2. Bundesliga

FCN-Mentalcoach Berthold: Eine Hardrock liebende Ski-Ikone für die stillen Töne

kicker-Serie, Teil 13: 1. FC Nürnberg

FCN-Mentalcoach Berthold: Eine Hardrock liebende Ski-Ikone für die stillen Töne

Mathias Berthold

Betreut statt Weltklasseskifahrern nun Zweitliga-Fußballer: Nürnbergs Mentaltrainer Mathias Berthold. imago images

Würden die persönlichen Erfolge des Trainer-und Funktionsteams in die Abschlusstabelle miteinfließen, bräuchte sich der 1. FCN keinerlei Gedanken mehr über den Klassenerhalt machen. Mit Mentaltrainer Mathias Berthold hat der Traditionsverein nämlich seit dem vergangenen September einen Mann in seinen Reihen, der zig-Weltcupsiege wie auch etliche olympische Medaillen vorzuweisen hat.

Ein Medaillenschmied im Skiport

Der 54-jährige Österreicher ist einer der erfolgreichsten Männer in der Skiwelt der Neuzeit überhaupt. Er arbeitete mit Stars wie Lindsey Vonn, Maria Riesch, Marcel Hirscher oder Felix Neureuther zusammen und produzierte vor allem beim österreichischen wie auch beim deutschen Skiverband Erfolge am Fließband. Selbst gewann der gebürtige Vorarlberger aus dem Montafon im Slalom den Europapokal und wurde 1993 in der US-Profiserie Weltmeister. Im Frühjahr des vergangenen Jahres hat er als Verantwortlicher des DSV-Herrenteams dem Skisport nach 23 Jahren als Trainer Adieu gesagt, um sich als Mentalcoach und Persönlichkeitsentwickler selbstständig zu machen.

Ein abrupter freiwilliger Abgang, der viel über den aus dem 1423 Meter hoch gelegenen Dorf Gargellen stammenden Mann aussagt: Konventionell im Strom mitzuschwimmen, ist noch nie sein Ding gewesen - bewusst die Komfortzone zu verlassen hingegen schon. Siehe seine Wechsel in den vergangenen Jahren: Nach vier höchst erfolgreichen Jahren bei den DSV-Damen ging er 2010 zurück zu den Österreichern als Herren-Renndirektor. Nun muss man wissen, dass es in der Alpenrepublik in den Wintermonaten fast nichts Wichtigeres gibt als die Frage, ob und wie erfolgreich die Ski-Heroen sind - und erfolgreich ist mit Platz 1 klar und eng definiert. Eine Siegesdurststrecke in der Abfahrt kommt dort ähnlich gut an wie hierzulande ein Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft bei einer WM.

Mathias Berthold, Felix Neureuther (re.)

In seinem alten Element: Berthold (li.) 2016 im Gespräch mit Felix Neureuther. imago images

Vier Jahre lang übte Berthold jene spannende Funktion aus, ehe er zurück zum DSV ging, um sich ausgerechnet den mit Ausnahme von Neureuther weit der Weltspitze hinterherfahrenden Herren anzunehmen. Zusammen mit Christian Schwaiger reanimierte er die komplett am Boden liegende Speed-Fraktion und feierte mit Josef Ferstl sowie Thomas Dreßen in Kitzbühel, dem Wimbledon des Skisports, zuvor für unmöglich erachtete Siege in Super-G und Abfahrt.

Berthold und der "verrückte" Fachwechsel

Berthold behielt also recht, denn den Wechsel konnte damals im Ski-Zirkus so gut wie keiner nachvollziehen. Bei seinem kompletten Rückzug von rund einem Jahr hat es sich übrigens nicht anders verhalten. Siehe nur DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier. Der fragte ihn spontan, ob er einen Vogel hat.

Ein anderer Wegbegleiter von ihm indes war begeistert, als er Monate später von Bertholds Engagement beim FCN erfuhr: Die Rede ist von "Fußballfan" Neureuther, der selbst für den 1. FC Garmisch-Partenkirchen auf Torjagd ging und als eingefleischter Bayer stets auch dem "Club die Daumen drückt". Der langjährige Weltklasse-Slalom-Spezialist gratulierte den Franken und war sich sicher, dass Berthold ihnen helfen werde. "Menschlich ist er genial - und er hat das Gespür für Athleten, er weiß ganz genau, wie er jeden anzupacken hat", schwärmte Neureuther. Vorschusslorbeer, der sich beim Bundesliga-Absteiger rein tabellarisch nicht niedergeschlagen hat - hinzu kommt der Umstand, dass der FCN in dieser Saison bislang nicht durch Stabilität wie auch Konstanz aufgefallen ist. Andererseits lässt sich dies aber auch schwerlich am Mentaltrainer festmachen.

Lukas Mühl (li.), Mathias Berthold

Beliebt im Team: Berthold - hier mit Lukas Mühl (li.) - blieb beim Club auch nach dem Trainerwechsel im Amt. imago images

Was indes eindeutig für den Österreicher spricht, der einen Studiengang in Sportpsychologie absolviert und ein Buch mit dem Titel "Positives Denken allein genügt nicht" veröffentlicht hat: Die Mannschaft hat sich im November ausdrücklich für ihn ausgesprochen, als Trainer Damir Canadi gehen musste. Dieser, einst unter anderem beim Vorarlberger Verein FC Altach tätig, war es nämlich, der Berthold zum Club lotste. Somit wäre es naheliegend gewesen, dass mit Canadis Aus auch Bertholds Uhr beim FCN abgelaufen wäre.

Mannschaft votierte für Berthold

Aufgrund des Votums der Spieler ist aber alles beim Alten geblieben: Der Mentaltrainer, der offiziell dem Trainerteam nicht angehört, arbeitet unverändert auf Honorarbasis für den Club, wenn Bedarf ist. Dies bedeutete im Trainingsalltag vor COVID-19 konkret, dass der 54-Jährige mindestens drei Tage in Nürnberg verbrachte. Im Training wie im Spiel beäugte er jeden Spieler, achtete penibel auf ihre Körpersprache, ihren Einsatz und ihre Motivation. "Wenn mir etwas auffällt, hole ich die Spieler zu mir. Einzeln, in Gruppen oder als gesamtes Team", so Berthold. In diesem Fall war auf dem Trainingsplatz zu sehen, wie er Ruhe ausstrahlend beschwörend wie eindringlich auf seine Schützlinge einredete, ohne je laut zu werden.

In seinem früheren Leben war dies noch anders, da schlug er, der mit der schottischen Band Nazareth befreundete Hardrock-Liebhaber, mitunter sehr wohl die lauten, emotionalen Töne an. Klar, jede Aufgabe hat ihre speziellen Erfordernisse. Und so hat er den Club-Spielern für deren Quarantäne-Zeit eine App an die Hand gegeben, die meilenweit von harten Gitarren-Riffs entfernt war. In ihr drehte es sich es ausschließlich um die Themen Konzentration, Atmung und Meditation.

(In einer Serie porträtieren wir besondere Spezialisten im Hintergrund der deutschen Profiklubs - vom Teambetreuer bis zur Yogatrainerin, vom Zeugwart bis zum Gastwirt)

Christian Biechele

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