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Klein, fein und hochemotional: Uruguays 120-jährige Fußballgeschichte

La Celeste ist Uruguays größter sportlicher Stolz

Klein, fein und hochemotional: Uruguays 120-jährige Fußballgeschichte

Diese Fans drücken Uruguay die Daumen.

Stehen mit Inbrunst hinter ihrer Nationalmannschaft, der Celeste: die Fans Uruguays. picture alliance

Die Asociacion Uruguaya de Futbol, also der uruguayische Fußballverband, wurde am 30. März 1900 ins Leben gerufen. Genau 120 bewegende Jahre sind seitdem vergangen. In dieser Zeit hat auch das kleine am Atlantik gelegene Land im Süden Südamerikas - direkt unterhalb des großen Brasiliens und östlich neben Nachbar Argentinien gelegen - rein fußballtechnisch viel erlebt.

Die sportlichen Erfolge dieses stolzen Landes - Uruguay ist mit gerade einmal etwas mehr als 3,4 Millionen Einwohnern eine kleine Nation - können sich sehen lassen. Für die Himmelblauen, heimisch einfach als Celeste bezeichnet, stehen die Weltmeistertitel 1930 sowie 1950 und dreimal WM-Platz 4 zu Buche. Auch die Bilanz in der Copa America, die südamerikanische Kontinentalmeisterschaft, macht Eindruck: Mit 15 Titeln, der letzte 2011, rangiert Uruguay noch immer auf Rang 1 knapp vor Argentinien (14) und weit vor Brasilien (9). Zum Vergleich: Brasilien hat allein schon über 200 Millionen Einwohner, Argentinien 44 Millionen.

Der Aufstieg des "gallischen Dorfes"

Wenn also über den Erfolg des südamerikanischen Fußballs gesprochen wird, dann darf dieses Land nicht vergessen werden - Pelé, Ronaldo, Ronaldinho, Cafu, Diego Maradona, Gabriel Batistuta, Javier Mascherano, Lionel Messi im Lager der direkten Großmächte in der Nachbarschaft hin oder her.

Nimmt man sich allein der WM-Geschichte Uruguays an, so lässt sich schnell erahnen, was bereits hervorgebracht worden ist. Von exakt 2548 Toren, die bislang bei allen Weltmeisterschaften gefallen sind, entfallen genau fünf Treffer auf einen gewissen José Pedro Cea. Jener Cea hat seinem Land Uruguay den prägenden Fußballstolz eingeimpft. Der gefeierte Held führte seine Farben im WM-Halbfinale gegen Jugoslawien mit einem Dreierpack zum 6:1, ehe er im WM-Finale 1930 in Montevideo, angepeitscht von 80.000 fanatischen Anhängern, nach 1:2-Rückstand ausgerechnet gegen Argentinien den Siegeszug einleitete. Uruguay gewann 4:2 und krönte sich angeführt von Leitwolf und Defensiv-Stratege José Nasazzi zum ersten Weltmeister der Fußball-Geschichte - das alles nach den mit Titeln abgeschlossenen Olympischen Spielen 1924 und 1928.

Die Hauptstadt des Fußballs, sie lag damals ohne Zweifel in Uruguay. La Celeste, in den folgenden Jahrzehnten oft von den Nachbarländern Brasilien, Argentinien oder europäischen Größen in den Schatten gestellt, war damals auch dank Cea (insgesamt 13 Tore in 27 Länderspielen) eine Art Vorbild.

Schiaffino überstrahlt den starken Rest

Diego Forlan und Luis Suarez sind Sturmlegenden Uruguays.

Top-Stürmer bringt das kleine Fußballland Uruguay immer wieder hervor: Hier zeigen sich Diego Forlan (40, Karriere beendet) und Luis Suarez (33, FC Barcelona). picture alliance

Breit ist die Brust in dem kleinen, idyllischen Land, das insgesamt weniger Einwohner als Berlin hat. Dafür gesorgt hat auch der WM-Titel 1950, als ausgerechnet im Nachbarland Brasilien nach einem knappen 2:1 am 3. Spieltag der Finalrunde gegen die rivalisierte Seleçao die Trophäe in die Luft gestreckt werden konnte. Echter Leader in diesem triumphal erfolgreichen Team war Obdulio Varela, wie Nasazzi in den 20er und 30er Jahren das defensive Rückgrat in Uruguays Auswahl. Ein anderer Held in jenen Tagen: Juan Alberto Schiaffino. Der ehemalige Milan-Stürmer und Angreifer der AS Roma gilt für viele trotz eines José Leandro Andrade (WM-Titel 1930), Enzo Francescoli (dreimaliger Sieger bei der Copa America), Hector Pedro Scarone (WM-Titel 1930, viermaliger Sieger der Copa America) oder Pedro Petrone (WM-Titel 1930, 24 Tore und 29 Länderspielen) als bester uruguayischer Spieler aller Zeiten. Auch aktuelle Größen und "Volkshelden", wie der inzwischen 40-jährige Diego Forlan (Karriere beendet) oder die beiden in Salto, einer Stadt in der Provinz im Nordwesten Uruguays, geborenen Stürmer Luis Suarez (33, FC Barcelona) und Edinson Cavani (33, Paris Saint-Germain), kommen nicht ran.

Nachdem Schiaffino in der Vorrundenbegegnung gegen Bolivien bereits vier Tore beim 8:0-Sieg erzielt hatte, kam am 16. Juli 1950 sein großer Tag: Mit schier unglaublicher Geschwindigkeit schoss "Pepe" im alles entscheidenden Spiel gegen Brasilien eines der berühmtesten Tore der Geschichte. Nach Vorarbeit von Alcides Ghiggia, der später das 2:1-Siegtor erzielte, traf Schiaffino zum Ausgleich und leitete den großen Erfolg somit ein.

Die nächste Euphoriewelle schwappte durchs Land - und Schiaffino, Sohn eines italienischen Vaters und einer paraguayischen Mutter, wird seitdem von seinen Fans in Anspielung auf den Ort dieses Fußballwunders, dem Maracana-Stadion in Rio de Janeiro, einfach nur "El Maracanazo" genannt.

"Gott des Fußballs"

Nebenan in Brasilien gilt der in Italien mit dem Beinamen "Gott des Fußballs" bedachte Uruguayer, der 1954 übrigens für die damalige Weltrekordsumme und heutzutage spottbillig anmutende Ablöse von 72.000 englischen Pfund zu Serie-A-Traditionsklub Milan gewechselt war, bis heute als einer der "Hauptschuldigen" für die bittere Pleite.

Mit Pleiten musste Uruguay in der Zwischenzeit allerdings auch selbst klarkommen - auch wenn das Land weiter für Fußballexporte weltweit bekannt ist. Denn die automatisch durch die zwei WM-Titel geschürten Erwartungen konnten seither nicht immer erfüllt werden. Zu mehr als drei vierten Plätzen (1954 in der Schweiz, 1970 in Mexiko, 2010 in Südafrika) reichte es bislang nicht. Schlimmer gar: Die Celeste qualifizierte sich nicht für die Weltmeisterschaften 1958, 1978, 1982, 1994, 1998 und auch 2006 in Deutschland.

"El Matador" und "El Pistolero"

Tief verehrt wird die Nationalmannschaft trotzdem im eigenen Land, woran auch das 0:2 im WM-Viertelfinale 2018 gegen den späteren Champion Frankreich nichts geändert hat - das liegt schlich und ergreifend am fußballerischen Naturell: Die Spieler der Celeste rennen, kämpfen, ackern, werfen sich in schier jeden Zweikampf und lassen sich nichts gefallen. Höchste Emotionalität wird in an den Tag gelegt. Und auch das teils beinharte Verteidigen, was immer mal wieder an der Grenze zum tatsächlich Erlaubten wandelt, reißt die frenetischen Fans aktiv mit.

Für jedes Talent, das wir entdecken, zieht Brasilien zwölf oder 14 aus dem Hut.

Oscar Tabarez, Trainer von Uruguay

Und trotzdem ist Uruguay, dessen Rekordspieler Maxi Pereira (125) und Diego Godin (136) sind, auch zu Schönheit fähig. Dafür sorgen neben vielversprechenden Mittelfeldspielern wie Matias Vecino (Inter Mailand) oder Rodrigo Bentancur (Juventus), in erster Linie aber natürlich das aktuelle Sturmduo bestehend aus "El Matador" Cavani (Paris Saint-Germain) und "El Pistolero" Suarez (FC Barcelona) - beides legitime Nachfolger von Kultfigur Forlan (u.a. Atletico Madrid).

Oscar Tabarez ist Trainer der Nationalmannschaft Uruguays.

Betreut die uruguayische Nationalmannschaft seit 2006: Oscar Tabarez (73). picture alliance

Der Baumeister des jüngsten Erfolgs ist im Übrigen Oscar Washington Tabarez, der 2006 das Amt des Nationaltrainers übernommen hatte und Uruguay seither wieder verstärkt auf Kurs brachte. Bei Länderspielen steht Tabarez, der aktuell wegen der Coronavirus-Pandemie mitsamt allen anderen angestellten Trainern im uruguayischen Verband vorübergehend entlassen ist, zwar kaum mehr richtig aktiv an der Seitenlinie - er leidet an einer Erkrankung des peripheren Nervensystems, geht auf Krücken oder muss sogar einen Rollstuhl benutzen. Doch "El Maestro" genießt Kultstatus, unter den Spielern nimmt der heute 73-Jährige eine Art Vaterrolle ein - vielleicht auch deshalb, weil sich der erfahrene Coach selbst nicht allzu wichtig nimmt. "Ich bin kein großer Trainer, nur die Spieler zählen", so nur ein Zitat des Altmeisters.

Ein anderes, welches das Außenseiterdasein der Celeste in Südamerika unterstreicht: "Zum Glück rücken immer wieder neue Spieler nach, was fast einem Wunder gleicht. Denn für jedes Talent, das wir entdecken, zieht Brasilien zwölf oder 14 aus dem Hut. Das Gleiche gilt für Argentinien. Wir müssen unseren Weg gehen." Den uruguayischen Weg eben.

mag

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