Olympia

"Das IOC war von außen wie eine Blackbox"

Athletensprecher Max Hartung im kicker-Interview

"Das IOC war von außen wie eine Blackbox"

Thomas Bach, Max Hartung

Kritik an Thomas Bach und dem IOC: Athletensprecher Max Hartung (vorne). imago images

kicker: Herr Hartung, als Säbelfechter sollten Sie ja mit dem Thema Abstand gut klarkommen, oder?

Der Abstand zum Gegner ist tatsächlich ganz entscheidend in meiner Sportart (lacht). Allerdings gibt es bei uns wie bei anderen auch gemeinsame Räume wie Umkleide und Waffenraum. Training ist also nicht möglich, wäre aber aktuell auch gar nicht sinnvoll, weil ich nicht weiß, wann die Turniere wieder losgehen.

Das heißt aktuell für Sie?

Ich puzzele mir einen Plan für Grundlagenfitness zusammen. Zum Glück darf ich nach 14 Tagen Quarantäne wieder raus.

Sie waren in Quarantäne?

Meine Freundin hatte Kontakt zu einem positiv Getesteten, das Infektionsschutzzentrum hat ihr die Quarantäne auferlegt. Da sollte sie sich auch von anderen Menschen im Haushalt isolieren, was aber in meiner Wohnung nicht möglich ist. Also haben wir uns für die gemeinsame Quarantäne entschieden.

In der gegebenen Situation bin ich froh, dass dieser Spagat zu Ende ist.

Max Hartung

Wir reden da ja über sogenannte "First World Problems", aber konnten Sie das gut gestalten zu Hause?

Wir haben es ganz gut hinbekommen. Die Wohnung ist zwar klein, aber auf der Terrasse konnten wir Sonne tanken. Ich habe drin Sport gemacht, viel telefoniert. Es war ja viel los für mich in meiner Rolle als Athletenvertreter.

Sind Sie froh über die Olympia-Verschiebung, die nach längerem Hin und Her dann doch kam?

Erstmal bin ich unglücklich, denn alle Sportler bringen sich in jahrelanger Vorbereitung auf den Sommer 2020 hin in Top-Form. In der gegebenen Situation bin ich aber froh, dass dieser Spagat zu Ende ist. Um in Tokio Leistung zu bringen, hätte man trainieren müssen und dabei potenziell ständig gegen das verstoßen, was nun das Gebot der Stunde ist. Zudem wollen wir Sportler vorangehen als Vorbilder und zeigen: Auch wir bleiben zu Hause!

Was können Sie als Athlet tun?

Mein Teamkollege Matyas Szabo und ich drehen Videos mit kleinen Fechtsessions für Kinder, aber auch Erwachsene, damit die ein bisschen in Bewegung bleiben.

Das IOC war da von außen wie eine Blackbox.

Max Hartung

Das IOC und Präsident Thomas Bach zogen viel Kritik, auch von Seiten der Athleten, auf sich. Wie sehen Sie das Thema?

Ich habe ein Stück weit Verständnis, die Entscheidung war wahnsinnig schwierig. Niemand hätte in dieser Situation gerne den Job von Thomas Bach gehabt. Gleichzeitig hätte ich mir eine andere Kommunikation gewünscht. Wenn man über die Überlegungen offener gesprochen hätte, hätten Öffentlichkeit und Sportler besser nachvollziehen können, welche Abwägungen da eine Rolle spielen. Das IOC war da von außen wie eine Blackbox. Für mich stand früh fest, dass ich da nicht mitmachen kann, sollten die Spiele stattfinden.

Haben Sie Gegenwind gespürt, gerade von Verbänden?

Ich habe durch die Bank positives Feedback bekommen, auch von Sportlern. Natürlich haben viele gehofft, dass eine überraschende Wendung im Pandemie-Verlauf eintritt.

Das zeigt, dass wir mehr erreichen können als noch vor ein paar Jahren.

Max Hartung zur Rolle der Athleten bei der Olympia-Verschiebung

Befeuert die Corona-Krise die Mündigkeit der Athleten gegenüber den Verbänden noch mehr?

Ich finde es schön zu sehen, dass sich viele Sportler Gedanken machen. Viele haben sich wahnsinnig gut informiert und differenzierte Haltungen entwickelt. Dass wir durch den Verein Athleten Deutschland und die aufgebauten Netzwerke in der Krise schnell Kommunikation ermöglichen, ist toll gewesen und zeigt, dass wir mehr erreichen können als noch vor ein paar Jahren.

Für Empörung sorgte, dass ein olympisches Box-Qualifikationsturnier in London Mitte März zunächst anlief. Im Nachhinein wurden Teilnehmer positiv getestet. Was sagt der Entschluss, dieses Turnier zunächst auszutragen, über den Stellenwert der Gesundheit der Athleten aus?

Das war eine Fehleinschätzung, ein Unterschätzen der Situation. Nicht nur vom IOC, sondern auch von Großbritannien. Denn anfangs wurden sogar noch Zuschauer zugelassen. Ich habe mit Nadine Apetz (deutsche Boxerin, d. Red.), die vor Ort war, gesprochen. Ich konnte es gar nicht glauben, dass die wie gehabt antreten mussten. Da waren Boxer und anfangs auch noch Zuschauer gefährdet.

Zeigt das nicht, dass im Bereich Athletenvertretung noch viel mehr passieren muss?

Das gilt eigentlich immer. Ich bin froh, dass das in der Krise sichtbarer wird. Im Säbelfechten zum Beispiel haben wir bei vielen Weltcup- und Grand-Prix-Turnieren keine adäquaten Möglichkeiten, um uns warmzumachen. Da muss man ständig improvisieren, um seine Gesundheit nicht zu gefährden.

Max Hartung

Gefragter Mann: Als Athletenvertreter ist Max Hartung derzeit viel am Hörer. imago images

Was bedeutet die Olympia-Verschiebung für die Finanzplanung der Athleten?

Natürlich gibt es Einzelfälle, die das hart trifft. In der Leichtathletik oder im Beachvolleyball leben viele von den Antritts- und Siegprämien. Ein Großteil ist durch Sporthilfe und Bundeswehr gefördert, so dass die meisten Sportler erst mittelbar betroffen sind, wenn etwa Sponsoren oder Vereine in Schieflage geraten. Am unmittelbarsten betroffen sind derzeit Profisportler in Ligen, die festangestellt sind bei Klubs. Die Sorgen gehen eher in eine andere Richtung.

Erzählen Sie, bitte.

Die Lebensplanung wird über den Haufen geworfen. Athleten sind zum Beispiel aus dem Job raus oder haben ihr Studium ausgesetzt, um sich auf Olympia konzentrieren zu können. Andere wollten ein letztes Mal zu den Spielen, danach heiraten und Kinder kriegen. Alle müssen neu justieren. Wichtiger ist die Frage: Wie kommt die Infrastruktur aus Sponsoren und Vereinen durch, in die wir eingebettet sind?

Was bedeutet die Verschiebung für Ihre Pläne?

Meinen Drei-Jahres-Plan muss ich neu basteln und sehen, ob mein Körper das bis 2021 mitmacht. Finanziell habe ich das Glück, über die Sporthilfe und meinen Hauptsponsor gut aufgestellt zu sein.

Gibt es bereits Gespräche mit der Sporthilfe, sollten Athleten doch reihenweise in Schwierigkeiten kommen?

Die Sporthilfe hat erstmal zugesagt, dass sie weiterbezahlt und für Einzelfälle individuelle Lösungen findet. Da bin ich zuversichtlich. Sollten Sportler in großen Mengen in existenzielle Nöte kommen, dann werden wir mit der Sporthilfe natürlich nochmal beraten und auf den Bund zugehen.

Interview: Benni Hofmann

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