Bundesliga

Er schlägt sogar Lucio: Edmond Tapsoba im Porträt

Leverkusens Neuzugang hat einen steilen Aufstieg hinter sich

Er schlägt sogar Lucio: Edmond Tapsoba im Porträt

Edmond Tapsoba

Wie ein Roboter: Leverkusens Innenverteidiger Edmond Tapsoba. imago images

30. Januar. Es ist kurz vor 22 Uhr, als Edmond Tapsoba mit dem Privatjet seines Beraters, dem früheren Weltklassespieler Deco, vom Aeroporto Francisco Sa Carneiro in Portos Norden nach Düsseldorf fliegen soll. Plötzlich streikt das GPS-Gerät der Maschine. Einen Tag vor Ende der Transferfrist muss Bayers neuer Verteidiger warten, bis am nächsten Morgen um acht ein Ersatzjet bereitsteht, der ihn sicher nach Köln bringt. Es sind die bislang einzigen Startschwierigkeiten, die von dem 21-Jährigen in Leverkusen bekannt sind. Bei Bayer 04 hat Tapsoba alle in Windeseile begeistert.

Auf dem Platz verzieht der Mann selbst keine Miene. Im besten Fall huscht ein kleines Lächeln über sein Gesicht, wenn er Fragen von Journalisten beantworten muss. Doch wenn das Spiel läuft, ist ihm nicht anzusehen, welche Stimmungslage beim ihm vorherrscht. Egal, ob er hart attackiert wird, ob er in höchster Not eine Zweikampfsituation geschickt löst oder ob er in größter Bedrängnis einen sauberen Pass spielt, bevor ihn sein Gegner von den Beinen holt. Oder auch, wenn er, was selten passiert, einen Fehler begeht - aus Tapsobas Mimik spricht nur eins: Konzentration.

Ich habe noch nie einen Spieler gesehen, der schneller integriert wurde.

Lukas Hradecky über Edmond Tapsoba

Bayers neues Abwehr-Ass, das von Vitoria Guimaraes nach Leverkusen wechselte, wirkt auf dem Platz wie ein perfekt programmierter Roboter, der sich von keinerlei psychischen Faktoren irritieren lässt. "Er ist eine Maschine. Ich weiß nicht, wo sie den gefunden haben", schwärmte Torhüter Lukas Hradecky nach dem 1:1 in Leipzig, "ich habe noch nie einen Spieler gesehen, der schneller integriert wurde."

Tapsoba spricht drei Sprachen - und bald vier?

Tapsoba, der ein ruhiger Zeitgenosse ist, als bescheiden und korrekt gilt und nicht viel spricht, erledigt im Spiel scheinbar alles mit Ruhepuls und einer Eiseskälte. Er strahlt Gelassenheit aus, aber keinesfalls Lässigkeit. "Er hat schon eine Ruhe am Ball, auch in Drucksituationen", hebt Sportdirektor Simon Rolfes eine der großen Qualitäten des Innenverteidigers hervor. Diese ermöglicht es ihm, immer das richtige seiner Programme gleichsam schnell wie sicher abzurufen.

Dazu kommt die Fähigkeit Tapsobas, sich in außergewöhnlicher Geschwindigkeit zu adaptieren. "Er spricht super Englisch. Das hilft natürlich", nennt Hradecky eine Voraussetzung dafür, dass der Neue bei Bayer keinerlei Anlaufzeit benötigte.

Es ist außergewöhnlich, dass sich ein Spieler so schnell anpasst.

Peter Bosz über Edmond Tapsoba

Diesen Mosaikstein, der sehr hilfreich ist bei einer reibungslosen Integration, hat sich der mit 84 Kilogramm bei 1,92 Metern Körpergröße etwas schlaksig wirkende Hüne selbst erarbeitet. Und das in Höchstgeschwindigkeit. Tapsoba, der das Ziel hat, mal bei einem absoluten Topklub zu spielen, ist ein Sprachtalent und kommunizierte schon nach sechs Monaten in Portugal in der Landessprache. "Er hat sich dort selbst Englisch und Portugiesisch beigebracht", berichtet Rolfes und fügt an, "von daher bin ich gespannt, ob er nach einem halben Jahr hier auch schon Deutsch kann." Davon ist fast auszugehen.

Edmond Tapsoba im Zweikampf mit Erling Haaland

Sofort mittendrin: Bei seinem ersten Bundesliga-Einsatz traf Edmond Tapsoba gleich auf Erling Haaland. imago images

Tapsoba, dessen Muttersprache Französisch ist, hat, so scheint es, für jede Aufgabe eine Lösung parat, funktionierte sofort links in einer Dreierkette, obwohl er in Guimaraes halbrechts in einer Viererkette verteidigte. "Ich fühle mich schon sicher mit ihm, egal, ob in der Dreier- oder Viererkette", lobt Hradecky. Sein Trainer zeigt sich ebenso angetan. "Es ist außergewöhnlich, dass sich ein Spieler so schnell anpasst an eine andere Kultur, ein anderes Land, eine andere Sprache, eine andere Spielphilosophie, andere Mitspieler. Bei ihm sieht es aus, als ob das ziemlich einfach geht", stellt Peter Bosz fest.

Sein Hobby ist Schlafen, seine Passquote phänomenal

Bei Tapsoba, der als sein Hobby "Schlafen" angibt, sieht alles einfach aus. Genial einfach. Bosz erklärt anerkennend: "Johan Cruyff hat gesagt: Einfach zu spielen ist immer das Schwierigste. Denn wenn es einfach aussieht, heißt es nicht, dass es auch einfach geht. Doch Edmond macht es einfach. Und damit macht er es auch einfach für seine Mitspieler."

So überraschte Tapsoba, der sofort zum Leistungsträger aufstieg, alle. Er spielt immer. Und er spielt immer stark. Mit gut getimten Pässen in die Tiefe und hoher Präzision. Seine Passquote ist die beste bei Bayer, liegt trotz vieler langer Zuspiele bei 90,6 Prozent und ist damit top. Seine Vororientierung auf dem Platz ebenso. Seine Zweikampfwerte bewegen sich "nur" im oberen Drittel der Liga, was auch daran liegt, dass der schnelle und kopfballstarke Tapsoba mit guter Positionierung seine Gegner oft nach außen abdrängt und zum Rückpass zwingt. Grätschen sieht man ihn selten.

Besser als Lucio: Für Tapsoba ließ Bosz sein Dogma fallen

Qualitäten, die dafür sorgten, dass Bosz nach nur vier Trainingseinheiten sein vermeintliches Dogma, neue Spieler langsam heranzuführen, fallen ließ und Tapsoba beim 4:3-Sieg gegen den BVB auflaufen durfte. Seitdem brilliert dieser. Einen besseren Start hat noch kein Wintereinkauf in der Geschichte des Klubs hingelegt. Selbst ein späterer Weltstar wie Lucio kam in seinen ersten Spielen nicht auf einen derart guten kicker-Notenschnitt wie Tapsoba (2,66 nach neun Spielen).

Vieles spricht dafür, dass sich Leverkusen ein Juwel geangelt hat. "Er ist ein sehr guter Spieler mit noch sehr viel Luft nach oben", urteilt Bosz. Ein Profi, bei dem der Klub früh zuschlug. So hatte Tapsoba erst 16 (!) Erstliga- und fünf Gruppenspiele in der Europa League bestritten, als ihn sich Bayer schnappte.

Edmond Tapsoba

Steiler Aufstieg: Edmond Tapsoba im Trikot von Vitoria Guimaraes. imago images

Es ist nur auf den ersten Blick ein riskanter Deal, der 18 Millionen Euro Ablöse kostete. Eine mehr als beachtliche Summe angesichts Tapsobas Vita. Erst recht, da dieser im Halbfinale des Ligapokals gegen den FC Porto am 21. Januar nicht sein bestes Spiel ablieferte, als Rolfes und Kaderplaner Tim Steidten ihn abschließend beobachteten.

Tapsoba kann ein Spieler für die ganz großen Klubs werden.

Tapsobas Berater Deco

Doch Deco erklärte Bayers Sportdirektor, dass sich dieser wegen der Ablöse nicht zu sorgen brauche: "Ich habe Simon Rolfes und Tim Steidten beruhigt und ihnen gesagt: Tapsoba kann ein Spieler für die ganz großen Klubs werden." Deco muss es wissen, spielte er doch als Champions-League-Sieger mit Porto (2004) und Barca (2006) sowie später beim FC Chelsea auf höchstem Niveau.

Ein bekannter Vorgänger: Geromel ging einen ähnlichen Weg

Die Worte Decos, dem man Kalkül unterstellen könnte, hätten alleine nicht gereicht. Doch Steidten, der Tapsoba wiederholt begutachtete, urteilte überaus positiv über den Rechtsfuß. Zudem versicherte ihm Rainer Störk, Drahtzieher des Transfers, die Qualitäten des Verteidigers.

Störk lotste übrigens schon mal einen hochtalentierten Innenverteidiger von Portugal an den Rhein: Pedro Geromel wechselte 2008 von Guimaraes nach Köln, schlug wie Tapsoba ein, ging aber im Chaos der Abstiegssaison 2012 mit unter. Später gelang dem Brasilianer bei Gremio Porto Alegre als Copa-Libertadores-Sieger 2017 der späte Aufstieg zum Nationalspieler.

Vor einem Jahr noch zweite Mannschaft: Tapsobas steiler Aufstieg

Tapsoba, der ein sicherer Strafstoßschütze ist, hat bereits für sein Heimatland debütiert. Und so ungünstige Rahmenbedingungen wie damals beim 1. FC Köln sind in Leverkusen nicht vorstellbar. Seine Entwicklung dürfte demnach gradliniger verlaufen als die Geromels.

Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob sein Aufstieg in diesem atemberaubenden Tempo weitergeht. Bis zum Sommer 2017 spielte Tapsoba noch für US Ouagadougou in Burkina Faso, ehe er nach Portugal in die U 19 von Zweitligist Leixoes Matosinhos wechselte. Nach einem halben Jahr verpflichtete Guimaraes den Verteidiger, der dort erst U 19 und ab 2018/19 nur in der zweiten Mannschaft kickte. Doch in der ersten Hälfte der laufenden Spielzeit mauserte sich Tapsoba schon zu einem der interessantesten Profis in Portugal.

Nicht umsonst bemühte sich mit Leicester City, für gutes Scouting bekannt, auch ein ambitionierter Klub der Premier League Ende Januar um den damals noch 20-Jährigen und bot 15 Millionen Euro. Die Verhandlungen zogen sich hin und das spielte Bayer in die Karten. Denn Leicester hätte die Arbeitserlaubnis für Tapsoba nicht so leicht erwirken können, da dieser nicht die erforderliche Zahl von Länderspielen vorweisen konnte. Bayer nutzte die Chance und zahlte eine Ablöse von 18 Millionen Euro, die durch Boni um zwei Millionen steigen wird. Sollte Tapsoba sein Niveau nur annähernd halten, dürfte sein Marktwert um ein Vielfaches ansteigen. Und zwar schnell.

(Dieser Text erschien erstmals am 16. März in der Print-Ausgabe des kicker)

Stephan von Nocks

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