3. Liga

Timmy Thiele vom 1. FC Kaiserslautern im Interview

FCK-Stürmer sieht die positiven Aspekte der Zwangspause

Timmy Thiele im Interview: "In der Not wird der Mensch auch kreativ"

Timmy Thiele

Zusammen mit Sohn Lionel auf dem Betzenberg: Lauterns Stürmer Timmy Thiele. imago images

Um kurz vor sieben klingelt der Wecker, sofern Sohn Lionel diese Aufgabe nicht schon übernommen hat. Als Fußballprofi ist Timmy Thiele feste Abläufe gewohnt. An diesen versucht sich Kaiserslauterns Angreifer auch während des ausgesetzten Spielbetriebs zu orientieren. Nach dem gemeinsamen Frühstück mit seiner Frau bereitet sich der 28-Jährige gegen 8:30 Uhr auf den Trainingsalltag vor und macht sich normalerweise auf den Weg Richtung Betzenberg. Letzteres fällt nun weg, der Rest bleibt unberührt. "Ich bin ein Mensch, der Abläufe gerne hat. Normalerweise hätte ich zu dieser Zeit ja auch Training. Deshalb ändere ich daran wenig und mache mich dann zuhause an mein Trainingsprogramm", berichtet Thiele.

Verschiedene Laufeinheiten, Stabilisations- und Flexibilitätsprogramme sowie Einheiten auf dem vom Klub gestellten Spinning-Rad - oder wie Thiele sagt: "Alles was das Sportlerherz begehrt" - sind laut Trainingsplan zu absolvieren. Verschiedene Werte, sei es die Herzfrequenz oder die Dauer der Einheit, werden dank der GPS-Uhr zwecks Belastungssteuerung ans Trainerteam übermittelt. Ein täglicher Austausch zwischen dem Staff und den Spielern findet nicht statt, für Rückfragen stehen Trainer Boris Schommers und sein Team doch jederzeit zur Verfügung.

Wer Timmy Thiele in den vergangenen eineinhalb Jahren in Kaiserslautern erlebt hat, kennt auch die positive Grundstimmung des gebürtigen Berliners. Sein Start beim FCK war im Sommer 2018 nicht einfach. Die Euphorie im Umfeld war trotz des Drittliga-Abstiegs enorm, der Erfolgsdruck so schier unermesslich. Lähmend für die Spieler. Die Last auf Thieles Schultern - auch wegen der für Drittliga-Verhältnisse hohen Ablösesumme von 400.000 Euro - war enorm. Die Erwartungen vieler Anhänger waren surreal. Er hätte diesen zunächst wohl nur gerecht werden können, hätte er die Roten Teufel im Alleingang zum Aufstieg geschossen. "Bestimmt hat das irgendwo eine Rolle gespielt. Ich persönlich habe mir aber nicht diesen Druck gemacht, der mir von außen auferlegt wurde. Ich mache diese Preise ja auch nicht. Fußball ist eben ein Mannschaftsport", erzählte Thiele bereits im kicker-Interview im vergangenen Dezember.

Ich denke, jeder muss seine persönlichen Interessen momentan hintenanstellen. Wir müssen alle gemeinsam aus dieser prekären Situation herauskommen.

Thiele über die Coronakrise

Doch Thiele ließ sich nicht beirren, kam nach Anlaufschwierigkeiten besser in Schwung und zeigte es seinen Kritikern. Zwar lässt der athletische Angreifer auch heute noch zu viele Großchancen aus, doch sieben Tore und zehn Vorlagen in der Saison 2018/2019 sowie acht Treffer und vier Vorlagen in der laufenden Spielzeit kommen nicht von ungefähr. Zwei Tore und zwei Vorlagen in nur drei DFB-Pokalspielen dieser Saison gegen durchweg höherklassige Mannschaften bestätigen den positiven Eindruck. Nur Keeper Lennart Grill (2,94) und Florian Pick (3,0) muss Thiele (3,19) im internen Ranking des kicker-Notenschnitts den Vortritt lassen. Seine Antrittsschnelligkeit in Verbindung mit der ebenso hohen Endgeschwindigkeit ist einer der Trümpfe in Lauterns Offensivspiel. Dazu geht Thiele mannschaftsdienlich voran, stellt sich auch in schwierigen Phasen den Fans und den Medienvertretern. Immer offen und ehrlich, ebenso zuversichtlich. Ein Selbstvertrauen, das dem krisengeschüttelten Klub guttut. Auf und neben dem Platz.

Und so macht Thiele auch aus der aktuellen Situation das Beste und erfreut sich an der neu gewonnenen Zeit mit seiner Familie - die zugleich ins Training integriert wird. Diente seine Frau doch schon als Gewicht über den Schultern liegend beim Krafttraining, woran Thiele seine Fans in den sozialen Medien teilhaben ließ. "In der Not wird der Mensch auch kreativ. Auf so eine Situation ist man eben nicht vorbereitet und muss zu alltäglichen Mitteln greifen, wie eben meine Frau", berichtete Thiele lachend. Für das Training mit dem Ball wird dann getauscht: Der zweijährige Sohn Lionel betritt das Spielfeld. "Soweit er das schon kann", schmunzelt der Papa. Und am Nachmittag gilt ohnehin die Konzentration dem Kleinen - wie schon im bekannten Tagesablauf vor der Pause. Einzig auf den Besuch des Spielplatzes während des ausführlichen Spaziergangs mit dem vierbeinigen Familienmitglied muss Lionel derzeit verzichten. Und falls beim Nachwuchs demnächst doch mal Langeweile aufkommt, haben die Eltern vorgesorgt und für ausreichend Bastelmaterial gesorgt.

Timmy Thiele mit Hendrick Zuck

Jubel in Magdeburg: Timmy Thiele mit Hendrick Zuck. imago images

Doch ein Verzicht ist für Thiele angesichts der Gesamtsituation rund um die Corona-Krise eine Selbstverständlichkeit. "Das Training am Ball mit der Mannschaft fehlt mir natürlich schon. Aber ich denke, jeder muss seine persönlichen Interessen momentan hintenanstellen. Wir müssen alle gemeinsam aus dieser prekären Situation herauskommen. Das ist die einzige Devise", macht Thiele deutlich. Seiner Rolle als Fußballer, insbesondere als Vorbildfunktion in der öffentlichen Wahrnehmung, ist sich der Familienmensch bewusst und will dieser dementsprechend auch gerecht werden: "Jeder einzelne kann momentan einen Beitrag leisten. Deswegen versuche ich, meinen Appell auch medial zu verbreiten."

Ohnehin schaut Thiele längst über den Tellerrand hinaus und beschäftigt sich bereits mit der Zeit nach der Karriere. Denn während Lionels Mittagschlaf ist Pauken angesagt - sofern kein Telefonat mit dem kicker ansteht. "Für mein Studium bleibt aktuell mehr Zeit übrig. Ein positiver Aspekt, wenn man das so nennen darf", berichtet Thiele, der vor einem halben Jahr ein Fernstudium im Bereich Business Management begonnen hat. "Ich bin ja auch Familienvater, da ist es mit Ende 20 wichtig, auch über die Karriere hinauszuschauen." Doch erst mal freut sich Thiele auf die Zeit, wenn der Ball wieder rollt. Die Frage ist nur, wann.

Bis dahin versucht er trotz der gegenwärtigen Lage die überraschend viele Zeit mit der Familie zu genießen. Denn Fußball ist eben nicht das wichtigste im Leben Timmy Thieles.

Moritz Kreilinger