Bundesliga

Hände weg von der Laterne: Gedanken zur Fußballpause

Wie verändert Corona den Fußball?

Hände weg von der Laterne: Gedanken zur Fußballpause

Löw, Fußball, Hopp

Der Fußball wurde weggesperrt - wie wird er die Isolation verkraften? imago images/picture alliance

Die große Ansprache an die Nation war eigentlich erst am späteren Abend erwartet worden. Aber weil Joachim Löw bereits nachmittags aus Freiburg zugeschaltet war, rüttelte eben er die Bürgerinnen und Bürger schon mal auf. "Die Erde wehrt sich gegen die Menschen", sprach der Bundestrainer und übte doch tatsächlich so etwas wie Kapitalismuskritik.

Vielleicht hing ihm dabei nicht das ganze Land an den Lippen, was daran gelegen haben mochte, dass im Hintergrund keine Flaggen drapiert waren und nur DFB.tv live übertrug; dass sich das alles auf einer der merkwürdigsten Pressekonferenzen der DFB-Geschichte zutrug und nicht im Berliner Kanzleramt; und er scho au irgendwie ein paar Füllwörter zu viel verwendete. Und doch: Es waren gute Worte in schlechten Zeiten. Als hätte sich Löw, vor Monaten noch als "abgehoben, entrückt, bequem" (dpa) beschrieben, endgültig von der Laterne in Sotchi abgewandt.

Die extremste Form der Kollektivstrafe ist plötzlich die einzige Überlebenschance

Sich an Laternen zu lehnen ist inzwischen ja eh nicht mehr ratsam. Corona hat den Fußball im Griff, wobei der Fußball gerade völlig unwichtig ist, was vor allem die betonen, die Fußball für ziemlich wichtig halten. Noch nicht einmal zwei Wochen Pause haben gereicht, um einige Gewohnheiten über den Haufen zu werfen.

Dietmar Hopp ist nicht mehr Hurensohn, sondern wird als Hoffnungsträger der Menschheit inszeniert. Statt Spielständen prüft man jetzt ständig Infektionszahlen. Geisterspiele, die extremste Form der Kollektivstrafe, sind "die einzige Überlebenschance" für Profiklubs und Tausende Angestellte. Und wer individuell trainiert, ist nicht fürs Wochenende fraglich, sondern in Quarantäne. Wenigstens soll die EURO auch 2021 EURO 2020 heißen, puh.

Watzke fasst die Denkweise wohl am realistischsten zusammen

Der Fußball wurde weggesperrt, und noch weiß keiner, wie er die Isolation verkraftet. Etliche Spieler, Vereine und Fans beweisen gerade einhellig Verantwortungsbewusstsein, versuchen die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Krise abzufedern - mit Initiativen und Gehaltsverzicht, Appellen und Spenden. Doch was ist mit anderen Krisenverlierern: den Klubs selbst?

Nach der großen DFL-Sitzung klang mancher Teilnehmer schier überwältigt von der Solidarität innerhalb der Liga. Es war jene Sitzung, vor der BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke laut darüber sinniert hatte, welche Klubs es wert sind, gerettet zu werden und welche nicht. Jene Sitzung, nach der Leipzig-Boss Oliver Mintzlaff Fortuna Düsseldorf an den Pranger stellte. Man will "nicht unsolidarisch" sein, fasste Watzke später die Denkweise wohl am realistischsten zusammen, pardon: nicht am unrealistischsten.

Macht, Gier, Profit? Burnout? Was Löw diagnostiziert, gilt auch für den Fußball

Wie also wird der Fußball zurückkehren, wann auch immer das sein mag? Man könnte es ja auch so sehen: dass sich die Erde nicht nur gegen die Menschen, sondern ein ganz kleines bisschen auch gegen den Fußball wehren wollte, gegen die Auswüchse von "Macht, Gier und Profit" (Löw), die auch ihn beherrschen; dass er in den Zwangsurlaub geschickt wurde, weil auch ihm der "Burnout" (Löw) drohte.

100-Millionen-Euro-Transfers jedenfalls dürfte es nun so schnell nicht mehr geben, ausufernde Titelfeiern mit Selfiesticks und Bierglas-GoPros ebenso wenig (Sind solche Bierduschen nicht ohnehin furchtbar unhygienisch?). Und wer wie Jürgen Klopp mit Forderungen nach mehr Pausen für die Spieler, weniger Länderspielen oder Verschiebung von Turnieren bislang auf Granit biss, weil das alles ja Geld koste, wird künftig sagen können: Damals ging es doch auch.

Wo ist die moralische Grenze, wenn die Alternative das Klub-Aus ist?

Tja, oder ist eher eine solche Heilung zu erwarten, bei der sich der Patient auf der Heimfahrt vom monatelangen Entzug die nächste Spritze setzt? So wie Deutschland gerade - weil Krise - die humanitäre Flüchtlingsaufnahme aussetzt oder die Telekom gerade - weil Krise - Bewegungsdaten weiterreicht, diskutieren die ersten Bundesliga-Macher schon über die Lockerung der 50+1-Regel - weil Krise.

Wo wird die moralische Grenze sein, wenn die Alternative die Auflösung des Klubs ist? Und wo der Wettbewerb, wenn am Ende die Großen die Krise besser überstanden haben sollten als die Mittleren und Kleinen? Als würden ihn Champions-League- und Klub-WM-Reform nicht eh bald schon aufs Neue aushöhlen.

Auch gegen die Auswüchse des Fußballs scheint es keinen Impfstoff zu geben

Und wenn dann tatsächlich in ein paar Wochen oder Monaten alle drei Tage hunderte Spiele vor leeren Rängen stattfinden, um Vereine und Verträge zu retten, um Titel zu vergeben, über die sich bis dahin sowieso kaum noch einer aufrichtig freuen wird - dann ist nicht nur der letzte Beweis erbracht, dass der Fußball zwar ohne Fans, nicht aber ohne die TV-Gelder über die Runden kommt. Es wird einem dann auch alles so schrecklich bekannt vorkommen.

Es ist wohl leider so: Auch gegen die Auswüchse des Fußballs gibt es keinen Impfstoff, er wird noch nicht einmal ernsthaft gesucht. Die Chance, dass Dietmar Hopp einen entwickeln lässt, ist jedenfalls nicht besonders groß.

Doch obwohl man das alles ganz genau weiß: Was könnte man sich gerade Schöneres vorstellen als ein Geisterspiel-0:0 zwischen Mainz und Paderborn? Es wäre wenigstens wieder Fußball. Scho au irgendwie jedenfalls.

Jörn Petersen

Die finanziellen Folgen der Krise - Klub für Klub