Tennis

Ex-DTB-Profi Christopher Kas im Interview: "Es bieten sich Chancen"

Der Ex-DTB-Profi über die Tennispause und die French-Open-Verlegung

Kas im Interview: "Links und rechts bietet sich die eine oder andere Chance"

Christopher Kas

Stammt aus dem oberbayerischen Trostberg: Christopher Kas. imago images

Herr Kas, die ATP und WTA-Tour sind bis mindestens 7. Juni unterbrochen. Wie beurteilen Sie die Entscheidung der beiden Spielerorganisationen?

Die Entscheidung ist absolut nachvollziehbar. Aufgrund der Weltsituation ist es aktuell sogar eher so, dass wir uns nicht sicher sind, ob es am 8. Juni schon weitergehen kann. Das Ganze jetzt erstmal nach hinten zu verschieben, macht natürlich Sinn, weil es aktuell deutlich wichtigere Themen gibt. Es hätte nichts gebracht, von Woche zu Woche zu schauen. Daher macht es deutlich mehr Sinn, ein konkretes Datum zu nennen, an dem es weitergehen soll. Wenn alles gut geht und wir mit der Rasensaison beginnen könnten, wäre das natürlich ein toller Start - aber davon sind wir aktuell noch relativ weit weg.

Sie waren mit Ihrem Schützling Peter Gojowczyk bereits beim Challenger-Turnier in Indian Wells dabei. Im Zuge dieses Events kam dann auch die Absage für das ATP-Masters-1000-Turnier. Wie haben Sie die Entscheidung und die Kommunikation der ATP miterlebt?

Die Kommunikation war super. Es war im Endeffekt so, dass wir alle nicht genau wussten, wie wir damit umgehen sollen. Wir haben den Challenger gespielt und der wurde auch ganz normal zu Ende gebracht. Am Sonntagabend kam dann aufgrund eines positiven Falls die Absage. In diesem Moment war es überraschend, aber im Endeffekt nachvollziehbar - und auch die Kommunikation hat gut funktioniert. Es gab dann auch sofort ein Meeting und jeder wurde am Laufenden gehalten. Besser hätte man das nicht kommunizieren können.

Die Absage für Indian Wells kam zum damaligen Zeitpunkt doch recht überraschend, da im Coachella Valley, in dem Indian Wells liegt, nur ein positiver Corona-Fall vorlag. Im Nachhinein wurde die Entscheidung aber deutlich nachvollziehbarer. Ist auch Ihnen und Gojowczyk erst im Laufe der Zeit das Ausmaß der Krise bewusst geworden?

Wir sind schon relativ verantwortungsbewusst damit umgegangen. Das kam nicht aus heiterem Himmel. Es war schon so, dass man im Hinterkopf hatte, dass das Coronavirus die ganze Welt erreichen kann. Als dann der positive Fall bekannt wurde, war nachzuvollziehen, dass man das Turnier absagt. Wenn man sich die Situation jetzt anschaut, war es natürlich die richtige Entscheidung.

Christopher Kas, Mona Barthel

"Aktuell gibt es von meiner Seite aber überhaupt keinen Stress": Christopher Kas. picture alliance

Mittlerweile ist auch die gesamte Sandplatzsaison abgesagt - dazu zählen auch die French Open, die jetzt im Herbst stattfinden sollen. Wie bewerten Sie die Entscheidung des französischen Tennisverbandes? Es gab im Nachhinein doch einige Diskussionen ob der fehlenden Kommunikation.

Es ist schwierig für mich, das zu bewerten, da ich die Hintergründe nicht kenne. Es ist klar, dass die French Open nicht zum ursprünglich geplanten Termin stattfinden können. Dass der Turnierveranstalter versucht, einen anderen Termin zu finden, ist grundsätzlich legitim. In dem Fall glaube ich aber, dass die Kommunikation mit den Spielern nicht optimal war.

Sie oder Gojowczyk haben also nichts von den Plänen der Franzosen mitbekommen?

Nein, davon habe ich und auch er nichts mitbekommen. Ich habe das über Twitter erfahren, wusste in dem Moment aber nicht, ob das abgesprochen ist. Ich habe auch erst im Nachhinein mitbekommen, dass es eine sehr eigenmächtige Entscheidung der Franzosen war.

Die French Open haben eine deutlich höhere Bedeutung als der Laver Cup.

Christopher Kas

Die Veranstalter des Laver Cup haben sofort geäußert, dass sie ihren Termin nicht abgeben werden. Wer wird diesen Machtkampf gewinnen? Glauben Sie, dass der Termin der French Open hält?

Das weiß ich nicht. Für mich hat der Laver Cup keine Bedeutung. Das ist ein Spektakel für zwölf bis 14 Tennisspieler. Mir geht es vielmehr um die 200 bis 300 Profis bei den Frauen und Herren, die bei einem Grand-Slam-Turnier mitspielen können - die müssen von irgendetwas leben. Deswegen haben für mich persönlich die French Open eine deutlich höhere Bedeutung als der Laver Cup. Es betrifft aber nicht nur den Laver Cup. Es wurde auch über ATP- und WTA-Turniere hinweg entschieden. Ich weiß noch nicht, was das Ende der Geschichte ist, aber es wird sicher noch einige Gespräche geben. Deswegen ist es schwer, momentan etwas dazu zu sagen. Der Laver Cup ist das eine, aber bitte vergessen wir nicht die ATP- und WTA-Turniere, die im gleichen Zeitraum stattfinden würden. Man muss schauen, ob man eine gemeinsame Entscheidung finden kann. Ansonsten würde es natürlich hart auf hart gehen. Wenn die Spieler sich entscheiden müssen, wird sich der Großteil für die French Open entscheiden. Zumindest vermute ich das.

Kommen wir zu einem etwas anderen Thema: Die Spieler können frühestens am 8. Juni wieder an Turnieren teilnehmen - gerade für Tennisprofis ist eine derart lange Pause eine komplett neue Situation. Wie sieht der Tagesplan von Gojowczyk aus, wie wird derzeit trainiert? Oder gibt es gar eine komplette Trainingspause?

Auch bei Tennisspielern ist es so wie bei fast allen anderen: Sie sind zuhause und zocken. Einmal am Tag sind sie draußen und jeder spult für sich sein Programm ab. Ansonsten gibt es ein paar Bauch- und Rückenübungen und man springt ein bisschen zuhause durchs Wohnzimmer. Das war's im Endeffekt - es gibt im Prinzip nichts anderes zu tun. Die Tennisanlagen sind geschlossen und deswegen ist es so, dass ich Peter Gojowczyk momentan freie Hand gebe. Er entscheidet selbst, was er wann und wie macht. In zwei bis drei Wochen werden wir dann sehen - sofern sich alles in die richtige Richtung entwickelt -, wie der Fitnesszustand ist und dann wird es auch wieder Pläne geben. Aktuell gibt es von meiner Seite aber überhaupt keinen Stress. Man kann die Zeit nutzen, um runterzufahren. Die Saison dauert elf Monate und er ist seit zehn bis zwölf Jahren in seinem Rad drinnen. Daher sollen es sich die Jungs auch einmal gut gehen lassen und einen halben Tag Playstation spielen oder etwas lesen. Momentan sollen sie sich auch für das Weltgeschehen interessieren. Das ist deutlich wichtiger als ein Trainingsplan, der von mir aufgestellt werden würde.

Christopher Kas

"Davon sind wir aber noch weit weg": Christopher Kas. picture alliance

Ist die aktuelle Situation auch eine Chance für einen Spieler wie Gojowczyk? Sobald das Training auf Tennisplätzen wieder möglich ist, stünden ja viele Trainingsstunden zur Verfügung, die es auf der Tennistour normalerweise nicht gibt.

Ja, es ist eine Chance in vielen Bereichen. Es ist auch eine Möglichkeit, die Kommunikation zwischen den Verbänden, der ATP, der WTA, der ITF und den Spielern zu verbessern. Vielleicht kann man auch den Kalender für die kommenden Jahre optimieren. Es ist ein Zeitfenster entstanden, das wir uns alle nicht gewünscht haben. Links und rechts bietet sich aber sicher die eine oder andere Chance. Genauso wird es bei Gojowczyk auch sein. Im Optimalfall haben wir in drei bis vier Wochen wieder geöffnete Tennisplätze. Dann wird man viel trainieren können und die Motivation der Jungs wird wieder sehr, sehr hoch sein.

Es gibt Leute in der Tennisszene, die es deutlich härter trifft als uns.

Christopher Kas

Gojowczyk steht derzeit auf Position 125 der Weltrangliste. Da derzeit keine Turniere stattfinden, kann er auch kein Geld verdienen - gibt es bei ihm Existenzängste?

Hier muss man unterscheiden: Wir dürfen nicht über Spieler reden, die in den Top 100 der Weltrangliste stehen. Das ist eine Situation, die den gesamten Tennissport betrifft. Mir geht es mehr um die Club-Trainer, da dort die Anlagen geschlossen sind und es wahrscheinlich deutlich schwieriger ist, von Monat zu Monat ohne Einkommen über die Runden zu kommen. Das ist nichts, was einen Dominic Thiem, einen Christopher Kas oder auch einen Peter Gojowczyk kurzfristig betrifft. Ich will auch nicht, dass da irgendwer anfängt zu jammern. Es ist viel wichtiger, das große Ganze zu sehen und zu merken, dass es in der Tennisszene Leute gibt, die es deutlich härter trifft als uns. Da sind mir vor allem die Club-Trainer ein Anliegen. Wir haben in Deutschland so viele gute Trainer, die Jugendspieler ausbilden und Freizeittennis anbieten. Für sie tut es mir im Moment deutlich mehr leid und da fühle ich auch mit. Ich versuche, über Instagram zu helfen, indem ich Trainingstipps gebe.

Im Fußball wurde ja die EM um ein Jahr verschoben. Hat der Tennissport hier vielleicht einen Vorteil gegenüber anderen Sportarten, da man keinen direkten Körperkontakt hat?

An derartigen Spekulationen will ich mich nicht beteiligen. Das steht mir auch nicht zu. Natürlich hat man beim Tennis einen gewissen Abstand und keinen Körperkontakt - aber ob das der ausschlaggebende Punkt ist, dass wir vielleicht schon ein bisschen früher spielen, das weiß ich nicht. Das müssen und werden andere Leute entscheiden. Aktuell entscheidet das ja auch nicht die Tennisszene, sondern die Behörden der verschiedenen Länder. Man sollte im Moment auch nichts anderes machen als sich den Anweisungen zu fügen.

Die Frage ist, ob es sich für den Veranstalter lohnt, ein Turnier auszutragen, wenn keine Zuschauer kommen.

Christopher Kas

DFL-Chef Christian Seifert betonte, dass Geisterspiele "in nächster Zukunft die einzige Überlebenschance" für den deutschen Profifußball sein werden. Gilt das auch für den Tennissport oder sind Turniere ohne Zuschauer undenkbar?

Es stoßen hier mehrere Interessen aufeinander. Die Frage ist, ob es sich für den Veranstalter lohnt, ein Turnier auszutragen, wenn keine Zuschauer kommen. Davon sind wir momentan aber weit weg, weil es durch die Reisebestimmungen gar keine Möglichkeit gibt, an einem Ort zusammenzukommen. Das ist eine Frage, die vielleicht in drei bis vier Wochen oder zur Rasensaison aktuell werden wird und dann können wir schauen. Davon sind wir aber noch weit weg.

Abschließend: Ist es realistisch, dass am 8. Juni wieder professionell Tennis gespielt wird?

Ich wünsche es mir, weil es bedeuten würde, dass sich die Gesamtsituation weltweit massiv verbessert hat.

Interview: Nikolaus Fink

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