3. Liga

Wendepunkt Bayern? Der Absturz von Preußen Münster

Es geht ums Überleben

Wendepunkt Bayern? Der Absturz von Preußen Münster

Das Preußenstadion in Münster

Dunkle Wolken über dem Preußenstadion in Münster. imago images

Das altehrwürdige Stadion an der Hammer Straße, im Süden von Münster gelegen, passt wunderbar in einen Vintage-Katalog des Fußballs. Es ist ein Relikt, man hat sich nicht wirklich darum gekümmert in den letzten Jahren, den vergangenen Dekaden. Irgendwie hat es einen morbiden Charme, irgendetwas strahlt diese Anlage aber auch aus - mit der Glamourwelt des heutigen Profifußballs hat das Gebilde, vielleicht bis auf die Haupttribüne, wenig zu tun. Nicht wenige Pessimisten glauben, dass das 100-jährige Bestehen dieser Arena im Jahr 2026 erreicht wird, ohne dass die versprochene Erneuerung mit rund 40 Millionen Euro in Angriff genommen worden ist. Erst recht dann würde nichts passieren, wenn der Verein auch noch den bitteren Gang in die Viertklassigkeit antreten müsste.

Der droht, dieser vierte "große" Abstieg nach dem Absturz aus der Bundesliga (1964), der 2. Bundesliga (1991) und der Regionalliga (2006) in die Bedeutungslosigkeit der Oberliga. Die Regionalliga wäre ein Schock, selbst wenn der mögliche Absturz wie von langer Hand in der Hinserie förmlich vorbereitet wirkt. Auch wenn zuletzt der neue Trainer Sascha Hildmann dem komatösen Patienten frische Lebensgeister eingehaucht hat, es ist ein Drahtseilakt mit maximal noch elf Durchgängen.

Es musste nachgebessert werden: Metzelder und Niewöhner auf mühsamer Betteltour

Die Adlerträger laufen der Musik hinterher, die Hinrunde war unter dem damaligen Trainer Sven Hübscher am Ende ein Desaster. Erst durch Hildmann und die Winter-Transfers Jan Löhmannsröben (Wacker Nordhausen), Oliver Steurer (Leihgabe vom 1. FC Heidenheim) sowie Marco Königs (Hansa Rostock) bekam das SCP-Gefüge sowas wie eine Kontur. Abgänge wie die von René Klingenburg (Dynamo Dresden) und Martin Kobylanski (Eintracht Braunschweig) wurden nicht kompensiert. Das dem Spardiktat geschuldete aktuelle Konzept mit vielen jungen Perspektivspielern und Akteuren aus der Regionalliga konnte nicht funktionieren. Es musste nachgebessert werden. Für Sportchef Malte Metzelder und Geschäftsführer Bernd Niewöhner geriet das zu einer mühsamen Betteltour durch Gremien, Sponsorenwelt und zu den Fans, um das überhaupt gestemmt zu bekommen. Noch einmal kratzten alle Beteiligten unter dem Motto "Aufholjagd" die letzten Reserven und Groschen zusammen. Vielleicht kommt das alles zu spät.

Die letzte Sternstunde: Torhüter Daniel Masuch 2014 im Pokal gegen Thomas, Manuel Neuer, und Philipp Lahm.

Die letzte Sternstunde: Torhüter Daniel Masuch 2014 im Pokal gegen Thomas, Manuel Neuer, und Philipp Lahm. picture-alliance

Wie konnte es so weit kommen? Vielleicht war das DFB-Pokal-Spiel gegen Bayern München im August 2014 ein Wendepunkt für den Dauer-Drittligisten, das Stadion war ausverkauft, Münster fieberte der Partie gegen das Starensemble mit fünf Weltmeistern von Rio entgegen. Die Preußen versanken spätestens seitdem im Mittelmaß der 3. Liga, erreichten nicht einmal mehr die lukrative Pokal-Hauptrunde. Nur einmal, in der ersten Saisonhälfte 2018/19 führte Marco Antwerpen die Mannschaft zwischenzeitlich auf Platz 2 - seine Forderungen nach Winter-Zugängen, mit denen die Chancen auf den Zweitliga-Aufstieg gesteigert worden wären, blieben unerhört. Antwerpen, ein erfolgsbesessener Coach mit Ambitionen, reichte seinen Abschied ein. Vielleicht ahnte er, was in dieser Saison mit knapp drei Millionen Euro für das Personal möglich sein würde: wenig bis gar nichts.

Großes Stühlerücken auf der Trainerbank und in den Gremien

Noch so ein Preußen-Dauerbrenner: Münsters Verschleiß an Trainern? Eine Katastrophe, acht Fußballlehrer in neun Drittliga-Jahren sprechen Bände, die Interimslösungen sind da noch gar nicht eingerechnet. Auch das große Stühlerücken in den Gremien brachte den Verein nicht voran. Als die Ära von Thomas Bäumer, dem langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden, und zwei Jahre zuvor von Klub-Chef Dr. Marco de Angelis endet, sehen viele in Walther Seinsch und auch Ex-Nationalspieler Christoph Metzelder im Aufsichtsrat Hoffnungsträger. Es kommt die Ausgliederung der Profiabteilung, doch die Investoren stehen nicht Schlange, das Geld fließt nicht, vielmehr müssen viele Löcher mit Kraftakten gestopft werden. Seinsch und Christoph Metzelder sind nicht mehr da. Nein, seit 2015 geht es nicht mehr voran. Achter, Neunter, Neunter, Zehnter, Achter - und was folgt im Sommer?

Auch beim Zuschauerschnitt nur Mittelmaß

Und auch das ist problematisch: Das Flaggschiff Preußen Münster hat seinen Charme und die innerstädtische Identität, welche der Verein nach dem Drittliga-Aufstieg 2011 in der Stadt und im Umland entwickelt hatte, verloren. Der Zuschauerschnitt von 6499 Besuchern reicht zu Platz elf in der Liga. Auch hier nur Mittelmaß. Kein Wunder, dass die Sponosorengelder mit rund 4,4 Millionen Euro stagnieren.

Rund um die Preußen geht der Fußballzauber ab, und damit sind nicht nur Borussia Dortmund und Schalke 04 gemeint. Auch die ewigen Rivalen VfL Osnabrück als Zweitligist und Arminia Bielefeld mit Zug in die 1. Bundesliga haben die Adlerträger klar abgehängt. Das war vor fünf, sechs Jahren noch ein Kräftemessen auf Augenhöhe. Nun kämpft der SCP nur ums Überleben, um den Verbleib im Profifußball. Ein erneuter Abstieg hätte wohl keine reinigende Wirkung wie 2006, die Preußen würden für ihre Verhältnisse im Niemandsland abtauchen. Ob es dann ein Comeback gibt? Das ist mehr als ungewiss.

(Dieser Text erschien erstmals am 2. März in der Print-Ausgabe des kicker)

Alexander Heflik