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Schalkes Ex-Sportdirektor Axel Schuster im Interview über Heidel und MLS

Schalkes Ex-Sportdirektor Axel Schuster im Interview

"Bis zu diesem einen Moment auf Schalke... Heidel wollte nicht mehr mitfahren"

Axel Schuster

Arbeitete an der Seite von Christian Heidel in Mainz und auf Schalke: Axel Schuster arbeitet nun als Sportdirektor in Vancouver. picture alliance

Stell dir vor, du spielst ein Pokal-Viertelfinale beim FC Bayern und ein Jura-Student muss dafür sorgen, dass die Mannschaft überhaupt irgendwie nach München kommt. "Die Hotels wurden teilweise von Physiotherapeuten gebucht."

Axel Schuster erinnert sich gut an seine Anfänge und die ersten Gehversuche des FSV Mainz. Der heute 47-Jährige hatte 1992 neben dem Studium als Jugendtrainer in Mainz gearbeitet, "richtig los" ging seine Laufbahn beim damals noch so kleinen Klub aber erst sieben Jahre später. "Man muss sich das so vorstellen, dass bei Mainz 05 zu dem Zeitpunkt drei Angestellte außerhalb des Profi-Teams existiert haben." Die Geschäftsstelle bestand aus zwei Containern, und "Christian Heidel hat diesen ganzen Teil im Prinzip aus seinem Autohaus heraus gesteuert".

Der damalige Zweitligist musste 1999 zum besagten Viertelfinale nach München, und weil der Trainer, Wolfgang Frank, gut fand, wie Schuster die Reise und alles drum herum organisiert hatte, kam Heidel, damals hauptsächlich Autoverkäufer, kurz darauf zum Jura-Absolventen: "Hast du eigentlich noch ein bisschen mehr Zeit? Der Trainer meinte, du müsstest dableiben. Er braucht dich."

Nach einer harten Saison, in der Mainz so gerade den Klassenerhalt geschafft hatte, ging Frank nach Duisburg und wurde von René Vandereycken ersetzt. Schuster hätte zu diesem Zeitpunkt in der Firma seines Vaters arbeiten oder ins Ausland gehen können, doch auch der neue Trainer fand Gefallen an einer Art Teammanager. "Ist ja schön", so Vandereycken, "dass du da unten im Autohaus sitzt, Christian, aber ich hätte gerne einen, der tagtäglich hier ist."

Es sollte ein Übergangsjahr werden - dann kam Jürgen Klopp

Also blieb Schuster, und die Dinge nahmen ihren Lauf. "In diesem Jahr, das so als Übergangsjahr angedacht war, ist Vandereycken entlassen worden, Eckhard Krautzun Trainer geworden, Eckhard Krautzun entlassen worden und Jürgen Klopp Trainer geworden." Unter Klopp hielt Mainz nochmal die Klasse und stieg wenige Jahre später nach zuvor dramatisch gescheiterten Versuchen sogar in die Bundesliga auf. "Joa", sagt Schuster lässig, "und dann ging's halt ewig weiter." Das Bruchwegstadion wurde ausgebaut, Mainz spielte plötzlich international und baute gleich ein neues Stadion, Heidel hatte das Autohaus beiseitegelegt, "und das Wachstum hat nie aufgehört".

Jürgen Klopp und Axel Schuster

"Joa, und dann ging's halt ewig weiter": Schuster über die Zeit mit Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. imago images

Irgendwann war Mainz groß genug und Schuster bereit für eine neue Herausforderung. "Als Christian mir 2016 gesagt hat, dass er nach Schalke geht, standen Fragen im Raum." Er gibt offen zu, dass er nicht der Richtige gewesen wäre, um Heidel in Mainz zu ersetzen. Heidel wollte nach seinem Wechsel aber auch "niemanden abwerben". Das, glaubt Schuster, "wäre in Mainz nicht gut angekommen".

Heidel wartete auf einen Impuls von Schusters Seite, und als der kam, wurde "das Ganze in einem Gespräch unter Freunden" geregelt. Heidel wurde Sportvorstand auf Schalke, Schuster Sportdirektor. Heidel kümmerte sich viel um die Öffentlichkeitsarbeit, Schuster fungierte als Bindeglied zwischen Trainerteam, Mannschaft und Mitarbeitern.

Schuster erfuhr am Tag vor dem Spiel in Mainz von Heidels Rücktritt

"Die Zeit war beeindruckend", blickt Schuster zurück, weiß aber auch, dass es nicht so lief, wie geplant. Heidels erste Amtshandlung, der Trainerwechsel von André Breitenreiter zu Markus Weinzierl, ging nach hinten los. Schalke kehrte erst im Jahr danach, dem ersten unter Domenico Tedesco, zurück ins internationale Geschäft und brach nur eine Saison später komplett ein. "Es wissen alle", sagt Schuster, "dass es mit Christian abrupt zu Ende ging und er in einer Situation zurückgetreten ist, die wirklich schwierig war."

Heidel, so Schuster, sei keiner, der drei oder vier Wochen über eine Entscheidung nachdenkt. "Er ist ein totaler Kämpfer, selbst in der schlechtesten Situation in Mainz oder auf Schalke ist er immer vorangegangen - bis zu diesem einen Moment auf Schalke."

Axel Schuster und Christian Heidel

"Sein Abschied kam abrupt": Schuster über Christian Heidel. picture alliance

Noch vor dem Auswärtsspiel in Mainz (ausgerechnet Mainz) erfuhr Schuster das, was während des 0:3 beim FSV, "einem der Tiefpunkte der Saison", durchsickerte. "Einen Tag vorher kam er zu mir und sagte: 'Ich weiß gar nicht, ob ich mitfahre. Ich werde auf jeden Fall aufhören.'" Gemeinsam hatten beide die Entscheidung getroffen, mit der Verkündung bis nach der Partie zu warten. "Wenn man sich das Spiel dann angeguckt hat, hätten wir es wohl lieber vorher gemacht."

Heidel trat zurück und hinterließ einen Tabellen-14., der sich nur schwer erholte, aber zumindest noch die Klasse hielt. Schuster blieb bis zum Ende der Saison, "anschließend hat Jochen Schneider sein neues Team auf die Beine gestellt". Ein böses Wort verliert Schuster deshalb nicht über Schalke: "Der Verein hat sich oberkorrekt verhalten."

Schuster in Vancouver: Warum es den Whitecaps erstmal nicht um Erfolg geht

Schuster hat sich nie als Mann im Schatten von Heidel gesehen, "bei Transfers und Verträgen war ich genauso involviert." Es war eben "das klare Rollenverständnis", dass Heidel derjenige ist, der "auch mal polarisiert und möglicherweise mal von außen draufschlagen muss".

Seit rund einem halben Jahr ist Schuster nun als Sportdirektor bei den Vancouver Whitecaps in der MLS tätig. Über einen Headhunter, ein Vorstellungsgespräch in London und eines in Vancouver kam es zu diesem eher großen Schritt in den Westen Kanadas. "Ich möchte nichts Negatives über Gelsenkirchen sagen", schwärmt Schuster, "aber selbstverständlich waren meine Frau und meine Tochter nicht wirklich unglücklich über die Wahl Vancouver".

Lucas Cavallini und Axel Schuster

Lucas Cavallini war der mit Abstand teuerste Neuzugang in der Whitecaps-Geschichte. picture alliance

Bei den Whitecaps, dem schlechtesten Western-Conference-Team der Vorsaison, ist die Situation wieder vergleichbar mit den Anfängen in Mainz. "Die Eigentümer", darunter auch die NBA-Ikone Steve Nash, "haben gesagt, dass sie diesen Klub zu einem Ausbildungsklub entwickeln wollen - das ist für sie das Allerwichtigste."

Über 20.000 Kinder und Jugendliche würden in der Umgebung bereits mit dem Whitecaps-Logo auflaufen, so wie einst Alphonso Davies. "Er ist natürlich eine Ausnahme", sagt Schuster über den Senkrechtstarter des FC Bayern und stellt trotzdem klar, dass dessen Name auch heute noch oft genug auf dem Korridor fällt. "Nicht jeder kann ein Alphonso sein, der gleich bei Bayern München auf dem allerhöchsten Niveau Champions League spielt."

Top-Ausbilder der Welt: "Warum sollten wir da nicht mitspielen?"

Für Vancouver geht es darum, nachhaltig zu agieren und neue Methoden zu entwickeln. Einer von sieben Play-off-Plätzen dürfte trotzdem herausspringen, "das wäre sonst ja gar nicht sportlich". Und dennoch: "Wir wollen als Ausbilder verstanden werden, als Sprungbrett nach Europa, und etwas aufbauen. Die Eigentümer kommen, mit der Ausnahme von Steve Nash, aus der IT-Branche und wollen hier, was Analysetechniken, statistische Methoden, Datennutzung und Datenbanken angeht, Maßstäbe setzen und eigene Produkte entwickeln." Das sei ja auch in Mainz schon so gewesen. "Eine Plattform zwischen großen und kleinen Klubs."

Bislang war Schuster vor allem mit der Transferperiode beschäftigt und erzählt stolz, dass Vancouver jetzt über das jüngste Team der MLS verfügt. Im zweiten und bisher letzten Saisonspiel hatten die Whitecaps beim Titelaspiranten L.A. Galaxy das erste Ausrufezeichen gesetzt und 1:0 gewonnen.

Im Gegensatz zu Chicarito oder Zlatan Ibrahimovic verfügt der Kader, den Schuster zusammengestellt hat, über kein Aushängeschild. Aber darum geht es auch nicht. Wenn unter den Top-10-Nachwuchsakademien in Europa "Vereine wie Dinamo Zagreb oder Roter Stern Belgrad" vertreten sind, fragt er sich: "Warum sollten wir da nicht mitspielen?"

Schuster erstmals ohne Heidel: "Wir waren ja keine Zwillinge"

Ein bisschen muss er sich noch gewöhnen an das neue System ("Hier ist jeder Spieler bei der MLS angestellt, die Liga macht also die Verträge") und das neue Leben. In einem Monat, sagt Schuster, beginnt in Vancouver die Jahreszeit, zu der "man morgens an der einen Ecke Ski fahren und am Nachtmittag in der anderen Ecke in der Sonne im Strandcafé einen Wein trinken kann. Das ist Wahnsinn."

Auch ohne Christian Heidel kommt er klar. "Ich muss mal dem Eindruck entgegenwirken, dass wir nur als Zwillinge agiert haben", scherzt Schuster. Irgendwann müsse man sich ja bereitfühlen für etwas Eigenes, für etwas Neues. Wenn er eine Meinung braucht, würde Schuster seinen "überragenden Lehrmeister" jederzeit anrufen. "Aber nach so vielen Jahren der Ausbildung bin ich bereit."

Mario Krischel

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