2. Bundesliga

Markus Anfang erinnert an Jogi Löw - und spricht über Arbeit "ohne ein wirkliches Ziel"

Trainer im Wartestand spricht über die Schwierigkeiten in der Corona-Krise

Anfang erinnert an Löw - und spricht über Arbeit "ohne ein wirkliches Ziel"

Markus Anfang ist Trainer und aktuell ohne Job.

Hat bereits bei Bayer 04 Leverkusen (U 17), Holstein Kiel und dem 1. FC Köln trainiert: Markus Anfang. imago images

Sind Sie froh, in diesen Tagen nicht als Cheftrainer etwas organisieren zu müssen, was angesichts der Ungewissheit kaum zu organisieren ist, Herr Anfang?
Nein, ich wäre froh, wenn ich meinen Job ausüben könnte! Ich glaube, da sind wir Trainer alle gleich. Die Hände sind gebunden und es ist für alle schwierig. Und trotzdem stünde ich gerne in der Verantwortung, aktiv irgendwo mitzuhelfen. So bleibt mir nur die Rolle des Beobachters, was hier und da passiert.

Sie sehen, wie sich die Klubs unterschiedlich verhalten. Vom Individualtraining zu Hause bis zum Kleingruppentraining reicht die Spanne. Was bevorzugen Sie?
Jeder versucht natürlich das Bestmögliche, aber über allem muss stehen: Die Gesundheit ist zu schützen, sie darf nicht gefährdet werden. Und deshalb müssen wir uns an die Vorgaben halten, die für alle Bürger gelten. Das ist unsere Pflicht als Fußballer gegenüber der Allgemeinheit. Wenn in diesem Rahmen die Chance besteht, als Fußballtrainer auf den Platz zu gehen und vielleicht mit vier Leuten in einer Gruppe mit dem Ball bestimmte Situationen nachzustellen, ist das natürlich hilfreich. Ansonsten gilt es, vieles aus der Distanz zu steuern.

Mit wem arbeitet man da intern und extern zusammen?
Immer mit Kollegen, mit denen man sich austauscht. Im Klub aber sicher erst einmal mit allen, die zum Trainerstab und Funktionsteam gehören - Doktor, Physios, Torwarttrainer. Mein Assistent zuletzt in Köln etwa, Florian Junge, hat Training in der Schule mit Spielern aus dem Leistungszentrum, die dafür vom Unterricht befreit werden, organisiert. Er hat somit gute Kenntnisse, was sinnvolles Kleingruppentraining angeht. Man muss das alles nutzen. Der Athletiktrainer unterdessen sollte viel im Bereich Stabilisation machen, als Vorbereitung der Spieler darauf, dass womöglich einmal schnell aufeinanderfolgende Spiele anstehen.

Markus Anfang ist Trainer.

Hält sich aktuell in der Corona-Krise fit - und denkt sowohl an die Familie als auch an die Mitmenschen: Markus Anfang. imago images

Helfen auch Erfahrungen und Trainingspläne aus der üblichen Saisonvorbereitung?
Eher wenig. Der große Unterschied ist halt, dass die Jungs nicht aus dem Urlaub kommen und jetzt in eine Vorbereitung starten. Sie haben eine gewisse Form und einen Leistungsstand, den es zu erhalten gilt. Sie sind in der Wettkampfphase - und da sollen sie auch drinbleiben. Nur, aus der Quarantäne ins Stadion - das geht nicht. Genau genommen bräuchte man die sportartspezifische Belastung vor einem Wettkampf. Zugleich darf der präventive Aspekt nicht zu kurz kommen, wenn man die erwähnten Spiele in kurzer Abfolge erwartet. Aber man arbeitet momentan ehrlich gesagt zielführend, ohne ein wirkliches Ziel zu haben - das ist schon außergewöhnlich.

Was ist abseits des Trainings auf Distanz möglich, um die Spieler im Netz nicht nur ihren Accounts in den sozialen Medien, irgendwelchen Challenges oder dem FIFA-Zocken zu überlassen?
Nun, man kann die digitalen Möglichkeiten schon ganz gut nutzen. Als Trainer kannst du der Mannschaft anhand von zugesendeten Videosequenzen deine Spielidee näherbringen, einzelne Spieler mit bestimmten Szenen von ihnen und von der betreffenden Position versorgen und alles telefonisch oder im Chat besprechen. Über Skype lassen sich auch gut theoretische, taktische Einheiten absolvieren. Und es besteht natürlich die Chance, anhand von Bildmaterial noch einmal mit den einzelnen Spielern zu schauen, zu analysieren und zu überprüfen, wie es bisher in der Saison gelaufen ist, um möglicherweise nachzusteuern.

Dieser Fußball ist in diesen Tagen nur die eine Sache. Die eigene Familie, aber beispielsweise auch der 80-jährige Nachbar, dem ich wünsche, dass er weiterhin gesund die Runden mit seinem Hund drehen kann, sind in diesen Zeiten schon das Wichtigste.

Markus Anfang

Lohnt es sich, auch schon Matchpläne zu entwerfen und konkrete Vorbereitungen für die jeweiligen noch ausstehenden Gegner anzustellen?
Alles ist denkbar. Aber aus meiner Sicht macht es am meisten Sinn, sich mit dem eigenen Spiel und dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, stabil in den eigenen Abläufen zu sein.

Was wäre für Sie die praktikabelste Lösung, um überhaupt den Spielbetrieb in dieser Saison ordentlich zu Ende zu bringen?
Immer unter Berücksichtigung der Gesundheit und der Verantwortung der Gesellschaft gegenüber: Spiele innerhalb weniger Tage, eventuell in englischen Wochen, wären vielleicht eine Möglichkeit, auch wenn es Geisterspiele sein müssten und man sich das lieber anders wünscht. Aber inzwischen würden sich vermutlich viele freuen, wenn überhaupt wieder gespielt werden könnte. Und vielleicht könnte der Fußball zu gegebener Zeit mit dem wieder anlaufenden Betrieb ja auch ein emotionales, moralisch wichtiges Zeichen aussenden: Seht her, es geht Schritt für Schritt wieder in Richtung liebgewonnene Normalität!

Hatten Sie als Spieler oder Trainer in Ihrer Karriere jemals eine annähernd ähnliche Situation zu bewältigen?
Nicht in diesem Ausmaß. Aber als Spieler in Österreich hatten wir bei unserem dritten Titelgewinn mit dem FC Tirol 2001/02 die Situation, dass wir sechs Monate lang kein Gehalt bekamen. Jogi Löw war im Oktober als Trainer verpflichtet worden und war mehr damit beschäftigt, in dem wirtschaftlichen Chaos zu vermitteln. In jener Situation sind wir ganz eng zusammengerückt, haben zusammengelegt für die Physios, die Betreuer und so weiter. Das hat uns unglaublich zusammengebracht und stark gemacht. Wir holten die Meisterschaft und haben bis heute noch viel Kontakt miteinander.

Markus Anfang ist Trainer.

Ist am 27. April 2019 beim 1. FC Köln trotz damaliger Zweitliga-Tabellenführung entlassen worden - und seitdem ohne Job als Trainer: Markus Anfang. imago images

Spiele besuchen oder bei Kollegen zu hospitieren fällt derzeit aus - wie verbringen Sie als Trainer im Wartestand gerade selbst die Zeit, um auf der Höhe zu bleiben?
Ich nutze alles, was an Möglichkeiten bleibt: Medien, Aufnahmen von Spielen schauen, persönliche Aufzeichnungen und Analysen ordnen, die sich in den vergangenen Monaten gesammelt haben. Und ich halte mich selbst fit, gehe regelmäßig laufen, um das eigene Immunsystem stark zu machen. Doch ganz klar: Dieser Fußball ist in diesen Tagen nur die eine Sache. Die eigene Familie, aber beispielsweise auch der 80-jährige Nachbar, dem ich wünsche, dass er weiterhin gesund die Runden mit seinem Hund drehen kann, sind eben gerade in diesen Zeiten schon das Wichtigste.

"Dieser Fußball" - wird er sich verändern?
Er hat sich ja schon verändert! Jeder entschleunigt, rückt im übertragenen Sinne enger mit seinen Mitmenschen zusammen, vieles wird überdacht. Für den Moment hinterlässt die Krise deutliche Spuren. Der Fußball selbst wird überleben, er weckt Leidenschaft und Glücksgefühle bei den Menschen. Was mit dem Profigeschäft mittel- und langfristig wirtschaftlich passiert - wer weiß das schon? Das ist heute schwer abzusehen angesichts der vielen Fragen zu Sponsoren, Fernsehsendern, den Fans als Konsumenten, also zu all den Komponenten, von denen die Branche abhängig ist.

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