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Zoltan Sebescen: "Der Fußball wird mich nicht mehr loslassen"

Comeback nach 15 Jahren

Zoltan Sebescen: "Der Fußball wird mich nicht mehr loslassen"

Zoltan Sebescen

Hat beim TV Unterboihingen ein spätes Comeback gefeiert: Ex-Nationalspieler Zoltan Sebescen Imago

Nein, auch im Gespräch mit Zoltan Sebescen lassen sich die aktuellen Umstände nicht leugnen. Er arbeitet für Decathlon, einer Einzelhandelskette für Sportbedarf, die wie fast die ganze Republik in der letzten Woche ihre Türen vorerst schließen musste. Doch damit, den Schlüssel im Schloss umzudrehen, ist es nicht getan. So ist er unterwegs, sicherheitsrelevante Maßnahmen im Filialnetz abzuarbeiten. Der Shutdown als komplexer Prozess.

Sebescen sitzt also im Auto, soll die Gegenwart kurz beiseite schieben und erzählen, warum er sich als inzwischen 44-Jähriger wieder mit 19-Jährigen misst. Er tut das seit Ende 2019 beim TV Unterboihingen, einem Kreisliga-Verein aus Wendlingen, auf dessen Gelände die Mohnblumen sprießen. Dass ehemalige Profis ihre Karriere bei kleinen Vereinen ausklingen lassen, ist nichts Ungewöhnliches. Sebescens Name allerdings war über 15 Jahre lang nicht mehr auf einem offiziellen Aufstellungsbogen zu lesen - bis er plötzlich wieder in einem Punktspiel auf dem Feld auftauchte und zum Einstand gleich traf.

Diese Ex-Profis kicken jetzt im Amateurfußball

Zwar sei es nicht so gewesen, rekapituliert Sebescen, dass er in den letzten Jahren gar keinen Sport gemacht hat. Viel gelaufen sei er, auch auf Anraten der Ärzte, denn "Stillstand ist für jedes Gelenk der Tod." Doch daran, selbst wieder gegen den Ball zu treten, dachte er lange nicht. Wenig verwunderlich, ging seinem Karriereende doch eine ziemliche Leidensgeschichte voraus: Ein unentdeckter Zeckenbiss, eine Borreliose-Erkrankung, andauernde Beschwerden dort, wo es für einen Fußballer am heikelsten ist: Im Knie. Nach sieben Operationen war für ihn im Jahr 2004 Schluss.

Angefangen hat sein sanftes Comeback im vergangenen Jahr, als er das erste Mal für die Traditionsmannschaft von Bayer 04 Leverkusen auflief. Er spielte ein, zwei Turniere im Sommer, "dann ging es zur Deutschen Meisterschaft in Berlin", erinnert er sich. Blut geleckt habe er da, "es hat mir einfach sehr, sehr viel Spaß gemacht." Nur eines wurde ihm bewusst: "Dass ich körperlich nicht wirklich fit bin."

"Es ist die Sportart, die ich einfach so sehr liebe"

Hatten mehrere Mitarbeiter und Freunde, die beim TVU aus der Kreisliga A1 Neckar/Fils aktiv sind, zuvor schon bei ihm angefragt, war nun also die Zeit gekommen. Er ging mit. Das Knie lasse das im Moment auch zu: "Ich trainiere ja keine sechsmal. Wenn es klappt, bin ich einmal in der Woche dabei, erklärt er, "auch wenn sich nach jedem Training der Schmerz und die Schwellung ein bisschen melden." So gebe es durchaus auch Tage, "an denen ich sage: Leute, heute geht's einfach nicht."

Es gibt Bilder von seinem Liga-Comeback: Sebescen trägt die ehemals halblangen Haare locker gescheitelt, dazu einen altersgerecht melierten Bart, Lachfalten um die Augen. Man kann anerkennen, dass da einer auf eine beneidenswerte Art altert. "Ich habe keinerlei Ambitionen, zu sagen, ich muss in jedem Training dabei sein, jedes Mal spielen," sagt er. Doch was sich in ihm verfestigt hat: "Es ist die Sportart, die ich einfach so sehr liebe."

"Ich lasse mir das nicht kaputtreden"

Sebescen ist 1975 in Ehingen geboren, seine Vorfahren stammten von einer ungarischen Minderheit in Serbien ab. Am Telefon spricht er ruhig und überlegt, seine Worte runden die Eindrücke ab, die man von den jüngsten Aufnahmen erhält. Da scheint ein Mensch in sich zu ruhen. Tatsächlich scheint er, angesprochen auf seine Karriere, mit verpassten Gelegenheiten nicht zu hadern. Auch nicht mit diesen ersten und zugleich letzten 45 Minuten für Deutschland kurz nach der Jahrtausendwende.

Es ist die Zeit Erich Ribbecks, Uli Stielikes und dessen Sakko in Großkaro, Fußballdeutschland blickt mit zusammengekniffenen Augen auf diese so schlingernde Nationalmannschaft, deren Wege auch Sebescen kreuzt. Im Testspiel gegen die Niederlande durfte er, damals bei seiner ersten Bundesliga-Station VfL Wolfsburg und als erster Wolfsburger der Geschichte überhaupt, überraschend von Beginn an ran, nach einer Halbzeit aber war Schluss. Zwei Gegentore fielen über seine Seite. Kommentator Gerd Rubenbauer ließ kein gutes Haar an ihm, in der "Harald Schmidt Show" löste Zoltan Sebescen Angela Merkel bei der Auszeichnung zum "Liebling des Monats" ab.

Wie ist es, den eigenen Namen mit dieser einen ambivalenten Sache verknüpft zu sehen? Er könne nur das wiederholen, sagt Sebescen, was er in den vergangenen Jahren schon sehr häufig erzählt habe, "es war für mich wahrscheinlich das größte Spiel meiner Karriere, und ich lasse mir das auch von niemandem kaputtreden." Sechs Jahre sei er alt gewesen, als er seinem Vater das erste Mal erzählt habe, er werde "natürlich Nationalspieler", er habe sehr lange und sehr hart dafür gearbeitet, wie viele Spieler in Deutschland, die gerne ein Spiel mit dem Bundesadler auf der Brust gemacht hätten "- und ich hab's hinbekommen. Dass dieses Spiel sportlich von mir nicht gut war, das weiß ich auch. Aber es war einfach ein ganz großes Highlight in meiner Karriere."

Gegen Real im Finale

Ohnehin war Sebescens Laufbahn vollgestopft mit so viel mehr: Vor allem das Jahr 2002 war historisch - für ihn wie für seinen zweiten Bundesligaverein Bayer Leverkusen. Mitte Mai lief er in einer Reihe mit Lucio, Ballack, Schneider, Neuville in den ausverkauften Hampden Park ein. Nebenan im Spalier: Zidane, Raul, Roberto Carlos, Figo. Das Champions-League-Finale, in dem er nach 65 Minuten aus taktischen Gründen Ulf Kirsten weichen musste, verlor er mit Bayer zwar 1:2, dennoch "war das ein riesengroßes Spiel in einem riesengroßen Jahr. Leider - und das ist im Fußball eben so - erinnert man sich an zweite Plätze nicht."

So ganz gilt das natürlich nicht für das Leverkusen des Jahres 2002: Bayer verlor nicht nur das CL-Finale, sondern zuvor auch das DFB-Pokal-Endspiel und die sicher geglaubte Meisterschaft, es war die Geburtsstunde 'Vizekusens'. "Mit viel Pech und teilweise auch mit Unvermögen haben wir da zwar viel verspielt", erinnert sich Sebescen, "doch sportlich war es sicher eines der größten Jahre überhaupt für den Verein."

Was Sebescen zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt: Zwei Jahre später wird seine Laufbahn vorbei sein. Gerade einmal 29 Jahre ist er alt, als er 2004 mit einem maladen Knie in seine Heimat Stuttgart zurückkehrt, nur einen Steinwurf entfernt vom Stadion der Stuttgarter Kickers, bei denen er 17 Jahre lang gespielt und seine ersten Schritte in den Profifußball gemacht hatte.

So schloss sich der Kreis, um dann eine neue Ausfahrt zu nehmen. Während Sebescen seinen Sportfachwirt machte, half er bei den Kickers als Jugendkoordinator aus, "denn der Verein lag mir sehr am Herzen". Doch ihm war klar: "Ich hatte keinerlei Ambitionen auf einen Trainerposten - oder überhaupt Trainer zu werden."

All das bleibt mit seinem Leben verwoben, und ohne geht es nicht. "Ich habe einfach gemerkt, dass der Fußball mich wahrscheinlich nie mehr loslassen wird," sagt er. Sebescen weiß so wenig wie jeder andere im Land, wie und ob es in diesem Jahr weitergeht, ob sich auf absehbare Zeit wieder die Stadien füllen, er mit seinem TV Unterboihingen weiter gegen den FC Esslingen um den Aufstieg ringen, er mit der Ü-40-Truppe Bayer Leverkusens im September wieder zur Deutschen Meisterschaft kann.

"Ich habe mir als Ziel gesetzt, mich fit zu bekommen, um mit Leverkusen diesen Titel zu gewinnen," sagt er aber auch. Denn letztes Jahr hat es nicht ganz geklappt. Da sind sie - und Sebescen muss selbst lachen, als er das erzählt - leider nur Zweiter geworden.

Jan Mauer