Bundesliga

Ein halbes Jahrhundert Hertha: Di Martino kümmert sich sogar um Kopfkissen

kicker-Serie, Teil 7: Hertha BSC

Ein halbes Jahrhundert Hertha: Di Martino kümmert sich sogar um Kopfkissen

Nello di Martino

Seine große Liebe ist Hertha BSC: Nello di Martino. imago images

Der 22. November 2021 ist für Nello di Martino ein besonderes Datum. "An diesem Tag werde ich 70", sagt der Teamleiter von Hertha BSC. Und dann wäre seiner Meinung nach auch der Zeitpunkt passend zu überlegen, was dann passiert.

Di Martino ist bei Hertha das, was man ein Urgestein nennt. Im November 2021 wird er ein halbes Jahrhundert bei dem Klub tätig sein. "Ich habe die zweite Familie in Berlin gefunden", sagt er, "und deswegen bin ich über all die Jahre immer hier geblieben. Ich bin dem Verein dankbar, dass ich 50 Jahre dabei sein konnte." Damals, im Spätsommer 1971, war der aus Sorrent im Südwesten Italiens stammende Teenager Torhüter beim FC Rapallo in der drittklassigen Serie C. "Ich kannte damals einen bekannten italienischen Spielerberater, der mit Hertha-Präsident Wolfgang Holst befreundet war", erzählt di Martino, "ich hatte damals in Italien vier Monate kein Gehalt bekommen, ich war 19 Jahre alt und dachte mir: Mach das mal, wenn es nicht läuft, kannst du ja wieder zurückgehen."

Di Martino ging aber nicht mehr zurück. Ab Februar 1972 spielte er für die zweite Mannschaft von Hertha in der Amateur-Oberliga Berlin, aber bereits zwei Jahre später war die Karriere eigentlich vorbei. Bei einer Meniskus-Operation gab es Komplikationen und di Martino musste aufhören. Fortan verdingte er sich nun auf anderer Ebene. Co-Trainer, Betreuer, ab Ende der 1970er-Jahre Torwarttrainer und ab 2010 Teamleiter.

Werner Fuchs ist nicht betrunken

35 Trainer hat di Martino kommen und gehen sehen, viele von ihnen sind dem mittlerweile in Ehren ergrauten Teamleiter ans Herz gewachsen. Hans "Gustav" Eder (März bis Juni 1974, Oktober bis Dezember 1979, Mai bis Juni 1984 und Dezember 1985 bis Januar 1986), etwa, oder Georg Kessler (1974 bis 1977), den di Martino "einen großen Gentleman" nennt, und Kuno Klötzer (1977 bis Oktober 1979), der "eine Koryphäe" gewesen sei. Auch Werner Fuchs (Oktober 1988 bis November 1990) sei "ein großartiger Kerl" gewesen, mit dem er beispielsweise 1989 den Mauerfall erlebt habe. "Wir haben am 9. November noch trainiert. Und als ich abends zu Hause war, rief Werner mich an und sagte: Die Mauer ist offen", berichtet di Martino, "ich sagte zu Werner: Wir waren eben noch zusammen, da warst du nüchtern. Bist du betrunken? Dann sind wir los und wollten uns das anschauen, aber wir sind nicht weiter als bis zum Ernst-Reuter-Platz (in Charlottenburg/Anm. d. Red.) gekommen."

Doch nicht nur Trainer hat di Martino massenweise erlebt, sondern natürlich auch Spieler. Ein spezielles Auge hat der Ex-Keeper logischerweise auf die Torhüter gelegt und dabei viele gute im Hertha-Kasten gesehen. "Einer der besten war Volkmar Groß (von 1967 bis 1972, Anm. d. Red.)", sagt di Martino, "ohne den Bundesliga-Skandal wäre er auch besser als Sepp Maier geworden. Volkmar hatte alles. Norbert Nigbur (1976 bis 1979) war auch ein super Mann, ebenso wie später Gabor Kiraly. Als ich mit Gabor damals vor seiner Verpflichtung Probetraining gemacht habe, hat er sensationell gehalten. Gabor ist mit dem Körper in jeden Ball, und er ist aus dem Tor gekommen und hat die Bälle runtergefangen, wie man das heute kaum noch sieht."

Den Spielern war und ist di Martino Helfer in allen Lagen. Sein Jobprofil als Teamleiter umfasst die Administrative um die Mannschaft: das Begutachten und Buchen von Trainingslagern, Bundesliga-Hotels buchen, Flüge buchen, Züge buchen, Transfers vom Flughafen zum Stadion oder Hotel buchen. Oder auch die Schlafgelegenheiten der Spieler im Trainingszentrum organisieren. "Jeder tickt da ein bisschen anders", sagt di Martino, "manche etwa können ohne ihr eigenes Kissen nicht schlafen". Ein Tag auf dem Hertha-Gelände ist für ihn lang, "ich komme morgens um 8.30 Uhr und vor 19 Uhr gehe ich nicht nach Hause", sagt er. Doch der einstige Torhüter ist nicht nur der Mann, der den Profis das Trainings- und Spielumfeld gestaltet. Er hilft bei der Steuererklärung, beim Sky-Abo oder auch bei Bankangelegenheiten. "Ich hatte Fälle bei Hertha, da haben Spieler vergessen, nach dem Umzug die Daueraufträge auf ihre neue Bank umzustellen. Das Geld wurde vom alten Konto abgebucht, aber es kam kein Geld mehr rein. Dann mussten die Spieler große Summen auf einmal bezahlen, um das auszugleichen."

Unsere Sachen standen in Kartons vor der Kabine. Diesen Moment habe ich nie vergessen. Man hatte uns rausgeschmissen.

Di Martino über den Abstieg in die Oberliga

Herthas Mann für alle Fälle erledigt derlei Aufgaben nach wie vor mit ungebremster Hingabe. Die Alte Dame ist längst sein Leben, ein bewegtes, in dem er viel erlebt hat - Gutes wie Schlechtes. "Die beiden Finals im DFB-Pokal 1977 und 1979", nennt er als schönste Erlebnisse, "und natürlich die Champions-League-Saison 1999/2000 sowie die Aufstiege aus der 2. Liga in die 1. Liga." Aber es gab auch Enttäuschungen. Etwa der Abstieg in die drittklassige Oberliga Berlin im Jahr 1986. "Gleichzeitig ist Blau Weiß 90 in die Bundesliga aufgestiegen", erinnert sich di Martino, und als er mit dem VW-Bus zum Stadion gefahren sei, "um unsere Sachen abzuholen, standen die in Kartons vor der Kabine. Diesen Moment habe ich nie vergessen. Man hatte uns rausgeschmissen." Hertha musste nun ein Jahr durch die Oberliga tingeln, "wir haben in Rudow, Gatow und Lichterfelde gespielt und Blau Weiß spielte in der 1. Liga. Das war eine Zeit, die mich sehr geprägt hat."

Zusammenhalt ist auch das Wort, das di Martino als erstes einfällt, wenn er an die WM 2006 denkt. Herthas "Mädchen für alles" war damals als Teamleiter zur italienischen Nationalmannschaft ausgeliehen, in Zeiten, in denen der italienische Fußball vom Bestechungs-Skandal erschüttert war und etwa Juventus Turin in die 2. Liga zwangsversetzt wurde. "Die Probleme damals haben die Mannschaft unheimlich zusammengeschweißt", sagt di Martino, und so kam es für ihn nicht von ungefähr, dass Italien Weltmeister wurde - und das ausgerechnet in seiner zweiten Heimat, dem Berliner Olympiastadion.

Die Hertha-Leihgabe wird mit Italien Weltmeister

Ein Foto zeigt den "ausgeliehenen" Hertha-Teamleiter mit dem WM-Pokal, und noch heute unterhält er guten Kontakt zu den Protagonisten von damals. Auch den großen Giovanni Trapattoni nennt di Martino seinen Freund. Seine große Liebe ist allerdings Hertha BSC, und für seinen Posten will er "langsam einen Nachfolger anlernen und einarbeiten", sagt er. Di Martino selbst will natürlich weiter im Verein bleiben, wenn er seinen Posten abgibt. Wobei es niemanden wundern würde, wenn 2021 doch noch nicht Schluss ist.

(In einer Serie porträtieren wir besondere Spezialisten im Hintergrund der deutschen Profiklubs - vom Teambetreuer bis zur Yogatrainerin, vom Zeugwart bis zum Busfahrer)

Andreas Hunzinger

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