Bundesliga

Tah: "Du hast nichts, woran du dich festhalten kannst"

Leverkusens Verteidiger kämpft mit und gegen Unsicherheit in der Krise

Tah: "Du hast nichts, woran du dich festhalten kannst"

Jonathan Tah

Gibt sich ob der Corona-Krise nachdenklich: Leverkusens Verteidiger Jonathan Tah. imago images

Es ist gerade mal acht Tage her, dass Jonathan Tah mit Bayer 04 im Ibrox Stadium zu Glasgow vor 48 000 Zuschauern 3:1 gegen die Rangers gewann. Damals zeigte sich der Nationalspieler von der fantastischen Kulisse beeindruckt, jetzt geht er seiner Arbeit größtenteils in den eigene vier Wänden nach. "Es ist noch nicht so lange her und das Blatt hat sich komplett gewendet. Unglaublich, in was für einer Zeit wir uns gerade befinden. Es ist erschreckend, dass sich alles so schnell entwickelt hat", sagte der 24-Jährige in einem Videointerview. In diesem sprach der Nationalspieler über...

...seine Einschätzung der Pandemie: Am Anfang habe ich es vielleicht sogar ein bisschen unterschätzt und hätte nicht gedacht, dass es sich so entwickelt. Es ist krass, in welcher Situation die Welt gerade ist. Und dagegen muss man etwas tun. Jetzt braucht jeder den anderen. Dafür wird die Menschheit gerade wieder sensibilisiert, weil dies teilweise vergessen wurde.

...die Stimmung, in der er und die anderen Bayer-Profis am Mittwoch auseinandergingen: Nachdenklich ist das Wort. Du kannst die Situation null einschätzen. Keiner kann sie gerade einschätzen. Wenn es jemand dürfte, sind das Ärzte und Virologen, die am Ende aber auch nicht sagen können, wie sich die Gesamtsituation entwickeln wird. Das ist ein ganz komisches Gefühl. Du hast nichts, woran du dich festhalten kannst. Deshalb ist es umso wichtiger, dass du nicht in Panik gerätst. Deswegen kann ich nur alle Leuten raten, dass das genau das Falsche ist.

Wenn du keinen Anhaltpunkt hast, wie lange es dauert, dann ist es schwierig.

Tah zum Training "alleine"

...seinen neuen Alltag im Homeoffice: Bei mir besteht er hauptsächlich aus Training. Ich muss einfach fit bleiben. Ich gehe laufen, mache Krafttraining und arbeite an der Beweglichkeit, was ich auch während der Saison mache, aber jetzt noch mal intensiviert. Und ich habe einen Mini-Fußball zuhause, der ist auf jeden Fall immer am Fuß. Es ist das Beste zuhause zu sein und trotzdem sein Training zu absolvieren. Ich habe ein Laufband in meinem Gym, aber ich laufe lieber draußen. Doch wenn es eine Ausgangssperre gibt, laufe ich halt auf dem Laufband. Wir müssen so gut es geht mit Situation umgehen. Ich weiß nicht, wann es wieder losgeht.

...die Probleme beim Training ohne ein zeitliches Ziel: Wenn man sich solche zeitlichen Ziele steckt, ist es sehr schwierig, glücklich zu sein. Deswegen sollte man sich das Ziel setzen, glücklich zu sein. Und sich fragen: Wie komme ich da hin? Wenn es gerade so ist, sollte man alles dafür tun, um fit zu bleiben, damit ich bereit bin, wenn es wieder losgeht. Dafür trainiere ich jeden Tag. Dann kann ich jeden Tag sagen, ich bin glücklich, weil ich alles dafür getan habe. Natürlich haben wir gesagt: Wir können Titel holen, sind in allen Wettbewerben mit dabei. Das darf man natürlich nicht außen vor lassen, aber es darf einen nicht unglücklich machen, dass die Situation so ist, wie sie gerade ist. Man muss das Beste daraus machen.

...die Schwierigkeit, im Training alleine an die Grenzen zu gehen: Ich habe jemanden, der mich begleitet, der mich unterstützt, die körperlichen Ziele zu erreichen, die ich mir gesetzt habe. Ich werde von ihm gepusht, motiviert. Ich brauche ihn auf jeden Fall in dieser Zeit. Denn ganz alleine ist es wirklich zäh. Gerade wenn du nicht weißt, wie lange es so geht. Wenn du nur eine Woche lang alleine trainieren musst, dann ist das kein Problem. Aber wenn du keinen Anhaltspunkt hast, wie lange es dauert, dann ist es schwierig. Da brauchst du jemanden, der dich unterstützt. Den habe ich.

Ich bin der Erste, damit ich nicht der Letzte bin, der spendet.

Tah zu seinem sozialen Engagement

...sein Engagement in der Sepp-Herberger-Stiftung, für die er als Mitinitiator eines Corona-Nothilfefonds für Mitglieder der Fußballfamilie der erste private Spender ist: Ich bin der Erste, damit ich nicht der Letzte bin, der spendet. Ich habe es gemacht, um Leute zu motivieren, auch zu spenden. Es geht nicht darum, wieviel es ist. Und es geht auch nicht darum, dass man unbedingt Geld spendet. Man kann auch seine Zeit spenden, wenn man der Oma hilft beim Einkaufen.

...die Schwierigkeit, als Fußball-Profi sich in die Realität vieler Normalbürger hineinzuversetzen: Für mich ist es nicht schwierig, weil ich sehr nah dran bin und nie versucht habe, mich über jemanden oder über etwas zu stellen, nur weil ich mehr Geld habe. Ich kann sehr gut einschätzen, wie sich manche Leute in dieser Zeit fühlen. Ich bekomme mit, wie die Leute leiden. Sie wissen nicht, wann sie ihren Laden wieder aufmachen dürfen. Kann ich ihn überhaupt wieder aufmachen? Ist meine komplette Existenz gefährdet? Das sind Fragen, die sich Menschen stellen. Aber auch mental. Wie viele Leute weinen zuhause? Vielleicht hilft es denen, diese Nachricht zu lesen und sie sagen: Hey, da ist jemand, der denkt an mich, das muntert mich auf. Und das kann jeder. Da kann man als Mensch, der wirtschaftlich gut aufgestellt ist, einfach da sein.

...die These, dass alle Leute in seinem Umfeld aufpassen müssten, dass er nicht infiziert werde: Ich sehe es ganz anders. Es geht nicht darum, dass sie mich nicht anstecken, sondern dass ich niemanden anstecke - ob das jemand aus meinem nahen Umfeld oder jemand anderes ist. Ich versuche, darauf zu achten, dass ich mir oft die Hände wasche, mich oft desinfiziere, nicht so oft unterwegs bin, nicht alles anfasse. Meine Freundin ist genauso vorsichtig wie ich. Ob ich jetzt angesteckt werde oder jemand mich ansteckt, ist dasselbe. Ich möchte niemanden anstecken, der dann dadurch einen Schaden erleidet.

Im Ticker: Coronavirus und der Sport

Stephan von Nocks

Die finanziellen Folgen der Krise - Klub für Klub