Bundesliga

Andreas Rettig: "Die Klubs dürfen nicht in der Not ihre Seele verkaufen"

kicker-Gastbeitrag von Andreas Rettig

"Die Klubs dürfen nicht in der Not ihre Seele verkaufen"

Andreas Rettig

War bis Herbst Geschäftsführer des FC St. Pauli: Andreas Rettig. imago images

Von Andreas Rettig

Was können Fußball und Politik wechselseitig voneinander lernen? In diesen Tagen ist es angezeigt, nochmals in Erinnerung zu rufen, dass sich an der Richtigkeit des Satzes "Gesundheit steht über allem" nichts, überhaupt nichts geändert hat. Auch wenn der (wirtschaftliche) Leidensdruck täglich größer wird, darf Gesundheit nicht gegen Wirtschaft ausgespielt werden. Oder ist der Schutz der Risikogruppen in 14 Tagen weniger bedeutsam als heute oder gestern? Dies vorangestellt zu einigen Überlegungen und Einschätzungen:

1. Solidarität

Dieser Tage wird dieser Begriff etwas inflationär benutzt und durchaus unterschiedlich interpretiert. Meines Erachtens sollte Solidarität zunächst nach innen praktiziert und gelebt werden. Damit meine ich, alles Vertretbare zu unternehmen, um die Arbeitsplätze im eigenen Haus zu sichern. Dies wird sich auch perspektivisch positiv auswirken, bleibt doch Arbeitnehmern in Erinnerung, wie mit ihnen in der Krise umgegangen wurde.

Dass viele Profis bereits durch Gehaltsverzicht ein positives Zeichen gesetzt haben, ist lobenswert und hilft vielen, sich weiter ihrem Klub, aber auch dem Fußball verbunden zu fühlen. Erst wenn alle vertretbaren innerbetrieblichen Maßnahmen einen "wirtschaftlich gesunden" Klub nicht mehr über Wasser halten, darf er auf die Unterstützung seiner Wettbewerber hoffen, anders als dies in der Realwirtschaft möglich wäre.

Unterstützungsmaßnahmen zur Aufrechterhaltung des Wettbewerbs sind im ureigenen Interesse der "Geber-Klubs" und der Verbände.

Die Werthaltigkeit aller 306 Bundesligaspiele ergibt sich dadurch, dass jedes einzelne wichtig für die Ermittlung der Tabelle und damit für den Wettbewerb insgesamt ist. Deshalb sind Unterstützungsmaßnahmen zur Aufrechterhaltung des Wettbewerbs im ureigenen Interesse der "Geber-Klubs" und der Verbände.

Große Sorgen machen sich derzeit viele um die 3. und 4. Ligen. Hier sind pragmatische Hilfestellungen, wie es beispielsweise die Politik durch direkte Zuschüsse - und keine Darlehen abhängig von Beschäftigungszahlen - in vorbildlicher Weise getan hat, von enormer Bedeutung. Dass der gemeinnützige Verband (DFB e. V.) nicht den Geschäftsbetrieb der semiprofessionellen Vereine unterstützen darf, sollte in Zeiten, in denen zum Beispiel das Insolvenzrecht kurzzeitig außer Kraft gesetzt wurde, mit Hilfe von Finanzverwaltung und Politik möglich sein.

Hier könnte eine direkte Unterstützung durch den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb des DFB eine Möglichkeit sein, ohne Schaden für die Gemeinnützigkeit den Wettbewerb in den vom DFB organisierten Ligen aufrechtzuerhalten. Dies würde zweifellos auch auf den Werbewert des DFB, der Nationalmannschaft und damit auf künftige Erträge des wirtschaftlichen Geschäftsbetriebes einzahlen.

Auch wenn die 20-Millionen-Unterstützung der vier Teilnehmer an der Champions League lobenswert ist...

Auch wenn die Politik in diesen Tagen in erster Linie Lob für ihr entschlossenes und pragmatisches Handeln verdient, stellt das Wetteifern einiger Ministerpräsidenten um die öffentlichkeitswirksamsten Maßnahmen die Geschlossenheit der 16 Bundesländer auf die Probe. Ebenso die für die Klubs wettbewerbsverzerrenden Bestimmungen in Bezug auf Trainingsmaßnahmen, die unterschiedlich ausgelegt werden. Hier haben es die 36 Profiklubs bislang geschafft, durch Geschlossenheit ein gutes Bild abzugeben.

Auch wenn die 20-Millionen-Unterstützung der vier Teilnehmer an der Champions League lobenswert ist: Die unterschiedliche Verteilung der Medienerlöse und die völlig überzogenen Zahlungen in der Champions League verstärken den Ruf, zeitnah alles wieder auf ein vertretbares Maß zurückzufahren. Erst dann gewinnt die Managementqualität der Klubs wieder eine noch größere Bedeutung.

2. Systemrelevanz

Natürlich ist der Wirtschaftsbereich Profifußball mit knapp fünf Milliarden Euro Umsatz und ca. 55.000 Arbeitsplätzen gesamtwirtschaftlich gesehen zu vernachlässigen. Auch wenn er keinen direkten ökonomischen Beitrag zur Systemerhaltung leistet, gewinnt er durch jeden Tag des derzeitigen Kontaktverbotes und damit einhergehender sozialer Isolation an Bedeutung. Dann kann auch ein verpöntes Geisterspiel wieder ein Ereignis sein, auf das man sich freut und über das geredet wird.

Da kein Zeitpunkt absehbar ist, an dem das normale Leben wieder beginnt, kann bei abnehmenden Restriktionen die Austragung dieser Geisterspiele einen Beitrag zur Zerstreuung und damit für das Wohlbefinden der Menschen leisten. Dies wäre ein Argument, dem Profifußball seitens der Politik eine Sonderstellung einzuräumen, stellt er doch den vielzitierten Kitt der Gesellschaft dar... Bis dahin wünsche ich mir ein wenig mehr Kreativität der Sportsender im Umgang mit dieser Krise.

3. 50 plus 1

Von interessierter Seite wurde dieser Tage eine Lanze für Investorenklubs gebrochen. Diese würden die Krise besser meistern können und wären damit das Zukunftsmodell. Bei dieser These wird unterstellt, dass Investorengelder, losgelöst von gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen, unbeschränkt zur Verfügung stehen. Dies dürfte zumindest in Deutschland mit Blick auf die Werksklubs und die Bedeutung der Betriebsräte nicht uneingeschränkt umsetzbar sein.

Auch hier gibt es eine Parallele zur Politik. So äußerten namhafte Politiker ihre Sorge, die deutsche Wirtschaft könnte vor einem Ausverkauf stehen. Am Boden liegende Aktienkurse dürften nicht das Einfallstor für renditeorientierte Investoren mit geringem sozialen Gewissen und etwaige Übernahmen werden. Genauso wenig dürfen die nach jedem Strohhalm greifenden Klubs die sozialen, kulturellen und historischen Wurzeln und damit ihre Seele in der Not verkaufen. Die emotionale Bindung von Vereinsmitgliedern durch Mitbestimmung und Teilhabe ("mein Verein") lässt eine höhere Unterstützung erwarten als bei einem "Investorenklubs".

Als überzeugter Europäer sehe ich die (leider notwendigen) Maßnahmen der Abschottung innerhalb des Schengener Abkommens mit Sorge und hoffe, dass die europäischen Ligen durch gegenseitige Rücksichtnahme und Unterstützung ihren Beitrag zur Erhaltung des verbindenden Europas weiterhin leisten.

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