Formel 1

Alessandro Zanardi: "Früher oder später geht die Sonne wieder auf"

Der Rennfahrer und Paralympics-Goldgewinner im Interview

Zanardi: "Früher oder später geht die Sonne wieder auf"

Alessandro Zanardi

Alessandro Zanardi bei den Paralympics 2016. imago images

Geografisch gesehen, Herr Zanardi, sind Sie in Italien mitten im Virus-Krisengebiet. Die erste und wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Uns geht es allen gut. Natürlich spüren auch wir die Auswirkungen dessen, was gerade passiert, aber unsere Gedanken und Gebete sind bei all den Leuten und Familien, die direkter gegen das Virus kämpfen. In all den Krankenhäusern, mit all den unterstützenden Menschen, den Pflegekräften, den Ärzten und so weiter. Wir haben das Gefühl, dass wir sehr viel Glück haben. Wir haben ein Haus, ich habe alle meine Trainingsgeräte hier, wir sind gesund - deshalb geht unser Gefühl, dass wir "leiden", nicht über ein akzeptables Maß hinaus.

Wie sieht Ihr Alltag im Moment aus?

Als jemand, der noch sportliche Ziele vor sich hat, kann ich mich jetzt mehr auf mein Training konzentrieren. Natürlich hätte ich mir nie gewünscht, dass so etwas passiert, aber in allem stecken immer verschiedene Aspekte. Nicht alles ist immer nur negativ und nicht alles ist immer nur positiv. Ich wache morgens auf und lege fest, um welche Uhrzeit ich trainieren werde. Ich plane also meinen Tag um mein Sportprogramm herum. Ich arbeite auch viel am Computer, bleibe beruflich mit den Leuten per E-Mail in Kontakt und bereite Sachen vor. Und bis vor Kurzem waren auch alle Vorbereitungen auf das wichtigste Ziel in diesem Jahr ausgelegt, was Tokio gewesen wäre. Nun muss ich natürlich alles überdenken, aber so, wie ich bin, werde ich kein Problem damit haben, ein neues Ziel zu finden, das ich anpeilen kann. Ich kann mich anderen Projekten widmen, und davon habe ich viele.

Aber eines Ihrer Ziele und Projekte ist jetzt Tokio 2021?

Nun, in meinem Alter entspricht aus sportlicher Sicht jedes Jahr einem Hundejahr, es ist wie sieben Jahre. Es ist schon eine Art Wunder, dass ich mir zum Ziel setzen konnte, kurz vor meinem 54. Geburtstag in Tokio anzutreten. Es wird noch schwieriger, dies ein Jahr später zu tun, wenn ich auf die 55 zugehe. Aber eines kann ich mit Bestimmtheit sagen: Was meinen Willen angeht, bin ich perfekt aufgestellt.

Ist die häusliche Isolation eine Herausforderung?

Ich muss sagen, dass ich vollstes Vertrauen habe in die Wissenschaftler, die das Problem studieren, und wir müssen ihnen glauben. Wir müssen selbst so gut helfen, wie wir können, und das bedeutet, jetzt zu Hause zu bleiben und zu versuchen, eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Denn jetzt lernen wir, dass die Zahl der Infizierten vielleicht zehnmal so hoch ist, wie wir noch vor ein paar Tagen dachten. Der einzige Weg, wie man schlimme Folgen verhindern kann, ist, sicherzustellen, dass alle zu Hause bleiben und die Ausbreitung des Virus so eingedämmt wird. Auf der anderen Seite haben wir in der überwiegenden Zahl der Fälle Kräfte in unserem Körper, die gegen das Virus kämpfen und diesen Kampf gewinnen können, so wie das bei anderen Virusinfektionen der Fall ist. Wir müssen also abwarten, wir müssen den Leuten vertrauen, die im Moment das Virus an vorderster Front bekämpfen, und einfach die Regeln befolgen, die die einzelnen Regierungen ihrer Bevölkerung vorgeben - so einfach ist das.

Alessandro Zanardi

Durch und durch Optimist: Alessandro Zanardi. imago images

Sie waren Ihr ganzes Leben lang ein Kämpfer, vor allem auch nach Ihrem Unfall 2001. Heute sind Sie eine Inspiration für viele Menschen. Möchten Sie Ihren italienischen Landsleuten und dem Rest der Welt in diesen schwierigen Zeiten etwas mit auf den Weg geben?

Zunächst will ich sagen, dass die Tatsache, dass ich im Laufe meines Lebens mit einigen schwierigen Situationen kämpfen musste, nicht bedeutet, dass mir diese Art Kämpfe Spaß machen (lacht). Ich würde Probleme lieber vermeiden. Aber: Immer, wenn du in deinem Leben ein Problem bewältigst, ist das eine Erfahrung, für die du neue, sagen wir Werkzeuge, entwickeln musst. Und wenn du diese Erfahrung hinter dir gelassen hast, können diese Werkzeuge vielleicht ein Teil deines Repertoires bleiben und dir helfen, weitere Probleme zu überstehen, die auf deiner Lebensreise unvermeidbar auf dich zukommen werden. Und ich kann beobachten, dass die Menschen bereits anders geworden sind. Ich kann beobachten, dass sie Dinge wiederentdecken wie den Sinn für Gemeinschaft, den Sinn für Freundschaft, den Sinn dafür, sich gegenseitig zu brauchen, um wirklich komplette Menschen zu sein. Denn wir sind nichts, wenn wir unsere Gefühle nicht ausdrücken können. Es liegt also nicht so sehr an Leuten wie mir, eine bestimmte Botschaft auszusenden. Die wahre Hoffnung ist, dass die Leute ab nun eine bessere Fähigkeit entwickeln, nach solchen Inspirationen zu suchen, zuzuhören, sich auf andere zu verlassen und anderen zu erlauben, ihnen zu helfen. Wir müssen sicherstellen, dass jeder aus dieser Erfahrung etwas Gutes lernt, dass wir all dies mit besseren "Werkzeugen" hinter uns lassen, um in unserem Leben weiterzumachen und ein besseres Leben zu leben.

Hilft Ihre positive Lebenseinstellung in solchen schwierigen Zeiten?

Die Gemeinsamkeit zwischen dem, wie ich diese Tage persönlich erlebe, und dem, was mir in einer anderen Phase meines Lebens passiert ist, ist die Fähigkeit, sich für die positiven Aspekte zu interessieren, die man immer in allem finden kann. Das hat mir ermöglicht, aus dem, was mir passiert ist, eine große Chance zu machen. Denn als ich meine Beine verloren habe, war ich, schon bevor ich herausgefunden habe, wo ich suchen muss und was ich finden kann, sehr zuversichtlich, dass ich im Geschehenen etwas Positives finden kann. Und das ist mir gelungen. Der positive Aspekt in den kleinen Einschränkungen, die ich im Moment habe, ist die Tatsache, dass das Telefon selten klingelt und ich nicht reisen muss - es sind sehr entschleunigte Tage. Und in dem vielbeschäftigten Leben, das ich normalerweise führe, genieße ich diese ruhige Phase, durch die ich gerade gehe, sogar etwas. Aber ich bin sicher, dass es noch sehr viel bessere Aspekte gibt, die wir, wenn wir neugierig genug sind, sammeln können, bewahren können oder als Ausgangspunkt für ein besseres Leben für uns alle nutzen können. Das Wichtige ist zum jetzigen Zeitpunkt, dass wir nicht in Panik verfallen, dass wir als Gemeinschaft handeln und die Vorgaben, die wir bekommen, wirklich befolgen. Wenn es der größte Tiefpunkt ist, dass wir noch einen weiteren Monat oder zwei zu Hause bleiben müssen, dann müssen damit umzugehen lernen. Früher oder später wird die Sonne wieder aufgehen, und dann wird Zeit für andere Dinge sein. Doch nun ist wichtig, dass wir diesen Feind auf die richtige Art und Weise überwinden.

Interview: Stefan Bomhard

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