eine Operation am Daumen 2011, in deren Folge ich fast die gesamte Saison verloren habe. Ein paar Jahre davor war es mein Handgelenk, zu dem der Spezialist meinte, ich müsse das unbedingt operieren lassen. Die Schmerzen waren so groß, dass ich nicht mehr spielen konnte. Der Arzt wollte etwas vom Knochen abtrennen, was ich aber abgelehnt habe. Zwei Wochen später war das Problem behoben - ohne Operation.

"Ich habe mich immer als Leistungssportler gesehen"

Gab es in Ihrer Karriere einen Schlüsselmoment, an dem Sie gemerkt haben, dass es ohne begleitendes Training nicht mehr geht?
Ich habe schon immer Sport geliebt und habe viele andere Sportarten betrieben. Ich habe Fußball und Tennis gespielt, ich bin im Winter zum Langlaufen gegangen, bin Skifahren gewesen oder habe gejoggt. Ich war fit, weil ich nicht nur golfspezifisch trainiert habe.

Sie sind heute ja auch regelmäßig zum Training im Fitnesscenter. Gibt es Tage, an denen Sie das als Quälerei empfinden?
Selten. Es gibt Tage, an denen ich mich überwinden muss. Aber meistens macht es mir Spaß. Allerdings kann ich nicht mehr alles machen, was ich vor 15 Jahren gemacht habe.

Trainieren Sie anders als vor 15 Jahren? Mit anderer Belastung und Intensität, mit anderen Übungen?
Früher habe ich 15 Klimmzüge gemacht, das schaffe ich nicht mehr. Liegestütze sind mir leichtgefallen, heute schmerzen dabei die Schultern. Ich muss mich bei den Übungen danach richten, ob sie mir Schmerzen bereiten oder nicht.

Sehen Sie sich heute immer noch als echten Leistungssportler?
Ich habe mich immer als Leistungssportler gesehen. Ich habe mein Leben lang dafür gearbeitet, einer der Besten zu sein. Das ist mir Gott sei Dank gelungen, aber es gehört mehr dazu, als über den Golfplatz zu laufen und Bälle zu schlagen.

Langer in Augusta

Applaus für den zweimaligen Champion: Langer an der Magnolia Lane in Augusta. getty images

Das US Masters in Augusta wird in dieser Woche nicht stattfinden, für das Sie als zweimaliger Sieger qualifiziert waren. Sie sind Mitte Juli ebenfalls bei den British Open startberechtigt. Werden Sie daran teilnehmen?
Das habe ich vor, ja. (Auch die British Open wurden am Montag wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Anm. d. Red.)

Sie treffen bei solchen Gelegenheiten auf viele Spieler, die Ihre Kinder sein könnten, wie den Weltranglisten-Ersten Rory McIlroy, Dustin Johnson oder Brooks Koepka. Wie begegnen diese Spieler Ihnen eigentlich auf dem Platz?
Ich glaube, es gibt von beiden Seiten großen Respekt füreinander. Ich finde es großartig, was die Jungs leisten. Und denen geht es nicht anders, weil sie beachtlich finden, dass ich in meinem Alter noch mithalten kann. Bei den British Open vor zwei Jahren habe ich viele von ihnen hinter mir lassen können, und beim Masters war es ja nicht anders. Wir alle wissen, was man dafür leisten muss, um erfolgreich Golf zu spielen.

Keine Punkte für Olympia - "keine Ahnung, ob das gerecht ist"

Martin Kaymer ist in der Weltrangliste weit zurückgefallen, Alex Cejka hat seine Startberechtigung auf der US Tour verloren, wahrscheinlich sind erneut Sie wieder aktuell der beste Golfspieler Deutschlands. Würden Sie gerne bei Olympia starten?
Ich würde sehr gerne bei den Olympischen Spielen antreten, aber das wird nicht klappen. Auf der Champions Tour erhalten wir keine Weltranglistenpunkte. Die kann ich nur beim Masters oder bei den British Open sammeln. Und die Punkte, die ich da hole, werden mit einem Quotienten berechnet, durch den ich keine Chance auf eine Qualifikation habe.

Der beste Deutsche darf bei den Spielen nicht antreten. Ist das gerecht?
Keine Ahnung, ob das gerecht ist. Wir bekommen auf unserer Tour eben keine Punkte mehr. Bei dieser Regelung ist man davon ausgegangen, dass Spieler, die 50 oder älter sind, nicht mehr konkurrenzfähig sind oder zu den zwei Besten eines Landes zählen. Aber es gibt schon den einen oder anderen, der hier dazugehört. Ich denke da an den ehemaligen Masters-Sieger Vijay Singh (57, die Red.) von den Fidschi-Inseln.

Von den "Big Five" der 80er und 90er Jahre im Golf, zu denen noch Nick Faldo, Sandy Lyle, der bereits verstorbene Severiano Ballesteros, Ian Woosnam und Sie zählten, sind Sie der Einzige, der noch Turniere gewinnen kann. Warum ist das so?
Man muss gesund sein, man muss Druck standhalten können und eine Einstellung mitbringen, die beste Leistungen ermöglicht. Es sind viele Facetten, die stimmen müssen.

Werden Sie sich, wenn Sie demnächst mehr Zeit zu Hause verbringen, auch wieder dem Golfplatz-Design widmen?
Wir haben in den zurückliegenden zwei Monaten einige interessante Anfragen gehabt. Davor gab es auch einige aus China oder dem Nahen Osten, aber das habe ich abgelehnt, weil mein persönlicher Turnierplan umfangreich ist und dort noch meine Prioritäten liegen. Trotzdem interessieren mich die derzeitigen Anfragen aus Europa und den USA.

Steckbrief: Bernhard Langer, am 27. August 1957 in Anhausen bei Augsburg geboren, ist seit 1976 Profi-Golfer. Sein erstes internationales Turnier gewann er 1980. Im Jahr darauf wurde er beim British Masters durch einen kuriosen Schlag aus der Astgabel eines Baumes, auf den er geklettert war, zu einer Fernsehberühmtheit. Inzwischen hat Langer mehr als 100 Turniere weltweit gewonnen, 41 davon auf der angesehenen Champions Tour. 1985 und 1993 triumphierte Langer in Augusta. Seit 2002 gehört er zur World Golf Hall of Fame.

Dieses Interview erschien zuerst in der Montag-Ausgabe des kicker am 6. April 2020

Reinhold Schnupp

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